Brasilien – Bericht von Elisabeth

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Es ist ein komischer Moment kurz bevor man mit schwerem Gepaeck beladen die Empfangshalle des Flughafens betritt. Voller unsicherer Erwartungen und mit der Gewissheit, dass jetzt etwas ganz Neues beginnt. Dann der Sprung ins kalte Wasser – man erkennt die Leute von den Foto wieder, wird in die Arme geschlossen und die strahlenden Gesichter sagen mehr, als das ungeschickte Englisch. Begruessung aus bahianisch mit bunten Baendchen, die beim Zuknoten ums Handgelenk einen Wunsch bei den Goettern der afrikanischen Bevoelkerung gewaehren. Wir werden sehen, ob mein Wunsch in Erfuellung geht, nachdem sich der Stoff von alleine geloest hat, was neben dem Geheimhalten des Wunsches Bedingung ist…

All die Menschen und Orte, die zum Alltag werden, loesen ein Durcheinander an Eindruecken und Gefuehlen aus, deren Gesamtheit glueckliche Erleichterung ist. Ich bin wirklich in einer herzlichen Familie gelandert, die mich aufnimmt wie eine eigene Tochter und es mit so leicht wie moeglich machte mich einzuleben. Das Leben tickt hier in der drittgroessten Stadt Brasiliens, Salvador, schon ziemlich anders, als auf dem stillen Fleckchen Erde Oberlausitz.

Ich wohne in einer Art Wohnsiedlung namens “Condominio”. Hier stehen 100 Haeser, ein Sportplatz und Palmen von einer Mauer umgeben zusammen. An den Einfahrten muss man Kontrollhaesschen passieren, damit sich keine Verbrecher einschmuggeln koennen. Diese geschuetzte Region sollte man als offensichtliche Auslaenderin auch lieber nicht alleine verlassen, weswegen Ausfluege immer abgesprochen werden muessen. Ein Glueck, dass meine Familie jedesmal bereitwilig Taxi spielt, was nicht allen Austauschschueler so geht. Als Ziele sind die 3 grossen Shoppingcentern, die vielleicht 5 Kornis fassen, sehr beliebt. Waehrend Kino umgerechnet nur 3 Euro kostet, kann man vor den Modeboutiken nur von einer Hochzeit mit einem Prinzen traemen. Immer wieder beeindrucken mich dann die Frauen, deren Outfits bis auf die Ohrringe abgestimmte sind, wo immer sie hingehen, im Gegensatz zu den barfussen Kindern, die sich an den Ampeln schaaren, um mit Scheibenputzen Kleingeld zu verdienen. Dann offenbaren sich einem die schier unloesbaren Probleme, vor denen ein dritte Welt Land steht und die sich in denSlums sammeln, die immer wieder zwischen den Gebaeuden der gebildeten, verdienenden Gesellschaft auftauchen. Das ist eine Seiter der Stadt, die neben den unzaehligen Parties leicht in Vergessenheit geraet.

Trotzdem lachen die Menschen wie die Sonne hier mehr und gehen alles unbeschwert, ohne Druck an. Zwaenge wie Puenktlichkeit passen natuerlich nicht zu diesen Leuten, die sich einfach keinen Stress machen. So wird man mit guter Laune, die sich in Musik und Tanz zeigt, fuer das Warten entschaedigt. Musikalitaet und Tanzbeine oder -hueften haben die Brasilianer alle. Es gibt eine Menge brasilianischer Musiker, die denen aus den USA vorgezogen werden und zu deren verschiedenen Rhythmen jeweils auch ein Tanzschritt existiert. Einer fuer mich ungewohnter, als der andere! Nach nun schon 3 Monaten frage ich mich, ob ich, als wirklich total tanzunbegabter Mensch, dises einzige Hinternwackeln jemals, ohne mich vollstaendig zu blamieren, hinkriegen werde.

Da ist fuer mich die Sprache noch einfacher, in der ich mich langsam zu Hause fuehle. Nach all der Zeit kann man sich schon verstaendigen und bekommt immer mehr von den bewegten Gespraechen mit. Die schaetzen die Brasilianer sehr und in was fuer einer Lautstaerke! Selbst in der Schule…

Die Themen sind ungefaehr die gleichen wie in Deutschland, nur, dass ich die Lernweise auf keinen Fall tauschen moechte. Die Lehrer sind juenger und schaffen es trotzdem nicht sich Respekt zu verschaffen, wenn nicht gerade die letzte Stunde vor einer Arbeit, die immer am Freitag von allen Klassen im gleichen Fach geschrieben werden, schlaegt. So erzaehlt der Lehrer sich seine Geschichten zum 101. Mal und die Schueler pinseln (wenn ueberhaupt) ab. Aufgaben, die der Lehrer nicht gleich vormacht, oder Melden mit einzelnen Antworten gibts nicht. Auch, wenn sich alle der freundschaftlichen Beziehung zu den Lehrer ruehmen, die sich typisch brasilianisch in Koerpernaehe zeigt, kommt in den 40 Mann starken Klassen auf keinen Fall mehr dabei raus. Ob es im Endeffekt weniger Arbeit fuer die Schueler ist, fragt sich. Wir bekommen alles nur vor den Latz geknallt und muesst als Preis fuer die verquatschte oder verschlafene Unterrichtszeit eben alles alleine lernen und ueben.

Wie ein Paradiesvogel flattere ich da unter all den Einheimischen rum und es faellt nicht schwer Bekanntschaften zu schliessen. Ich bin die einzige und erste Austauschschuelerin an der 3 Jahre jungen Schule. Was die Noten angeht kann ich leider nicht besonders viel erreichen, aber ich versuche ein bisschen was im Unterricht mitzubekommen und auch ein paar Arbeiten mitzuschreiben, die aber meinstens am Unverstaendnis der Fragen oder der Unfaehigkeit des schnellen Schreibens stichhaltiger portugiesischer Antworten scheitern. Da meine Gastfamilie keine Rotarier sind, besuche ich keine woechentlichen Treffen, aber ich habe mich natuerlich schon im meinem Gastclub vorgestellt. Von da an kann der Club beweisen, dass er ein Maedchen vom Club “Dreilaendereck Oberlausitz” entsendet, beherbergt hat, haben sie doch den Wimpel, den ich stolz ueberreichen konnte. Ich bin einfach nur gluecklich ueber die Chance die mir Rotary bietet, in eine andere Kultur einzutauchen, Freunde aus der ganzen Welt zu finden und nicht zu letzt sich selber kennenzulernen. Tausend Dank fuer diese Moeglichkeit, ich finde es herrlich, dass es Leute gibt, die soetwas moeglich machen!

Ich koennte noch so viel erzaehlen! Aber alles wuerde nur zu den Schluss fuehren, dass ich alles geniesse, von den Mangos am Baum neben meinem Fenster, bis zu den Stunden (ungelogen), die die Maedels auf den Toiletten verbringen, um zu posieren und zu fotografieren. Ebenso ein kuehles Kokoswasser unter wiegenden Palmen, die Fuesse in warmen Sand, die Surfer beobachtend. Nicht zu vergessen: Meine Zeichen- und Capoeirastunden (ein kaemfperischer afrikanischer Tanz, den man zu einfacher Trommelmusik mit mystischen Bewegungen und Spruengen tanzt). Auch meine Gitarre, die ich mitgenommen habe, findet Gebrauch, ergeben sich doch hier die besten Gelegenheiten, um sich was von den Brasilianern, die fast alle irgendein Instrument spielen, abzugucken. …und dann hat sich doch schon fast alles erfuellt, was ich mir gewuenscht habe.

by Elisabeth Starke

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