Canada – 2. Bericht von Marcus

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Monate kommen mir vor wie Tage, Tage wie Stunden und Stunden wie Sekunden… Als wäre es gestern gewesen, dass ich meinen letzten Bericht abgeschickt habe. Die Weihnachtsfeiertage sind vorüber und das Jahr 2007 neigt sich dem Ende zu. Überschattet von wenigen tragischen Ereignissen wird der Austausch jedoch immer interessanter. Auch wenn ich Ottawa schon bis auf den letzten Winkel ausgekundschaftet habe (und die Stadt nun besser kenne als Riesa) wird man Tag für Tag mit neuen Sachen konfrontiert, die dieses Jahr zu einem ganz besonderen Erlebnis machen.

In der Schule wurde mir nun mittlerweile eine Rolle als Lehrer für eine zehnte Klasse in Mathematik zugeteilt und mit einem wundervollen Weihnachtsfest nimmt dieses Kalenderjahr Abschied. Ich hoffe (und bin mir dabei eigentlich ganz sicher), dass Juan auch eine fabelhafte Zeit hat…

Mit Rotary haben wir in den letzten drei Monaten Kingston (die frühere Hauptstadt von Kanada) besucht und uns beim hundertjährigen Geburtstag von Rotary die Bäuche vollgeschlagen. Dieser wurde im Distrikt 7040 während einer Distrikt Konferenz mit einer feierlichen Zeremonie zelebriert, bei der der Schüleraustausch nach dem Programm gegen Polio einen sehr hohen Stellenwert einnahm. Unter dem Motto „Rotary Shares“ wurde jeder Inbound, die Flagge seines Heimatlandes tragend, den Vertretern der Rotary Clubs aus dem Distrikt vorgestellt. Neben den Events mit Rotary besuchte ich mit meiner Gastfamilie ein weiteres Mal Montreal, inklusive dem Expogelände und den alten Stätten der olympischen Spiele, über welchen noch heute das Banner der Deutschen Demokratischen Republik weht. Bei einem Festschmaus an „Thanksgiving“ und einem einwandfreien Weihnachtsbraten (übrigens beides Truthahn) habe ich nun schon vier Kilogramm zugenommen und ich befürchte, dass mich die kulinarischen Genüsse Kanadas auch weiterhin nicht in Ruhe lassen werden.

Vielleicht sollte ich noch etwas tiefer auf das Weihnachtsfest eingehen. Bestehend aus drei offiziellen Feiertagen (Christmas Eve [Weihnachtsabend], welcher der 24.12. ist; Christmas Day [Weihnachtstag], welcher der 25.12. ist und Boxing Day, welcher den Platz des zweiten Weihnachtstages in Deutschland einnehmen würde) belegt das Weihnachtsfest Rang eins als größte Festlichkeit im Verlaufe des Jahres. Die Geschäfte waren bereits Anfang Oktober vollgepackt mit Weihnachtszubehör und Geschenken, wobei man jedoch sagen muss, dass der Tag mit dem größten Umsatz der 26.12. ist. Die Gründe hierfür sind mir immer noch unklar, aber das Wort „Weihnachtsschlussverkauf“ trifft es glaube ich am besten. Mit Sonderangeboten vollgepackt stellen große Einkaufszentrum Ziel Nummer eins für Schnäppchenjäger an den Tagen nach Weihnachten dar. Da stellt sich ja dann nur noch die Frage, woher nach Weihnachten noch so viel Geld für Großeinkäufe kommt… Ich jedenfalls habe meine letzten Einkäufe auch erst am 22.12. gemacht (Schande über mich!), was ich allerdings im Nachhinein bereue. Um vielleicht mal ein Beispiel zu nennen, in „Chapters“ (der größten Buchhandelskette Kanadas) habe ich sagenhafte 47 Minuten und 24 Sekunden an der Kasse angestanden… Der öffentliche Personennahverkehr bekam es jedoch noch viel härter zu spüren. Davon ausgehend, dass alle 3 Minuten ein Bus in meinen Stadtteil Ottawas fährt, musste ich wegen Überfüllung auf Bus Nummer 23 warten (eine Stunde und zehn Minuten Wartezeit), bis ich mir schließlich einen Stehplatz „erquetschen“ konnte. An den Tagen vor Weihnachten und am Weihnachtsabend habe ich verschiedenste Gottesdienste mit meinen Freunden und meiner Familie besucht, was mir unter anderem viel Kraft für das Familienfest gegeben hat. Der letzte Gottesdienst am Weihnachtsabend wurde in einer alten Kirche in der Nacht bei Kerzenschein gehalten, was sehr beeindruckend war. Die letzten Vorbereitungen wurden am 24.12. getroffen. Das beinhaltet unter anderem Geschenke verpacken und Socken am Kamin aufhängen. Der Morgen des 25.12. begann für mich mit einem riesigen Schreck – ich wurde von meiner 12–jährigen Gastschwester geweckt! Das klingt ja nicht schlimm, wenn man aber bedenkt, dass es gegen sieben Uhr am Morgen mir der Laustärke eines startenden Jets mit beschädigten Triebwerken war, kann man es tatsächlich als Schreck bezeichnen. Die ganze Aufregung ist aber auch nur aufgekommen, weil unter dem Weihnachtsbaum Geschenke zu finden waren… Was für eine Überraschung (wurden unter anderem auch von mir dort platziert). Nach dem öffnen der Geschenke und einem reichhaltigen Frühstück, war der Tag auch schon halb vorüber (das Frühstück zog sich bis in den Nachmittag). Eine Erklärung dafür könnte der von meiner Familie in Deutschland geschickte Dresdner Christstollen sein… Das Abendessen war dann um zehn Uhr Abends serviert und nach dem dreimaligen anschauen der weltweit bekannten Weihnachtsgeschichten von Charles Dickens neigte sich auch der Weihnachtstag dem Ende zu. Die nächsten Tage bis zum neuen Jahr werde ich bei dem leiblichen Vater meiner Gastgeschwister verbringen.

Ein weiteres Phänomen, das aufgetreten ist in der Zeit, die ich nun schon hier bin, ist ein Schneerekord. Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen ist im Dezember noch nicht so viel Schnee gefallen Jahr. Ein weiterer Wunsch geht in Erfüllung – ein echter kanadischer Winter. Wenn ich dann aber selbst die einheimischen sagen höre, dass sie in ihrem Leben noch nie so viel Schnee gesehen haben, ist das schon ziemlich beeindruckend. Der Wintertraum hat nur einen Haken, mein Gastbruder und ich haben Schneedienst! Der Schneehaufen vor dem Haus misst mittlerweile 2,3 Meter. Auch die kurze Wärmeperiode um Weihnachten hat da nicht Abhilfe schaffen können… Die kältesten Tage werden für Januar und Februar erwartet, wofür die Leute hier den bisherigen Kälterekord von -20°C als recht angenehm bezeichnen.

Weitere interessante Sachen sind zum Beispiel das Wohltätigkeitsengagement meiner Schule. Gemeinsam mit ein paar Mitschülern haben „die Rotary Kids“ (mein Gastbruder und ich) einige Projekte gestartet, die ohne Ausnahme erfolgreich waren. Unter dem Motto „Dollars for Darfur“ zum Beispiel wurde in Bell High School eine Spielhallen – Maschine aufgestellt, die nun Woche für Woche Geld sammelt, um eine Schule in Darfur zu unterstützen. Ein zweites Projekt unter dem Namen „30 Hour Famine“ spielte 50000$ ein, die zum Bau einer Schule in Kenia verwendet wurden (und im Übrigen den gesamten Komplex damit vollständig bezahlt haben). Eine Gruppe von 80 Schülern hat sich an einem Freitagnachmittag in der Schule zusammen gefunden, um für 30 Stunden gemeinsam zu hungern. Dafür hat ihnen ein Sponsor Geld gegeben und die Gesamteinnahmen dieses Tages belaufen sich auf 50000$. Die neu entstandene Schule ist nun die Partnerschule der Bell High School.

Ich könnte sicher noch viel erzählen, aber ich muss mir ja auch ein paar Geschichten für meine Rückkehr aufsparen…

Ich wünsche Ihnen allen einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Mit freundlichen Grüßen

Marcus Lorenz

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