Argentinien – 1. Bericht von Alexandra

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Liebe Rotarier,

endlich  melde ich mich mit meinem Bericht aus Argentinien. Mein Austauschjahr hätte nicht lustiger beginnen können:

 

Unvergesslich, der Auftritt am Flughafen in Corrientes als die Stewardess nach der Landung an der Flugzeugtüre nachfragte, ob dies der Flughafen von Resistencia (der Nachbarstadt) oder wirklich unser Zielort Corrientes sei. Willkommen in Argentinien dem Land der Unorganisiertheit!   

 

Um diesem Ruf  gerecht zu werden, mussten wir über das Rollfeld zur Ankunftshalle des winzigen Flughafens laufen. Eigentlich wollten wir uns dort noch ein wenig frisch machen nach unserer langen Flugreise, aber (aufgepasst!) unsere Familien standen schon in der Tür. Ihr müsst euch den Flughafen wie eine kleine Wohnung mit  2  nebeneinander liegenden Zimmern vorstellen: eines mit einem klitzekleinen Gepäckband und das andere Zimmer voll argentinischer Gastfamilien die freudig darauf warteten ihren  neuen Zuwachs zu empfangen. Einige Gastfamilien kamen bereits auf uns zugestürmt, andere waren noch auf der Suche nach dem/der richtigen Austauschschüler/in. Wäre ich nicht so nervös gewesen, hätte ich mich sicherlich halb tot gelacht  angesichts dieser lustigen Situation und des Flughafens. Diesen Anblick werde ich sicherlich niiie vergessen!

 

Mittlerweile hat sich so einiges geändert, weshalb ich euch auch gar nicht länger auf die Folter spannen werde. Ahí está:

 

Jetzt ist Frühling in Argentinien mit 30Grad und es wird immer wärmer… Mhhm, soll ich euch eifersüchtig machen?! Ich sitze gleich beim Balkon; heute ist einer dieser wunderschoenen lauen Sommerabende mit einer angenehmen, milden Brise in der Luft. Wetter Deluxe!

 

Das Phänomen „Alltag“ hat mich sogar bis Argentinien verfolgt. Glücklicherweise hat es die Intensität eines „Alltagstrotts“ [noch?] nicht erreicht, da ich mich schon morgens beim Aufwachen freue in dem wunderschönen Argentinien  zu sein. Was meinen Alltag kein bisschen grau aussehen lässt und meine Endorphine ziemlich in Aufregung versetzt.

 

Mein Tag beginnt um 6 Uhr morgens in meinem Bett und endet dort meistens so gegen 24 Uhr. Dazwischen werde ich von meiner Gastmutter Anita zusammen mit meiner Gastschwester Nadia (18) in die Schule gefahren, welche um punkt 7 Uhr beginnt.

 

Ach ja, die Uniform besteht aus einer weißen Bluse mit roter Krawatte und dazu wahlweise einem Minirock oder dunkelblaue Jeans.

 

In der Schule angekommen stellen wir uns kursweise und in alphabetischer Reihenfolge im Hof auf, wo jeden morgen die argentinische Flagge gehisst und dazu die Hymne gespielt wird (um das laute Quietschen der Flagge am Mast zu übertönen). Nach einer kurzen Ansprache seitens der Direktorin wird katholisch gebetet. (D.h. die Lehrer beten und wir Schüler schlafen noch ein bisschen im stehen.) Anschließend gehen wir ins Klassenzimmer und der Unterricht beginnt.

 

Der Unterricht ist ziemlich locker gestaltet, denn niemand schenkt dem  Lehrer zu große Beachtung und diese scheint das meistens nicht wirklich zu stören. Am Anfang der Stunde wird gequatscht und getratscht bis der Lehrer die zu lösenden Aufgaben diktiert. Danach ist es jedem Schüler selbst überlassen ob er die Aufgaben bearbeitet oder sich lieber lautstark mit den Klassenkameraden unterhält. Letzteres wird meist bevorzugt und endet erst mit der Pausenklingel, denn dann verlegen sich die Aktivitäten in den Pausenhof.

 

Meine Klassenkameraden haben mich bereits in die hohe Kunst des argentinischen Kartenspiels „Truco“ eingeweiht, das wir in den vielen Freistunden, Pausen und auch zwischendurch ausüben. Bis jetzt überblicke ich noch nicht alle Regeln dieses verzwickten Spieles, aber mein Lieblingsbanknachbar Pipo steht mir immer geduldig mit Rat und Tat zur Seite bzw. gegenüber als Teamführer und Spielkumpane. Alles in Allem ein angenehmer Zeitvertreib zwischen 7 und 13 Uhr.

 

 

Um 13 Uhr werden wir wieder mit dem Auto abgeholt und nach einem kleinen Tischgebet wird zu Mittag gegessen. Das Essen hat mir bisher immer sehr gut geschmeckt, obwohl die Zusammenstellung recht ungewöhnlich ist: z. B. Hühnchen mit Würstchen und Süßkartoffeln.

 

In der Mittagshitze leistet mir mein treuer Freund, der Ventilator, Gesellschaft bei meiner Siesta (Mittagsnickerchen, täglich  von 14- ca.17 Uhr) an die ich mich nur all zu schnell gewöhnt habe.

 

Um mich in meiner restlichen Freizeit zu beschäftigen habe ich angefangen Gitarre zu spielen und als wäre das noch nicht genug des Enthusiasmus, habe ich mir, um einigermaßen professionell zu erscheinen, eine original argentinische Gitarre gekauft. Jeden Montag- und Mittwochabend habe ich also Gitarrenunterricht mit Ema, einem Klassenkameraden und mittlerweile gutem Freund.

 

Demnächst werde ich vielleicht auch auf dem Tanzparketts dieser Welt glänzen können, denn ich belege neuerdings zweimal die Woche einen lateinamerikanischen Tanzkurs, der mir viel Spaß macht.

 

Jeden Montagabend ab ca. 9 Uhr (argentinische Zeit – also immer ein bisschen später als “geplant“), nach dem Gitarrenunterricht, gehe ich zum Rotaryclubtreffen. Der örtliche Rotaryclub „Gualok“ besteht aus ca. 10 Mitgliedern die mich alle sehr nett empfangen haben und sich immer über meine Anwesenheit bei den Treffen freuen. Letzten Freitagnachmittag habe ich ebenfalls an dem von Rotary organisierten „Marcha de la Tolerancia“ (Fest zum Tag der Toleranz) teilgenommen und war daraufhin in der Zeitung zu sehen. Als wäre das noch nicht genug, wurde mir mitgeteilt, es sei eine Zeitungsreportage über mich und meinen Austausch in Argentinien in Planung. Juhuu, ich werde berühmt in Argentinien!

 

Alles in Allem freue ich mich jeden Tag aufs Neue für ein Jahr hier sein zu dürfen. Muchas Gracias  – Vielen Dank an Rotary dafür.

 

Alexandra Meyer, Distrikt 4790 / Chaco, Argentina

 

Foto von meinen Truco-Partnern und mir.

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