Argentinien – 1. Bericht von Sylvia

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Liebe Rotarier, liebe Familie, liebe Freunde, lieber Rest der Welt!

Es erscheint mir absolut unglaublich, dass ich jetzt schon einen Monat in Argentinien bin – so lange war ich noch nie ohne Eltern weg. Es kommt mir immer noch alles wie ein Traum vor und ich frage mich, wann ich endlich realisiere, dass ich es gepackt hab. Ein ganzes Jahr Vorbereitung, so viel Papiere und Streit mit Behörden haben plötzlich so viel Sinn und haben sich vollkommen gelohnt. Ich bin in einer anderen Welt. Ich weiß noch, wie ich die Woche vor meinem Abflug zu Hause saß und gejammert hab, dass ich nicht weg will – aber jetzt bin ich so froh, dass ich das alles gemacht hab.

 

Die schreckliche Aufregung am Morgen des 20. Augusts, der ewig lange und unangenehme Flug, das sehr „interessante“ Hotel in Buenos Aires und die Ankunft im wunderschönen Mendoza – all das kommt mir so lange her vor. Aber das ist ja eigentlich das beste Zeichen, dass ich mich gut eingelebt habe. In meinem Haus hier habe ich mich eigentlich sofort wie zu Hause gefühlt. Die ersten Tage waren ziemlich anstrengend. Der Jetleg, die neue Umgebung (andere Luft, anderes Wasser), die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht und letztlich auch die laute stark befahrene Straße, die direkt am Haus gelegen ist, ließen mich nicht gerade gut schlafen. Aber ich war sehr erstaunt, wie schnell sich der menschliche Körper auf sowas einstellt. Nach drei Tagen fühlte ich mich wesentlich besser.

Als ich die Stadt zum ersten Mal sah, war ich sehr beeindruckt. Ich hätte nicht gedacht, dass sie SO nah an den Bergen gelegen ist. Auf der Fahrt vom Flughafen zum Haus war ich nicht unbedingt angetan. Alles sah total verdorrt und schmutzig aus und auf den Straßen liefen streunende Hunde rum. Aber tja – mittlerweile merke ich das nicht mehr, bzw. es stört mich nicht. Das einzige, was mir in meinem Haus hier fehlt ist Teppich oder Holzboden, weil ich Fließen nicht mag und eine Heizung wäre besonders in der ersten Woche ab und an auch ganz gut gewesen, aber jetzt wird Frühling und es ist sehr warm! Ich würde mal sagen, es gibt einen entscheidenden Hauptgrund warum ich mich hier so außergewöhnlich wohl fühle: meine Gastfamilie! Ich weiß nicht, ob sie in irgendeiner Weise hätte besser sein können – ich glaube nicht! Es ist eine ziemlich große Familie und hier ist immer etwas los, man findet immer jemanden zum quatschen und sonntags kommen alle zum Mittagessen. Die Familie besteht aus meinem Gastvater Elio und meiner Gastmutter Miriam. Mit im Haus lebt noch meine kleine Gastschwester Rocío (5 Jahre). Das ist auch eine neue Erfahrung für mich, weil ich ja zu Hause immer die kleinste bin. Meine Gastschwester Macarena (16 Jahre) geht im Januar nach Deutschland und lebt bei ihrer leiblichen Mutter, ist aber oft bei ihrem Vater (also in unserem Haus). Meine Gastbrüder (Söhne von Miriam) Miguel und Jorge (21 und 16 Jahre) leben bei ihrer Oma (also Miriams Mutter). Das Haus ist aber gleich um die Ecke und deswegen sind sie oft da, bzw. ich gehe auch oft die Oma besuchen, die mich so behandelt, als wäre ich ihre leibliche Enkelin. Meine älteste Gastschwester, Lorena (27 Jahre),  ist schon verheiratet und hat zwei Söhne und lebt mit ihrem Mann zusammen, aber auch nicht wirklich weit weg von hier. Im Moment ist sie im 2. Monat schwanger und ich werde dann sogar noch hier sein, wenn das Baby auf die Welt kommt – kann’s kaum erwarten. Von den hunderttausend Onkeln, Nichten, Neffen und so weiter will ich jetzt gar nicht anfangen…

Naja, jedenfalls ist meine Familie einfach genial und das Essen ist auch super. Ich hab sogar mein eigenes Badezimmer.
Mendoza ist eine wunderschöne Stadt, sie ist auch Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Sie ist von Bergen, Halbwüste und Weinfeldern umschlossen und das Klima ist sehr trocken. Die Sonne scheint oft. Es gibt in jeder (wirklich jeder!) Straße Bäume. Außerdem gibt es Bewässerungsgräben an den Straßenrändern (ungefähr 70 cm breit und ebenso tief). So werden alle Bäume künstlich bewässert. Übrigens habe ich es schon fertig gebracht, spät in der Nacht in so ein Ding reinzufallen. Abgesehen davon, dass ich mir dabei hätte alle möglichen Knochen brechen können, war es eigentlich ganz lustig. (Und nein, es war kein Alkohol im Spiel!) Zusammen mit allen Vororten sind es ungefähr 1,1 Millionen Einwohner, im Zentrum leben ungefähr 100 000. Ich lebe in einem dieser Vororte (Las Heras), brauch aber nur 10 Minuten bis ins Zentrum (mit dem Auto). Der Übergang zwischen Vororten und Zentrum ist fließend und auch wenn diese Orte nicht als Stadteile von Mendoza Capital, sondern als eigene Einheiten in der Provinz gesehen werden, sind sie für mich wie Stadtteile (ähnlich wie z.B. in Berlin). Es gibt auch viele schöne Plätze und Rabatten hier sowie zwei große Parks.

Natürlich muss ich hier auch in die Schule gehen. Den ersten Tag als ich in die Schule gehen wollte, konnte ich gleich wieder nach Hause fahren – es gab einen Streik! Beim zweiten Anlauf hat es dann aber geklappt. Die Schule ist ziemlich klein, weil es nur 3 Jahrgangsstufen gibt – da es in diesen 3 Stufen allerdings 400 Schüler gibt, ist sie auf Deutschland übertragen ziemlich groß. In Weißwasser gibt es in der Sekundarstufe II ja nur noch ungefähr 80, oder? Jedenfalls find ich es recht angenehm – ich kann mich nicht verlaufen und es gibt auch keine Konflikte mit jüngeren Schülern. In Argentinien gibt es auch viele private Schulen, die einen besseren Ruf haben als die staatlichen. Meine Gastschwester ist zum Beispiel auf einer Privatschule. Die „Escuela del Magisterio“ ist schwer zu zuordnen. Sie gehört zur Universität der Stadt und ist somit weder privat noch staatlich und soll die Schüler aufs Studium vorbereiten. Zum heiß diskutierten Thema der Schuluniform: die ist hier eigentlich an jeder Schule üblich. Ich bin fast ein bisschen traurig, dass es an meiner keine gibt – das wäre mal eine Erfahrung gewesen. Unsere Kleidungsvorschrift besteht lediglich in einer dunkelblauen Hose und einem blauen oder weißen T-Shirt. Aber in Prinzip kann ich abgesehen von der Farbvorschrift anziehen, was ich will. Trotzdem mach ich mir morgens nicht mehr so viele Gedanken (was sehr entspannend ist) und man geht auch einfach mal im Jogginganzug (na ja jedenfalls in der Schule ist hier die Kleidung nicht wichtig!). Jeden Morgen wird vor dem Unterricht die Flagge gehisst und nach dem Unterricht wieder eingeholt. Alle Schüler sind auf dem Hof, zu feierlicher Musik und keiner spricht ein Wort, weil hier alle auf Flagge, Hymne und so weiter sehr stolz sind. Das kann ich mir irgendwie in Deutschland gar nicht vorstellen. Da war ich übrigens erst zwei Mal dabei, weil ich (wie viele andere auch) irgendwie jeden Morgen zu spät bin, ganz egal wie zeitig wir von zu Hause los fahren, pünktlich bin ich nie! Aber mit Pünktlichkeit nimmt’s hier (zum Glück) sowieso keiner so genau. Wenn es heißt: Wir treffen uns um 9 Uhr – dann fährt man um 9 Uhr von zu Hause los. Und wenn’s zum Unterricht klingelt, dann dauert das mindestens erst einmal zehn Minuten, bis alle in der Klasse sind.

An der Schule gibt es drei Module: Naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich und Kunst und Kommunikation. Ich bin im Kunst-Kommunikations- und Designkurs. Das ist so ähnlich wie bei uns das künstlerische Profil – wir sind 26 Mädchen und vier Jungs. Meine Fächer sind: Geschichte, Mathe, Kommunikationswissenschaft, Biologie, Literatur, Englisch, Musik, Sport, Kunst, Design, Französisch und ein Fach, das ich schlecht beschreiben kann. Ich versteh im Unterricht eigentlich schon mehr als erwartet. In Mathe, Geschichte, Englisch, Musik, Sport und Französisch kann ich gut mitarbeiten. Diese Horrorgeschichten, von wegen, dass im Unterricht hier jeder macht, was er will und niemand arbeitet, kann ich eigentlich nicht bestätigen. Es ist schon ein bisschen unruhiger als bei uns. Letztens hat einfach jemand angefangen Gitarre zu spielen. Aber in meiner Klasse wird eigentlich die meiste Zeit ernsthaft gearbeitet. So wie in Deutschland eben. Das Niveau der Fächer finde ich jetzt auch nicht gerade niedrig – Mathe, Bio… wie bei uns. In Englisch wird hier scheinbar einiges falsch gemacht, weil die meisten Schüler kaum ein Wort rausbringen. Sportunterricht ist hier auch eine Katastrophe, weil man strenggenommen gar nichts macht. Aber na ja, das wichtigste sind ja eigentlich meine Klassenkameraden. Die Leute sind alle super nett und irgendjemand hat immer Zeit für mich. Alle sind sehr neugierig und stellen viele (manchmal auch komische) Fragen, da sie so viel über Deutschland wissen, wie ich vor diesem Austausch über Argentinien wusste –und das ist nicht viel. Das Englisch meiner Freunde ist eher mäßig, was natürlich für mich noch mehr Ansporn ist, mein Spanisch zu verbessern. Im Moment fühle ich mich noch ein bisschen wie ein Alien, aber ich glaube, in einem Monat oder so wird das besser und dann habe ich hoffentlich auch schon ein paar richtig gute Freunde gefunden. Übrigens: es passiert öfters das Leute im Gang auf mich zukommen und sagen „Ich hasse dich.“ Na ja, natürlich nur aus Spaß – wie Fußball doch die Welt beeinflusst. Und: echt jeder fragt mich, ob wir diesen dämlichen Tintenfisch gegessen haben – was weiß ich denn!

Ich bin sehr glücklich, dass ich auch hier meinem liebsten Hobby nachgehen kann – Basketball spielen. Gleich nach meiner Ankunft hab ich rumgefragt, ob es hier irgendwo einen Club gibt. Ein Mädchen aus meiner Klasse hat mich dann mit zum Training genommen. Es ist echt toll, wenn man irgendeinen Sport macht, weil man so auch viele neue Leute kennenlernt. Aber hier läuft es echt ein bisschen anders – wir trainieren draußen vor der Halle auf irgendwelchem Steinfußboden (hauptsächlich weil wir die Mädchen sind und die Jungs in der Halle spielen dürfen). Da merke ich mal, wie wir in Deutschland verwöhnt werden. Ich hab fast jeden Abend Training.

Mein Tag ist eigentlich ziemlich ausgefüllt. Von 7.40 Uhr bis 13.30 Uhr Schule (manchmal auch länger), von 16.30 Uhr bis 18.30 Uhr Spanischkurs und von 20.00 Uhr bis 22.00 Uhr Training. Wenn ich zu Hause bin dann esse ich, oder schlafe ich. Denn irgendwie schlafe ich hier nachts viel weniger als in Deutschland, da wir auch erst zu spät Abendbrot essen. Und deswegen schlafe ich hier nachmittags oder abends um 7 einfach mal zwei Stunden – hätte nie gedacht, dass ich das mal mache! Oft fahren mich meine lieben Gasteltern mit dem Auto durch die Gegend, aber seit kurzem bin ich so weit, dass ich selbstständig den Bus benutze. Fahrrad fahren ist hier keine Option, höchstens Selbstmord – es ist hier schon mit dem Auto gefährlich. Bus fahren klingt jetzt zwar nicht so besonders schwer, aber das war für mich gar nicht so leicht, weil man hier nie weiß, wann die Busse fahren und ich halt auch ein bisschen schlecht auf Spanisch fragen kann, wenn ich mal falsch bin.

Welch eine gute Überleitung zum Thema „Spanisch“. Na ja, was soll ich sagen – nicht selten kamen mir hier einige Sachen Spanisch vor. Ich bin froh, dass ich in Deutschland schon mit Lernen angefangen habe und ich staune wie konversationsfähig ich schon bin. Außerdem bin ich glücklich, dass ich den Spanischkurs machen kann (Montag – Donnerstag, täglich zwei Stunden). Und ich finde es sehr erstaunlich, wie gut man sich auch ohne Worte versteht. Wie viel ein freundliches Lächeln bewirken kann! PS: Es ist eine Lüge, dass man ohne Grundkenntnisse in Spanisch gut durch Argentinien kommt! Was allerdings keine Lüge ist: Argentinier sind unbeschreiblich freundlich und helfen jedem Fremden so gut sie können und geben sich größte Mühe einen zu verstehen.

Die Leute hier sind im Allgemeinen ungeheuer liebenswürdig und nett. Sie sind sehr offen und akzeptieren einen so, wie man ist, man wird sofort aufgenommen. Alle erscheinen mir ein bisschen entspannter als in Deutschland und sie machen sich auch irgendwie keinen Kopf was andere über sie denken – sie lassen einfach alle Gefühle raus und sind nicht so schüchtern. Und ich glaube vielleicht auch deshalb kommen sie mir glücklicher und zufriedener vor.

Ich habe mich bereits auch meinem Rotary Club hier vorgestellt und wurde sehr herzlich empfangen. Vor einer Woche hatten wir auch das erste Treffen mit allen Inbounds aus dem Distrikt (dieser umfasst die Provinzen Mendoza, San Juan und San Luís). Das war sehr lustig. Wie waren unter anderem auch eine Vinothek besichtigen. In meinem Distrikt sind 4 Deutsche, 2 Amis, 3 Französinnen, 1 Japanerin und 1 Österreicherin. Letztgenannte, Marlene, lebt auch hier in Mendoza Capital, geht täglich mit mir zum Spanischkurs und ist eigentlich meine beste Freundin hier. Wir haben nur selten Verständigungsprobleme (Leiberl=T-Shirt???). Leider hat sie eine nicht gerade tolle Familie erwischt.

Zum Schluss fehlt natürlich noch das Wichtigste: das Essen! Das ist hier wirklich ausgezeichnet. Und ja, die Argentinier essen wirklich viel Fleisch. Aber es ist jetzt nicht so viel, dass es mich stört. Wir essen immer sehr viel Obst und Gemüse. Das ist hier echt preiswert und das Obst ist so lecker und saftig… Zitronen haben wir übrigens selbst im Garten (Palmen auch!). Das Fleisch – lecker, zart, saftig, frisch. Das größte hier ist natürlich Asado. Also praktisch Grillen im Großformat. Ansonsten gibt’s hier auch Nudeln, Reis und Brot (leider kein Schwarzbrot) – also ich verhungere nicht! Meine Leibgerichte hier sind Palta – so eine Art Guacamole und Dulce de Leche (ähnlich wie Nutella, nur besser).

Ich muss auch sagen, dass ich essenstechnisch sehr offen geworden bin. Während ich in Deutschland doch recht wählerisch war, probier ich jetzt einfach alles, was man mir anbietet, egal wie komisch es aussieht. Meistens lohnt sich das.

Eigentlich bleibt mir jetzt nichts mehr als DANKE zu sagen. Danke, dass ich diese unglaubliche Erfahrung machen kann. Danke an den Rotary Club Weißwasser, der mich unterstützt und auch an den Distrikt 1880, besonders an die Rotexer, die jede noch so dämliche Frage über sich ergehen lassen. Ebenso vielen Dank an den Rotary Club Las Heras, der mich so freundlich aufgenommen hat (obwohl das jetzt eh keiner von denen liest). Danke an alle meine Freunde, mein Basketballteam, die Leute aus der Schule, meine Familie – ihr habt mich unterstützt und mir Mut gemacht. Einen ganz besonderen großen Dank muss ich an meine Eltern richten. Mama, Papa – ich hab euch so lieb! Ich weiß, dass euch das total schwer gefallen ist, mich gehen zu lassen und dass ihr noch viel mehr Angst hattet und aufgeregter wart als ich (obwohl das kaum möglich war). Aber ich freue mich so, dass ihr „ja“ gesagt habt und für eure Unterstützung werde ich wohl auf ewig dankbar sein!

Irgendwann, es ist schon eine ganze Weile her, da hab ich in dem Bericht eines anderen Outbounds gelesen: „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum.“ Ich bin schon ziemlich stolz, dass ich das mache und dass ich wirklich was durchgezogen hab und nicht nur drüber geredet. Ich konnte, durch die Hilfe von vielen lieben Menschen und durch meinen eigenen Willen, den größten Traum meines Lebens wahr machen. Und schon nach einem Monat habe ich so unglaublich viel gesehen, dass mir ein bisschen die Worte fehlen und ich glaube, dass ich noch so viel Neues, Tolles erleben werde! Wenn man die Chance dazu hat – dann sollte man sich ab und an auf etwas Neues und Unbekanntes einlassen – auch wenn das nicht leicht ist und man sich vielleicht dazu zwingen muss – man wird nicht enttäuscht!
Viele liebe Grüße aus Argentinien,

Sylvia Hoffmann

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