Brasilien – 1. Bericht von Anna-Maria

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Hallo Deutschland,
nun bin ich schon fast zwei Monate in Brasilien. Noch nie war ich so lang und weit von zu Hause fort. Das ich nun für ein ganzes Jahr in einem weit entfernten Land wohne, fällt mir schwer zu realisieren. Denn es ist einfach alles so wunderbar hier. Brasilien ist ein Land wo ich es ich glaub alles an Farben, Formen, Größen, Religionen, Temperamenten, Musikrichtungen, etc. gibt. Dieser Nervenkitzel des Neuentdeckens hat bei mir noch nicht nach gelassen. Auch wenn ich zu Beginn von dem Entschluss das Brasilien mein Gastland sein soll nicht grad hocherfreut war. Glaube ich nun, das es das beste war, was ich bekommen konnte. Aber ich möchte nun Reihe nach alles berichten. Der Anfang meiner Abenteuerreise beginnt am 5.August mit dem Abschied von meinen Liebsten. Um das so leicht wie möglich zu machen, sagte ich allen zu Hause „tschüss“ und fuhr mit nur einem Freund nach Dresden. Dieser holte mich bereits um drei ab, obwohl mein Flieger erst 20.00 Uhr startete. Denn meine Freunde waren mit meinem Vorhaben „klanglos zu verschwinden“ nicht einverstanden und überraschten mich mit einem Abschiedspicknick vor dem Flughafen. So wurde das Gehen doch sehr tränenreich.

Als ich dann mir zwei anderen Austauschschülern im Flugzeug saß war aller Kummer plötzlich wie weggeblasen. Und als wir erst in Frankfurt auf die circa achtzig anderen trafen, wurde ich immer aufgeregter. Die Spannung und Vorfreude auf das was mich in dem unbekannten Brasilien erwartet war enorm. Wie es wohl sein wird so weit weg von der vertrauten Heimat? Ob ich mit der Sprache klar kommen werde? Ob mich meine Familie mag und wie ich ihr begegnen soll. Umarmen oder doch lieber die Hand geben? Das und viele andere Gedanken schwirrten mir durch den Kopf, so das die 12 Stunden bis Sao Paulo wie im Flug vergingen.

Von allen Rotary-Austauschschülern im Flugzeug, war ich die Einzige welche nach Uberlandia weiter fliegen wollte. Die Zeit zum Umchecken war gering, ich kannte mich am Flughafen nicht aus und verstand kein einziges Wort Portugiesisch. Mein verzweifelter Blick muss wohl aufgefallen sein und so fragte mich ein netter und vor allem englischsprechender Herr, wo ich denn hin will. Gott sei Dank (und das mein ich wirklich) hatten wir dasselbe Ziel. Wir fuhren mit einem Bus zu unserem Flieger und ob ich diesen allein gefunden hätte ist für mich noch fraglich. Uns erwartete eine kleine und schon recht alte Maschine für einen kurzen Innlandflug.

Im Flugzeug saßen schätzungsweise fünfzehn Personen und die eine Stewardess hatte Zeit und unterhielt sich mit mir und bot mir Essen an. Aber ich war weder hungrig noch müde. Nach einer weiteren Stunde erreichte ich mein Ziel, 8.55Uhr. Es war ein sehr kleiner Flughafen und als ich am Gepäckband stand und ungeduldig wartete sah ich am Ausgang viele winkende Hände. Außerdem Menschen, welche die Security immer wieder hinter die Absperrung schon und einen großen Banner mit der Aufschrift „Bem vindo, Herzlich Willkommen Anna-Maria“. Ich packte meinen Rucksack schnell auf einen Gepäckwagen und ging freudestrahlend und zügig meiner Familie entgegen.

Jegliche Sorgen vorher, wie ich meine Gastfamilie begrüßen soll waren überflüssig. Denn ich wurde von allen gleich, wie es hier im Lande so üblich ist mit Küsschen überhäuft und aus herzlichste aufgenommen. Mein Begrüßungskomitee bestand aus Rotariern und meinen kompletten Gastfamilien. Mit dem Jeep fuhren wir in meine neue Heimatstadt Araguari, diese liegt südlich von der Hauptstadt Brasilia. Die Autofahrt dauerte ungefähr eine halbe Stunde, trotz des ziemlich rasanten Fahrstils meines Vaters.

Die Landschaft durch welche sich die einspurig und viel befahrene Autobahn schlängelte beeindruckte mich. Kahle Bäume, versteppte Wiesen, endlose Felder und tiefe Täler zierten die Umgebung der Straße. Das Ortseingangschild von Araguari ähnelt in der Aufmachung dem Hollywoodschriftzug. Wir hielten an und veranstalteten unser erstes kleines Fotoshooting, was glaube ich alle Brasilianerinnen lieben. Am Haus angekommen erklärte mein Vater, dass das nun mein „zu Hause“ ist. Als ich hineingegangen bin, fielen mir sofort zwei Unterschiede im Baustil der Häuser auf. Erstens hohe Mauern um jedes Haus. Welche zusätzlich durch einen Elektrozaun geschmückt sind, dies soll wohl unerwünschte Gäste fern halten. Des weiteren überraschte mich, dass sich hinter der Haustür gleich die Wohnstube befand. Aber ein Flur oder ähnliches wäre hier ja auch überflüssig, denn Schuhe werden nicht ausgezogen, Jacken sind unnütz und mit Sicherheit braucht man die Wärme hier nicht speichern. 😉

Jedenfalls warteten dort schon „vovô e vovó“ (Großvater und Großmutter). Und in der nächsten Stunde trudelte auch der Rest der Familie ein. Alle wollten mich begrüßen, das war sehr schön. Ich wurde wirklich prima hier aufgenommen und die offene Mentalität sowie das Temperament der
Menschen machte mir das Eingewöhnen bzw. Wohlfühlen leicht. Mit meiner ersten Gastfamilie verstehe ich mich wirklich klasse. Anfangs denke ich, war das Verhältnis zu meinem Vater besser, als wie zu meiner Mutter. Das kam wohl daher, dass sie kein Englisch versteht und unsere Kommunikation gering war. Falls sie überhaupt statt fand, beruhte sie auf Pantomime und meinem kleinen Wörterbuch. Mittlerweile gibt es da keinen Unterschied mehr.

Mit Lara, meiner Mutter koche ich sehr gern zusammen bzw. ich bekoche die Familie mit deutschen Leckereien. Hier habe ich drei Schwestern in meinem Alter. Die Älteste, Jessica, ist 19 Jahre alt und studiert im dritten Semester Zahnmedizin. Unglücklicherweise bekomme ich grade jetzt meine Weisheitszähne. Sie ist darüber allerdings hocherfreut, wiedermal ein neues Ereignis in ihrem Gebiet zu haben. Ich bekam auch besonderes
schnell einen Termin zum Entfernen. Sie wohnt zwar hier im Haus, aber da sie in einer anderen Stadt die Uni besucht, sehe ich sie selten. Und wenn dann nur im Doppelpack mit ihrem Freund, Guilherme. Die Beiden sind seit fünf Jahren ein Paar, dieser Weg ist hier nicht immer üblich.

Mit den zwei jüngeren Schwestern Daiany (16) und Paola (14) teile ich mir ein Zimmer. Es ist wirklich sehr klein, es gibt einen Schrank und drei Betten. Keinen Spiegel, keinen Papierkorb, etc. Jeglicher Müll, der im Haushalt anfällt wird immer ins Badezimmer geschafft. Mülltrennung gibt es
nicht, sprich von Toilettenpapier (welches man in Brasilien nicht runter spült) bis Biomüll landet alles im selben Eimer. Um unangenehme Gerüche zu vermeiden, kommt täglich die Müllabfuhr und nimmt die Plastikbeutel mit. Diese stehen vor den Häusern in hochgelegenen Papierkörben, damit der Abfall nicht von streuenden Tieren durchwühlt wird.

Auf Grund des engen Zusammenlebens mit meinen Schwestern verstehe ich mich mit diesen beiden am besten und wir haben auch ein mindestens so enges Verhältnis zu einander. Dadurch, das sie mich mit ihren Freunden bekannt gemacht haben und wir alle gemeinsam abends
ausgehen, habe ich schnell neue Kontakte knüpfen können und mittlerweile auch schon richtige Freunde gefunden. Ich denke, dass kommt auch daher, weil ich hier mich hier in unterschiedlichsten Einrichtungen bewege. Langeweile kommt mir hier nie auf!

Zum einen besuche ich Rotary, der Club in meiner Stadt ist sehr groß und vor allem sehr nett! Neben mir, gibt es hier noch eine zweite Austauschschülerin. Sie ist aus Mexiko und wir haben beide das selbe Vorhaben und verstanden uns auf Anhieb prima. Es ist äußert interessant sich über unsere Heimatländer gegenseitig auszutauschen. Wie überall auf der Welt trifft sich einmal in der Woche Rotary. Zu Beginn jedes Meetings wird ein Gebet gesprochen. Außerdem stehen alle auf und applaudieren zu rotarischen, sowie brasilianischen Flaggen. Rotary Araguari, hat ein eigenes Haus. In dem die Wände mit Bilder aller Rotarypräsidenten geschmückt sind.

Manchmal wird Nayrobi, die mexikanische Austauschschülerin, und ich zu Geburtstagsfeiern von Rotariern oder auf ihre Farmen eingeladen. Jedes mal mache ich die Entdeckung einer neuen Frucht oder eines exotischen Tieres, welches ich zuvor noch nie in freier Natur sah, bzw. gar nicht kannte.

Des weiteren gehe ich hier in die Tanzschule, dies ist ein Geschenk von Rotary. Einem Mitglied gehört diese Schule. Ich erlerne dort das Steppen. Es ist wirklich ziemlich schnell und nicht immer komme ich hinterher. Ich bin erleichtert, dass es Nayrobi ebenso geht. Aber alle dort sind sehr
geduldig und erklären uns es gern nochmal und nochmal, auch nach offiziellem Schluss. Wir trainieren für ein großes Festival dreimal  wöchentlich.

Hier in Brasilien besuche ich die Musikschule und begann mit dem Klavierspielen, was ich mir schon sehr lange vorgenommen hatte. Mich mit den Lehrern dort zu verständigen ist für mich wirklich kompliziert. Aber Brasilianer sind total ruhige Mensch n. Noch nie bin ich mit meinen paar Wörtern und Verständigungsversuchen auf ein genervtes Gesicht getroffen. Ich denke wenn ich keine Noten kennen würde, würde ich nur sehr langsam Fortschritte machen. In Arguari, zahlt die Stadt die Musikschule. Man muss nur einmal im Monat eine Art Prüfung machen, um zu beweisen das es voran geht.

Natürlich hilft der auch Schulbesuch enorm um neue Bekanntschaften zu machen. Im Unterricht verstehe ich allerdings nur in Biologie, aufgrund der Bilder und in Mathematik, wegen der Zahlen etwas. In brasilianschen Schulen wir am Eingang kontrolliert ob man vorschriftsmäßig gekleidet ist. Sprich Schuluniform, dabei ist allerdings nur ein Shirt Pflicht und Hosen, welche mindestens bis zu den Knien gehen. Hat man dies nicht, darf man nicht hinein. Auf dem Schulhof überrascht ab und an mal ein Stinktier, Papagei oder ähnliches.

Meine Familie ist, wie die Mehrheit der Brasilianer katholisch. Mit ihnen gehe ich ab und an die Messe, aber eher zu Jugendveranstaltungen. Das schöne in Brasilien ist, das die Kirchen voll sind. Was allerdings nicht folglich bedeutet, dass mehr Kollekte zusammen kommt. Im Gegenteil, sehr
wenig. Deshalb wird hier auf einem anderen Wege Geld zusammen gebracht. Indem Fester gefeiert werden, denn dafür ist hier jeder zu haben! Oder nach dem Gottesdienst wird draußen Bingo gespielt, tote Hühner versteigert, usw. Auch eine evangelische Gemeinde, welche meinem Glauben entspricht habe ich hier nach knapp drei Wochen gefunden. Ich lese in meiner deutschen Bibel und im Anschluss übersetzt mir ein
lieber Klassenkammerad immer kurz die Predigt. In eine Sprache, welche aus hauptsächliche Englisch aber auch Portugiesisch und gemalten Bildern besteht. In der dortigen Jg habe ich auch Anschluss gefunden, worüber ich wirklich sehr glücklich und dankbar bin! Sogar wie in Deutschland habe ich hier die Möglichkeit in der Kinderarbeit mitzuwirken.

Es ist für mich wie ein Schatz Menschen glücklich machen zu können. Und dafür braucht man hier nicht viel. Brasilien ist ein wunderschönes Land, aber es hat bekanntlich zwei Gesichter. Und das zweiter ist gekennzeichnet von bitterer Armut! Meine Eltern und auch die Gemeinden starten gelegentlich Aktionen um zu helfen. Wenn Kinderaugen leuchten, gestandene Männer weinen, Frauen lachen…alle Eindrücke und
Geschichten, welche ich hier mitbekomme sind mir sehr kostbar!

Ich möchte mich bei dem Rotaryclub Bautzen von Herzen bedanken, dass ich hier die Chance habe meinen Horizont erweitern zu können. Ich sehe hier Tiere und Esse Dinge von denen ich vorher nicht einmal wusste, dass es sie gibt.

Vielen Dank, das ich jetzt hier sein kann. Es ist einfach nur perfekt!

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