Brasilien – 1. Bericht von Gerda

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Queridos Rotarianos,

nun bin ich schon drei Monate hier und kann es immer noch nicht begreifen. Für mich sind es ‚schon‘ drei Monate, weil ich so viele Dinge erlebt habe, ‚schon‘, weil drei Monate ein viertel Jahr bedeutet, ‚schon‘, weil ich meine, viel gelernt zu haben und ‚schon‘, weil ich so viele unterschiedliche Gefühle gefühlt habe, an die ich niemals vorher geglaubt hätte.

Man denkt manchmal, dass die Zeit in Brasilien stehen bleibt, doch für mich wird sie nur noch bedeutungsvoller. Ich verstehe zu begreifen, wie wertvoll das Leben ist und dass man jeden Moment schätzen, ihn genießen und im Gedächtnis behalten sollte.

Aber alles auf Anfang:
Ein Auslandsjahr beginnt nicht in dem Moment, in dem man im Gastland angekommen ist. Es beginnt bei Bewerbungsgesprächen, Formularen jeder Art, Vorbereitungstreffen, beim Gastgeschenke kaufen und beim Verabschieden. Doch wirklich bewusst wird einem das erst, wenn man angekommen ist. Angekommen in der völlig fremden Welt, in der man kein Wort versteht, manchmal nur Wortfetzen aufschnappen kann und doch alle auf einen einreden. Doch nicht nur die Sprache ist so anders und verwirrend. Es sind die Häuser, die Menschen, die Natur, das Essen, es ist einfach alles. Und mit ‚alles‘ meine ich ‚die Kultur‘! Immer wieder habe ich von ‚Kulturaustausch‘ gehört und das alles so anders sein wird, doch nie habe ich verstanden. Jetzt glaube ich zu verstehen.

Ich wohne in Pato Branco bei der Familie Rostirolla mit dem Papa Mauro, Mama Mari, meinen beiden kleinen Schwestern Milena (8) und Marina (14) und den Hunden Bella und Lulo. In meiner Stadt wohnen 70.000 Menschen, was für mich und Brasilien eine Kleinstadt bedeutet, doch von der Fläche her ist sie größer als Curritiba, der Hauptstadt von meinem Staat Paraná. Ich besuche die Schule Mater Dei, welche den besten Ruf hat und gehe in die Segundo, zu Deutsch 10. Klasse. Die Schuluniform besteht aus einem weißen Mater Dei T-Shirt und einer blauen Hose. Wirklich schlimm ist es aber nicht, wenn jemand ein anderes T-Shirt oder eine Jeans trägt. Die Lehrer werden mit dem Vornamen angesprochen und auch eher als Freunde als als Autoritätsperson angesehen. Zur Beginn der Stunde werden Süßigkeiten ausgeteilt und eine Kamera überwacht den Unterricht. Man sitzt einzeln an einem Stuhltisch, der sich aber ganz leicht hin- und herschieben lässt, was grenzenlos von allen ausgenutzt wird. In meiner Klasse sind 20 Schüler und das ist vergleichsweise klein, aber trotzdem: Auch 20 Schüler können großen Lärm machen! Es gibt 4 Terms im Schuljahr und für jeden Term ein großes Arbeitsbuch in dem jedes Fach im Durchschnitt 30 Seiten bekommt. Man kann hinein malen und Übungen darin lösen und jeder Lehrer geht auch strikt nach dem Lehrbuch, was heißen soll, dass keine losen Arbeitsblätter wild durch die Gegend fliegen und man normalerweise einen ordentlichen ‚Hefter‘ hat. Unterrichtet werden drei Stunden Portugiesisch, eine Stunde Literatur, drei Stunden Mathematik, drei Stunden Physik, zwei Stunden Chemie, zwei Stunden Biologie, zwei Stunden Geografie, eine Stunde Philosophie, eine Stunde Soziologie, eine Stunde Kunst (Musik gehört mit dazu) und zwei Stunden Sport. Die Schule fängt halb acht an und endet um zwölf. Danach werden Marina und ich von den Eltern abgeholt und die ganze Familie isst zusammen zu Hause oder in einem Restaurant. Das Hauptgericht hier ist ‚feijao com ariz‘, was Bohnen mit Reis heißt. Das klingt im ersten Moment sehr komisch, aber alle essen und lieben es, mich eingeschlossen. Wir haben ein Hausmädchen was jeden Tag alle Betten macht, kocht, das Haus sauber macht und den Garten und den Pool pflegt. Gerufen wird sie nur ‚Tatá‘, was die allgemeine Bezeichnung für Hausmädchen hier ist.

In der Woche gehe ich gewöhnlich ein Mal zu Interaction, dem Jugendtreffen von Rotary. In Interaction planen wir Stände für Feste, bei denen Geld für Spenden gesammelt wird und besprechen aktuelle Themen der Welt. Interactionisten sind zwischen 12 und 17 Jahren alt und die neue Generation von Rotary. Zu Rotarytreffen werde ich manchmal eingeladen. Dort werden dann Vorträge gehalten, es wird geredet und gegessen, doch auch in mein Haus werden fast jede Woche Rotarier eingeladen, weil meine Eltern sehr eng mit allen befreundet sind. Ich gehe zwei Mal die Woche für zwei Stunden zum Portugiesischunterricht, was total Spaß macht. Ich liebe Portugiesisch und es macht so viel Spaß eine neue Sprache auf diese ganz andere Weise zu lernen. Unter der Woche treffe ich mich normalerweise mit Freunden und Sissel, der anderen Austauschschülerin aus meiner Stadt. Sie kommt aus Dänemark und meistens sprechen wir Englisch, doch in letzter Zeit auch öfter Portugiesisch. Manchmal gehe ich auch zum Sport, doch das immer seltener, weil es mehr Spaß macht, sich mit Freunden zu treffen. In der Stadt sind wir zwei Austauschschüler schon sehr bekannt. Am Wochenende ist meistens eine 15-Jahre Geburtstagsparty welche oft so groß und einzigartig sind, was schon bei der Einladung anfängt. Für fast jede Party muss man sich ein Kleid schneidern lassen, weil alle ganz besondere Themen haben. Doch es gibt nicht nur Partys am Wochenende! Auch mit Rotary unternehme ich sehr viel. Zum Beispiel haben wir ein kleines Fest in einer öffentlichen Schule organisiert, den Kindern Essen und Trinken gegeben, mit ihnen gespielt und ihnen einfach nur einen schönen Tag bereitet. Jedes Kind hatte sich extra schön gemacht und alle haben sich total darauf gefreut. Die Schule war ein bisschen abgelegen von der Stadt in einem alten Schweinestall untergebracht und es war trotz Winter in der Schule sehr schwül. Es hat mir viel Spaß, mich aber vor allem auch sehr nachdenklich gemacht. Ich habe darüber nachgedacht, welchen Luxus wir doch in Deutschland genießen, was für ein Glück wir haben, das zu sein was wir sind, aber auf der anderen Seite habe ich auch gesehen, wie viele Unterschiede es immer noch, vor allem zwischen arm und reich, in Brasilien gibt. Doch genau dies, nämlich das Kennenlernen der Kultur und vor allem das Kennenlernen der Unterschiedlichkeiten des Landes hat mich dazu bewogen ein Auslandsjahr in diesem Land zu machen.

Ich bin so stolz mit Rotary den Jahresaustausch machen zu dürfen und so glücklich hier in Brasilien und in diesem Distrikt leben zu können. Mein Distrikt (4640) ist der einzige Distrikt, der 4 kostenlose Reisen geplant hat. Die erste war zu den Iguazu-Wasserfällen und es war atemberaubend schön. Wir haben aber nicht nur die Wasserfälle besichtigt, sondern sind mit dem Boot unter sie gefahren und waren sogar in Paraguay. Mein Distrikt und mein Rotaryclub ermöglichen es mir, die unterschiedlichsten Bereiche von Brasilien kennenzulernen. Ich habe zum Beispiel schon Treze Tilias, eine Österreichische Stadt in meiner Nähe mit Rotary besichtigt. Außerdem war ich mit meiner Gastfamilie für 4 Tage in Curritiba um die Stadt mit der wunderschönen Architektur und interessanten Geschichte zu besichtigen und einen Tag in Argentinien um mich ‚anzumelden‘ (Wieso wir dafür nach Argentinien gefahren sind, habe ich nicht verstanden). Ich war auf Klassenfahrt für 5 Tage mit dem Bus quer durch Panraná was atemberaubend schön und gleichzeitig total lustig war. Ich habe die unglaubliche Natur Brasiliens bewundern können und war so fasziniert von ‚Steinstädten‘ und der ‚Serra do Mar‘. Meine Lehrer waren so abenteuerlich und sind mit uns durch den Dschungel gelaufen bis es nicht mehr weiterging und wir zurücklaufen mussten; wir haben Orangen von den Bäumen gegessen und ab und zu flog auch ein Kolibri vorbei. Zudem habe ich eine Reise mit Terra Brasil nach Pantanal, einer Region- und Bonito, einer Stadt in Mato Grosso Sul (anderer Staat von Brasilien) gemacht, was die abenteuerlichste Reise in meinem ganzen Leben war. Ich habe Piranhas geangelt und auch ein Krokodil. Das Hotel in Pantanal war mitten in der Wildnis umgeben von Teichen voller Alligatoren mit einem wunderschönen Pool, Mangobäumen in denen Pagageien saßen, die wunderschönsten Vögel der Welt saßen vor dem Fenster und wir hatten jeden Tag mindestens 35°C. Ich bin durch die Natur geritten, war auf Safari, habe in Hängematten geträumt, die Sterne auf dem Steg bewundert und kam mir vor als wäre ich endlich angekommen. In Bonito bin ich in glasklarem Wasser mit bunten Fischen getaucht, habe Urmeerschweinchen gesehen, bin in Wasserfälle gesprungen und habe Tropfsteinhöhlen besichtigt, bin barfuß durch die Stadt mit meiner eisgekühlten Kokosnuss spazieren gegangen und schwebte wie auf Wolken. Es war so paradiesisch schön und vor allem hatte ich mit den weiteren 30 Austauschschülern total viel Spaß!

Doch wie viel ich auch schreiben mag, wirklich vorstellen kann man sich das alles nicht. Man muss es gesehen, und vor allem gefühlt haben. Ein Austauschschüler zu sein ist so etwas Besonderes, Wunderbares und ich weiß, dass ich noch Jahre hinterher davon träumen werde. Es ist ein unglaubliches Gefühl. Viele sagen ja, dass man sich in so einem Jahr sehr verändert, doch das ganze Leben besteht aus Wandel und Veränderung.

Ich liebe Brasilien und wenn ich sagen soll, was ich mehr mag, Deutschland oder Brasilien, dann ist dies genauso schwer zu beantworten wie die Frage nach dem größten Unterschied. Man kann versuchen zu vergleichen, abzuwägen, um die Frage zu beantworten, doch es ist wirklich zu unterschiedlich. Jedes Land hat seine guten und schlechten Seiten, doch es ist so spannend, etwas Neues, Unbekanntes kennenzulernen, auch wenn es manchmal wehtut, von den alten Gewohnheiten und Bräuchen loszulassen.

Man kann sich zu schlecht selbst einschätzen doch ich selber finde, dass ich selbst nach drei Monaten schon sehr viel Neues gelernt habe. Niemals würde ich es bereuen ein Auslandsjahr gemacht zu haben, dafür bedeutet es mir schon jetzt zu viel! Als Austauschschüler habe ich das Gefühl, dass man den Menschen etwas geben kann. Sei es auch einfach nur mit einem Gericht aus dem Heimatland. Man kann das Bild über Deutschland zum Guten verändern. indem man Vorurteile beseitigt.

Ich bin gespannt, was mich als nächstes erwartet. Ein Wechsel der Familie steht bald an und in meiner Stadt läutet man schon Weihnachten ein. Jeden Tag wird fleißig Kunstschnee gestreut, Plasteschneemänner und Engel aufgestellt, Skihütten gebaut und die Stadt wird mit Lichterketten behängt. Selbst der Weihnachtsbaum im Haus meiner Familie steht schon, aber man kann ihn nur schwer unter den vielen bunten Kugel und Lametta erkennen. Bei über 35°C jeden Tag muss man eben schon früh beginnen, sich auf Weihnachten vorzubereiten!

Beijos e abracos, aus dem nicht verschneiten Brasilien,

Gerda Stöckel

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