Finnland – 2. Bericht von Nadja

  • Beitrags-Autor:
  • Beitrags-Kategorie:2010-2011
  • Beitrags-Kommentare:0 Kommentare

Es ist einfach unglaublich, wie schnell die Zeit doch rückblickend vergangen ist, obwohl es in einem Austauschjahr doch oft diese Momente gibt, an denen man denkt, die Zeit sei stehengeblieben. In solchen Situationen ohne die eigene Familie zu sein, kann manchmal ziemlich bedrückend werden. Dennoch bin ich froh, sagen zu können, dass die vergangenen fünf Monate mit zu den besten meines bisherigen Lebens gehören.
Am 12. Oktober war es dann auch endlich soweit, dass ich in meine zweite Gastfamilie ziehen konnte. Hier fühle ich mich nun auch schon richtig wohl. Diese Familie hatte sich bereiterklärt mich aufzunehmen, als sie davon hörten, dass es mir in meiner ersten Gastfamilie nicht wirklich gut ging. Mein Gasteltern Joel und Jutta tun wirklich ihr Bestes, damit ich glücklich bin und ich bin ihnen auch sehr dankbar dafür. Einfach mal nur zusammen beim Abendessen sitzen oder auch vor dem Fernseher, das habe ich in meiner ersten Gastfamilie schon ziemlich vermisst. Außerdem habe ich jetzt vier Gastgeschwister (allerdings wohnen nur drei Kinder noch im Elternhaus). Mit meiner Gastschwester Sofia (19) und meinen Gastbrüdern Mico (20) und Patric (11) verstehe ich mich sehr gut, auch wenn das Verhältnis vielleicht noch nicht so ist, wie bei richtigen Geschwistern. Es ist nicht einfach, bei so vielen Kindern in diesen eingeschworenen Kreis der Geschwister mit aufgenommen zu werden. Ich denke, das ist bei nur einem Gastbruder oder einer Gastschwester etwas einfacher. Aber wir kommen gut miteinander aus und das ist ja die Hauptsache.
Zwar unternehmen wir nicht so viel mit der Familie, aber das kann ich auch verstehen. Meine Gasteltern arbeiten beide sehr viel, aber wenn sie frei haben nehmen sie sich auch die Zeit, um etwas mit mir zu machen, und sei es nur Einkaufen gehen. Wir waren auch schon bei einem Fußballspiel (mein Gastvater ist Präsident des Fußballklubs KooTeePee) und jetzt kurz vor Weihnachten war ich mit meiner Gastmutter und meiner Gastschwester in der Kirche von Kotka und dort haben wir gemeinsam die „kauneimmat joulalaulut“ (die schönsten Weihnachtslieder) gesungen. Natürlich auf Finnisch. Aber bevor ich von meinem Weihnachtsfest in Finnland berichte noch ein paar Worte über die Lapplandtour vom 3.12. bis zum 8.12.
Die Lapplandtour war einfach ein unglaubliches Erlebnis. Es hat so viel Spaß gemacht und es war vor allem richtig toll, mal wieder alle Austauschschüler zu sehen. Es war ja auch das letzte Mal, dass wirklich alle noch einmal zusammengekommen sind, denn viele nehmen an der St. Petersburg- und der Europatour leider nicht teil. Die Busfahrt von der Südküste Finnlands bis zum anderen Ende des Landes dauerte fast 18 Stunden und war wohl der anstrengendste Teil des Trips. Unser Hotel war richtig schön und gemütlich und das Programm, das Rotary sich ausgedacht hat, war wirklich vielseitig und unterhaltsam. So haben wir beispielsweise eine Rentier- und eine Schlittenhundefarm besucht, sind sowohl mit dem Rentier- als auch mit dem Hundeschlitten gefahren und sind anschließend noch auf Plastikschneeschuhen durch den Winterwald gestapft. Die Temperaturen waren auch weit oberhalb des Polarkreises noch mehr als aushaltbar. -10°C ist ja für finnische Verhältnisse ziemlich warm. Natürlich waren wir noch Skifahren, wobei wir die Auswahl hatten zwischen Alpin, Langlauf und Schlittenfahren. Ich habe mich für die Abfahrtsvariante entschieden, weil ich das vorher schon ein paar Mal gemacht habe. Am ersten Tag bin ich schon bei der ersten Abfahrt so schwer hingefallen, dass ich nicht einmal mehr den Skistock halten konnte. Einen Tag später aber bin ich die ganzen vier Stunden gut ohne Unterbrechung mit dem Lift auf den Berg und wieder runter. Es hat einfach so viel Spaß gemacht und die Schmerzen vom ersten Tag waren wieder vergessen.
Danach war es endlich soweit. Weihnachten, die schönste Zeit des Jahres, war angebrochen. Wie in Deutschland standen die Naschereien für das Fest der Liebe schon seit Ende Oktober in den Supermarktregalen, was mich allerdings dieses Jahr nicht weiter gestört hat, hat es mich doch nur an die Heimat erinnert. Die Wochen vor dem Fest fand ich persönlich nicht so festlich. Es fehlen einfach solche Dinge wie eine schöne Dekoration und Weihnachtsmärkte. Was ich persönlich am meisten vermisst habe, war der Glühwein. Aber ich bin dann gemäß den Rotary-Regeln auf alkoholfreien Glögi umgestiegen. Am Weihnachtsabend war der Tisch überladen mit Joulukinkku (Weihnachtsschinken), Porkkanalaatikko (Möhrenauflauf), Perunalaatikko (Kartoffelauflauf) und vielen anderen Köstlichkeiten. Leider kam dieses Jahr nicht der Weihnachtsmann, sondern die Geschenke wurden einfach nur von allen Familienmitgliedern unter den zugegebenermaßen nicht sehr prachtvollen Weihnachtsbaum gelegt und später dann aufgeteilt und gemeinsam geöffnet. Leider zeigen die Finnen ihre Emotionen beim Geschenke öffnen nicht wirklich. Auf jeden Fall waren sie sehr irritiert, dass ich mich für alles, was ich von ihnen bekommen habe, wieder und wieder bedankte.
Morgen ist der letzte Tag des Jahres 2010. Ich werde dann zu meiner Freundin Olga, einer Mexikanerin, fahren, und mit ihr und ihren Freunden Silvester feiern. Für das kommende Jahr habe ich mir eigentlich nur vorgenommen, die angefutterten Weihnachtspfunde durch sportliche Aktivitäten wieder loszuwerden und mich ein bisschen mehr in die Finnische Kultur und Sprache zu vertiefen. Immerhin gibt es jetzt schon einige Fortschritte zu verzeichnen, was das Erlernen der Sprache betrifft. Meine neue Gastfamilie redet so gut wie immer Finnisch mit mir und ich verstehe auch schon das meiste. Nur mit dem Sprechen klappt es leider noch nicht so ganz. Ich habe festgestellt, dass der Sprachkurs alleine für mich persönlich nicht ganz ausreichend ist und ich mich deshalb mehr mit der Arbeit zu Hause bemühen sollte. Nur leider ist es manchmal nicht so einfach, sich zum Lernen aufzuraffen. Gerade, weil ich beim Lernen von Fremdsprachen immer jemanden brauche, der mir alles erklärt. Sobald etwas für mich keinen Sinn ergibt, habe ich einfach den Kopf nicht frei, um weiterzuarbeiten. Beispielsweise konnten mir selbst die Finnen noch nicht den Unterschied von „Mitä…?“ und „Mikä…?“ erklären.
Ich habe eigentlich schon viele Freunde hier gefunden. In jedem Kurs den ich habe gibt es viele verschiedene Leute, mit denen ich mich viel unterhalte oder selten auch etwas unternehme. Ich bin sogar mit zwei Jungs befreundet (zum Erstaunen meiner weiblichen Mit-Austauschschüler… die sich jedes Mal wahnsinnig über die Finnischen Jungs aufregen). Mit einem Mädchen in meiner Schule verstehe ich mich besonders gut. Sie heißt Kirsikka und wohnt leider ein bisschen weit weg, weshalb wir nicht viel nach der Schule zusammen unternehmen können. Dann treffe ich mich noch öfter mit einem älteren Mädchen, Wilma. Sie liebt Deutschland total und spricht auch deswegen ein kleines bisschen Deutsch mit mir, aber meistens reden wir Englisch miteinander. Mit der amerikanischen Austauschschülerin Merritt bin ich besonders gut befreundet. Schließlich sind wir hier die einzigen Rotarier im Südosten Finnlands.
In der Schule komme ich auch gut zurecht. Erst kurz vor den Ferien habe ich beim Weihnachtsprogramm mitgesungen (sogar eine Strophe ganz alleine, was eine ziemliche Überwindung war). Auch wenn es nicht so gut geklappt hat, waren doch alle überrascht, dass ich mich dazu getraut habe. Und ich trainiere einmal in der Woche für den großen Ball im Februar (Wanhat), bei dem die Zweitklässler der Oberstufe ihren Einzug in die letzte Klassenstufe feiern. Zwar weiß ich noch nicht, wie ich mir all die Tänze merken soll (wir werden 45 Minuten am Stück herumwirbeln) aber ich werde das schon irgendwie schaffen.
Ich hoffe, mein Bericht hat Ihnen gefallen und konnte Ihnen vermitteln, wie wohl ich mich hier in meinem Gastland fühle. Ich habe es wirklich noch keine einzige Sekunde bereut, diesen Schritt gewagt zu haben! Vielen Dank für Ihre Unterstützung.
Und liebe Grüße aus Finnland.
Nadja Kühnemann

Schreibe einen Kommentar