Argentinien – 4. Bericht von Sylvia

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Don’t cry for me, Argentina…

Na gut, hier sitze ich jetzt also und schreibe tatsächlich den LETZTEN Bericht meines Austauschjahres. In 14 Tagen sitze ich im Flieger nach Deutschland … voraus gesetzt der Vulkan in Chile spuckt nicht noch mehr Asche aus. Seit Ende März ist natürlich wieder viel passiert, wie man auch auf den Fotos sehen kann.

Ostern in Argentinien war ganz nett, ich habe es ruhig im Kreise meiner Familie verbracht. Das sorbische Ostereiermalen hat mir ein wenig gefehlt, allerdings haben wir selber Eier aus Schokolade gemacht, was ich natürlich auch nicht gerade schlecht fand. Ein kleiner Höhepunkt war die Präsentation der Pullover, die die Abschlussjahrgänge für sich machen. Ende Mai ging es dann endlich auf die heiß ersehnte Nordreise. Überraschenderweise waren wir nur 11 Leute, von denen ich 9 schon vorher kannte, da sie aus meinem Distrikt waren. So gesehen war es schade. Aber eine kleine Gruppe zu sein hat auch Vorteile. Man schließt engere Freundschaften, hat einen riesigen Bus für sich alleine und reist nur mit einem Anstandswauwau. Wenn ich mir jetzt die Fotos anschaue, vom Aconcagua, Puente del Inca, Talampaya, Salta, Jujuy und den Wasserfällen des Iguazú … ich kann kaum glauben, dass ich da war. Der Norden Argentiniens ist einfach unglaublich schön. Arm, aber schön. Jetzt, Ende Juni, hatten wir unser letztes Rotary – Camp. Wir besuchten zuerst die Distriktkonferenz in Mendoza Capital und reisten dann 2 Tage in den Süden der Provinz. Es ist so komisch, dass viele meiner Freunde diese Woche schon nach Hause fliegen, einige Austauschschüler habe ich jetzt schon zum letzten Mal gesehen. Einer jeder von ihnen geht jetzt wieder in seine Welt zurück, von der ich eher wenig Ahnung habe. Aber eins werden wir immer teilen: die Zeit hier, in Argentinien. Jetzt werde ich mich völlig auf die Vorbereitung der Abschiedsparty konzentrieren.

Mich hat mal jemand (noch in Deutschland) gefragt, warum ich das denn eigentlich mache mit dem Austausch, von wegen ein Jahr in der Schule verlieren und so weiter und so fort. Ich hab dann einfach mal ganz pauschal mit „Horizonterweiterung“ geantwortet. Aber jetzt, nach diesem Jahr hab ich es verstanden: bei Austausch lernt man einfach Sachen, die einem kein Buch und kein Lehrer beibringt oder vielleicht sogar beibringen kann. Man lernt ohne Scheu auf andere Menschen zu zugehen, sich selbst zu schätzen, aber nicht zu überschätzen und man lernt MIT anderen Menschen zu leben und nicht nur neben jemanden her. Ich war in 2 Gastfamilien, die verschiedener nicht hätten sein können. Trotzdem muss man sich anpassen, in eine Familie integrieren, mit Menschen in einem Haus schlafen und am Tisch sitzen, die man noch nie im Leben gesehen hat. Und irgendwann verschmilzt man mit der Familie, macht die gleichen Witze, bekommt gleiche Angewohnheiten und bezeichnet das Haus, in dem man wohnt als „zu Hause“. All dies funktioniert nur über Respekt und Offenheit. Und auch in der Schule ist es so: man kommt in eine Klasse, in Freundeskreise, die sich vielleicht schon seit Jahren kennen. Noch dazu, ohne die Sprache zu kennen. Ich bin so froh, hier wirklich eine Hand voll guter Freunde gefunden zu haben – sowas versteht sich nicht von selbst.

Man muss lernen, Menschen zu vertrauen und die Ratschläge Erwachsener zu achten, aber trotzdem seine eigenen Interessen nicht zu vernachlässigen. Dass ist das Schöne am Austausch, dass es eine Menge Menschen gibt, die einem helfen wollen, die einen auf wichtige Sachen hinweisen. Und man selbst ist auch auf die Menschen angewiesen und muss eben nicht mit allem alleine fertig werden.

Ich habe so viele verschiedene Orte besucht und noch viel mehr Menschen kennen gelernt. Für einiges wurden mir die Augen geöffnet. Zum Beispiel dafür, wie gut es uns in Deutschland geht, in schönen Häusern und modernen Schulen und Krankenhäusern.
Und auch dafür, dass es nicht so sehr drauf ankommt wer man ist und wie viel Geld man hat – manchmal bewirkt ein Lächeln und ein „Danke“ schon viel mehr.

Erstaunlich fand ich auch, dass ich mich früher nie als Deutsche gesehen habe… na ja, zumindest habe ich immer gesagt, was alles an Deutschland schlecht ist. Mittlerweile bin ich stolz auf meine Nationalität und auf mein Land und stehe dazu Deutsche zu sein. Ich glaube, dass fehlt vielen Jugendlichen, die Identifikation mit ihrem Land, was sicher auch mit Deutschlands Geschichte zu tun hat. Aber ich finde es hat nichts von Nationalsozialismus, wenn man das Land gern hat, in dem man lebt. Klar gibt es in Deutschland auch Probleme, aber die hat jedes Land. Aber eigentlich, gibt es auch eine Menge schöne Sachen. Hier in Argentinien gibt es viel mehr Patriotismus und jeder ist stolz darauf Argentinier zu sein – und das obwohl es ein junges Land ist, das zu großen Teilen aus Einwanderern besteht.

Und auf der anderen Seite habe ich auch gelernt, dass Jugendliche eigentlich überall gleich ticken. Dass sie ähnliche Ziele haben und über die gleichen Sachen lachen. Und da wird die Nationalität plötzlich ganz unwichtig. Mehr noch, Austauschschüler teilen so viele Sachen. Sie reisen zusammen, weinen, lachen, quatschen, machen Blödsinn – egal welche Sprache sie sprechen, welcher Religion sie angehören oder welche Hautfarbe sie haben. Ist das nicht der beste Beweis dafür, dass es tatsächlich ein friedliches Zusammenleben auf der Welt geben könnte?
Unser Chairman sagte auf der Distriktkonferenz, dass wir Friedenbotschafter sind. Auch, weil wir zum Beispiel nie ein hastiges Urteil oder ein unüberlegtes Wort über Argentinien verlieren werden. Denn jetzt wissen wir, wie Argentinien ist. Mehr noch, wir sind mindestens ¼ Argentinier geworden!

Ich habe viele schöne Erfahrungen gesammelt und weiß jetzt, dass reisen etwas Tolles ist, dass bildet und stärkt. Ich bin traurig, dass es vorbei ist, aber ich hoffe, dass ich irgendwann wieder zurück kann. Meine Freunde werde ich vermissen, meine Gastfamilien, die viele Sonne, Mendoza, das Fortgehen … Aber ich habe von Anfang an gewusst, dass es nicht für ewig ist. Es geht zurück in den Ernst des Lebens, aber auch zurück zu meinen Freunden und meiner Familie. Was mir bleiben sind Fotos, Kontakte und Freundschaften, die auch hoffentlich 14.000 Kilometer Distanz überleben.

Danke dafür an Rotary und an meine Familie, die mich immer unterstützt haben.

Liebe Grüße, Sylvia

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