USA – 1. Bericht von Haiyen

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Litchfield, 20. Dezember 2011

Sehr geehrter Rotary Club!
Nun bin ich schon ueber vier Monate hier und habe den Quartalsbericht total verschlafen. Ich kann aber sagen, dass ich nie gelangweilt bin und immer etwas zu tun habe. Vielleicht denken einige, dass ja gar nicht so viel auf einer Farm oder in einer Stadt mit 6.000 Einwohnern passieren kann, aber ich kann jeden sofort vom Gegenteil ueberzeugen!

Wie Sie alle schon wissen, bin ich mit einigen Komplikationen hier in Litchfield angekommen, aber diese Geschichte vom gestrichenen Flug und einer Uebernachtung am Flughafen in New York, bringt jeden zum Lachen. Freunde finden geht hier so schnell, wenn man einfach auf sie zugeht. Ich muss zugeben, dass hier vieles so ist, wie manche sich die USA vorstellen. Viel fast-food, Coke, und wenn hier ab und zu mal “gekocht” wird, heisst es oftmals eigentlich nur tiefgefrorene Lebensmittel aufzuwaermen. Auch dicke Leute gibt es ueberall, aber die Menschen hier sind wirklich sehr freundlich und hilfsbereit. Vieles ist natuerlich extrem anders, was nicht unbedingt negativ ist!
Die ersten Monate musste ich mich noch an die Schule gewoehnen, aber mittlerweile ist es einfach Alltag fuer mich. Seitdem mein Bruder Cole seinen Fuehrerschein hat, ist auch er, neben Shayla, manchmal mein Chauffeur. Ich habe jeden Tag denselben Stundenplan, was langweilig scheint, aber gar nicht so schlecht ist. Anfangs hatte ich kleine Probleme mit der Sprache, aber inzwischen ist alles ganz fluessig. Wenn ich manchmal auf Deutsche treffe, faellt es mir sehr schwer Deutsch zu sprechen. Es klingt einfach komisch. Aber wenn ich mit meiner Familie und Freunden skype, vermische ich das Deutsch, Englische und Vietnamesische, was ziemlich lustig klingen kann. Wie auch immer, der Unterricht beginnt hier jeden Tag 8.10 Uhr und am Stundenbeginn haben wir alle einen “moment of silent reflection”, bei dem alle still sind. Danach sagt ein Schueler den sogenannten “pledge” an, was so viel heisst wie eine Schwur, und als letztes macht der Schuldirektor einige Ansagen, kuendigt Sportveranstaltungen an oder lobt Schueler fuer das erfolgreiche Vertreten der Schule bei Wettbewerben.
In den vergangenen vier Monaten habe ich schon einiges sehen und erleben duerfen. Einiges der groessten Erlebnisse bis jetzt ist wahrscheinlich die Reise nach Chicago am ersten Dezemberwochenende. Meine Gastfamilie und ich sind mit dem Zug von Carlinville (ca. 20 min von hier entfernt) nach Chicago gefahren. Fuer meinen Gastdad Doug war es das erste Mal! Er fand es sehr entspannend, weil er nicht die 4-5 Stunden fahren musste und somit sein Bierchen geniessen konnte. Wir haben das erste Wochenende in einem zentralen Hotel verbracht, aber mit den “Farmboys” in eine Grossstadt zu kommen war vielleicht nicht die beste Idee. “I hate cities”, war eines der Kommentare schon nach wenigen Stunden. Gedraenge und Menschenmassen auf der beliebtesten Einkaufsstrasse Michigan Avenue waren wirklich nicht angenehm, aber es hat sich gelohnt, denn es war schoen weihnachtlich dekoriert und die vielen Hochhaeuser waren irgendwie beeindruckend. Ausserdem sind wir gleich am ersten Tag zum Willis-Tower gefahren und waren auf der Plattform. Es war genial von dort aus ueber die Stadt und den Michigan-See zu schauen. Aber das Highlight war der deutsche Christkindlmarkt, welcher soooo vollgepackt war, dass man kaum durchlaufen konnte. Deutsches Feeling kam auf, als ich die ganzen Leute mit Gluehwein in der Hand gesehen habe. Es gab sogar einen Suessigkeitenladen mit deutschen Leckereien, die meine Freunde und Familie hier lieben. Jedoch konnten wir nichts ergattern, da es eine laaange Schlange vor der Tuer gab. Schliesslich sind wir an den Abenden durch die Strassen spazieren gegangen um unsere Kalorien von den koestlichen Speisen zu verbrennen. Chicago-Style Pizza war die Kaloriebombe aber auf jeden Fall wert. Sieht aus wie ein Kuchen, hat aber Pizzafuellung!
Ein anderes grosses Event war “Homecoming” am zweiten Wochenende im September. Jungen und Maedchen haben sich ein schoenes Kleid oder Anzug gekauft und haben sich vor dem Tanzen mit den Familien getroffen um ein schoenes Dinner zu haben. Danach sind alle am spaeteren Abend zur Sporthalle der High School gekommen und eine “Homecoming Queen and King” wurden von allen Schuelern der 9.-12. Klasse gewaehlt und bekannt gegeben. Schliesslich wurde bis ca. 22 Uhr getanzt. Die Woche vor dem Homecoming- Wochenende war eine Mottowoche und ein Footballspiel fuer die weibliche Fraktion der Juniors (11. Klasse) und Seniors (12. Klasse). Ich bin ein Junior, wir haben zu null verloren, aber es hat wirklich viel Spass gemacht. Einen Tag vor Homecoming, fand die Homecoming- Parade statt. Ich war mit den zwei anderen Austauschschuelern aud Sued-Korea und Brasilien in einem Cabrio. Zwar gehoere ich nicht zu deren Austauschprogramm, dennoch waren sie so nett und haben mich gefragt ob ich nicht mit ihnen fahren wollen wuerde.
Wie ich schon angekuendigt hatte, bin ich schliesslich mit Doug in einem Maiskolbensammler durch Gegend, oder eher durch’s Feld, gefahren. Es mag vielleicht langweilig klingen, aber fuer mich war es ein historischer Moment! Man glaubt es kaum, wie viel Technologie dahinter steckt. Selbt mein 16-jaehrirger Gastbruder kann seit Jahren mit dem Traktor fahren und hat mich einige Male mitgenommen. Ausserdem hat mich mein Gaspapa vor zwei Wochen auf eine Fahrt mitgenommen, bei der er Mais in einem LKW abgeladen hat. DAS war echt spitze. Ich wusste gar nicht, dass er ein Bett, Kuehlschrank und TV in seiner Kabine hat! Und ich fuehl‘ mich schon geehrt, dass ich das miterleben durfte!
An einem der letzten sonnigen und warmen Tage im Oktober habe ich “apple butter” gemacht. Es ist eine Art Apflemus, nur viel suesser. Viele Aepfel wurden in einem Topf mit Zucker fuer ca 8 Stunden gekocht und ohne Pause geruehrt, bis alles schnell gehen musste um die vielen leeren Marmeladenglaeser zu fuellen.
Letzten Monat, Ende November, war Thanksgiving und die Kirche meiner Gastfamilie hatte einige Wochen zuvor Sauerbraten gekocht, wofuer wahrscheinlich die halbe Stadt gekommen ist. Und ich muss sagen, dass es gar nicht mal so schlecht war. Zumindest war Thanksgiving ein grosses Festessen mit den Grosseltern und alle waren total aufgeregt. Natuerlich gab es Truthahn und viele andere Sachen die “fett” machen. Apropos fett, ich habe natuerlich zugenommen. Aber wie viel, will ich lieber nicht wissen! Und bald ist auch noch Weihnachten und ich merke, wie schnell die Zeit vergeht. Meine Gastmama Alicia hat den ganzen Dachboden voller Weihnachtsdekoration und ist total verrueckt was die ganze Sache angeht. Ein grosser Tannenbaum im Esszimmer, zwei Kleine vor dem Kamin, vier Kleine vor der Tuer und einen kleinen in meinem Zimmer. Geschirr wird auch ausgewechselt und Lichter am Haus mussten angebracht warden. Das war schon viel Arbeit und wie ich mich auf das Abraeumen freue! Aber dafuer kommt die weihnachtliche Stimmung auf, auch wenn hier leider noch kein Schnee liegt.
Schliesslich hielt ich endlich meine Praesentation vor meinem Rotary-Club. Alle waren sehr gespannt und nachdem ich ca. eine Stunde ueber Deutschland, Riesa und meiner Familie gesprochen habe, haben mich alle noch mit Fragen ueberfallen. Wie man liest, ist einiges im November passiert, denn ich bin dem Scholastic-Bowl Team beigetreten. Angeblich ist es ein Sport, aber wir beantworten nur Fragen in kuerzester Zeit ueber jegliche Themen. So ganz erfolgreich war ich noch nicht, aber wenigstens kann ich die Fragen ueber die deutsche Geschichte beantworten. Das letzte Event im November war das jaehrliche Truthahnrennen. Meine Gastmama hatte mich ueberredet diese 3km zu rennen, doch als ich schliesslich an einem Samstag Morgen 6 Uhr aufgestanden bin, hat sich herausgestellt, dass es nicht 3 km, sondern 3 Meilen bzw. 5 km sind. Da ich seit Monaten kein Training mehr hatte, war ich nicht in bester Form, bin aber dennoch  3. in meiner Alterklasse geworden. Somit war ich zum 3. Mal in der Regionalen Zeitung und da wird man auch gerne von fremden Leuten angesprochen…
Und so kurz vor den Weihnachtsferien, die morgen beginnen, haben alle Schueler ihre sogenannten Final Exams in jedem Unterrichtsfach. Viele haben viel Stress, aber ich finde es gar nicht schlimm, da der Lehrer den Schuelern Arbeitsblaettern gibt, auf denen die Testfragen schon draufstehen. Nichtsdestotrotz habe ich ein schweres Weihnachtspaket nach Deutschland an meine Familie gesendet. Die meisten Geschenke sind besorgt, und der Rest wir morgen nach der letzten Pruefung fuer’s Jahr 2011 erledigt. Auch wenn es noch nicht Weihnachten ist, hatte war ich schon auf zwei verschiedenen Familien-Weihnachtsfeiern. Bald ist es soweit und ich kann es kaum erwarten, meine beiden Familien mit den Geschenken eine Freude zu bereiten.

Ich wuensche dem Rotary Club Riesa-Elbland ein erholsames Weihnachtsfest und ein frohes neues Jahr 2012!

Viele weihnachtliche Gruesse, Haiyen

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