Argentinien – 1. Bericht von Gesine

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So nach nun mehr als einem Monat ist es Zeit für meinen ersten Bericht darüber, wie ich meinen Austausch bisher erlebt habe und wie es mir hier 11.000km weit weg von zu Hause ergeht.

Mein erster Monat hier war so aufregend und voller neuer Erfahrungen, dass es mir schwer fällt, alles in einen einzigen Bericht zu fassen. Ich könnte stundenlang darüber erzählen, was ich schon alles erlebt habe, wie es mir geht und wie hier alles ist – Auf den ersten Blick eigentlich sehr ähnlich auf den zweiten dann aber dann doch ganz anders! Wie fast man also die ersten geschätzten 5 Millionen Eindrücke zusammen?!
Aber ich fange erst einmal ganz von vorne beim Beginn des Abenteuers Argentinien an:
Die Wochen der Vorbereitung waren unglaublich anstrengend: Argentinische Botschaft in Berlin, Formulare ausfüllen, Dinge beantragen, Spanisch lernen und zu guter Letzt das schwerste: Koffer packen. Was  braucht man für ein Jahr Argentinien? Was ist wichtig und was lässt man, der Gewichtsbeschränkung wegen lieber zu Hause? Ich habe sicher 5 mal alles ein-, aus- und umgepackt und einen Tag vor Abflug stand dann alles, mehr oder weniger gepackt bereit.
Die Nacht vor meinem Flug war kurz, denn an Schlaf war so gut wie nicht zu denken. Dazu gingen mir viel zu viele Dinge durch den Kopf, denn immerhin stand mir ein Jahr mit ziemlich vielen neuen Dingen bevor. Die Aufregung war grenzenlos und der Zeitpunkt, mich von allen zu verabschieden kam leider viel zu schnell ziemlich nah.
voll gepackt mit meinen Koffern, Jacken, Taschen und einer ganzen Menge verschiedenster Gefühle ging es dann zum Flughafen. Da hieß es dann auch den restlichen Menschen für ein Jahr Tschüss sagen. Das Gefühl, das mich in dem Moment überkam, ist schwer zu beschreiben. Ich kann es nicht richtig in Worte fassen. Zum einen die unglaubliche Angst, das alles nicht zu schaffen, zu versagen und dem ganzen Abenteuer einfach nicht gewachsen zu sein. Dann aber auch die Freude darauf, etwas neues zu erleben, an meine Grenzen zu kommen und einfach viele neue Erfahrungen sammeln zu können… einfach ein Jahr Austauschschüler in Argentinien!
Wer kann schon sagen, ein Jahr in Argentinien gelebt zu haben?
Irgendwann saß ich dann ziemlich fertig und überfordert mit meinen Gefühlen im Flugzeug und erst da wurde mir richtig bewusst, dass es jetzt wirklich los geht.
Einfach abwarten. Alles auf mich zukommen lassen und das beste aus dieser Chance rausholen!
Nach insgesamt 24h Reise kam ich ziemlich übermüdet und total aufgeregt zusammen mit 7 anderen Deutschen am Flughafen in Corrientes, meiner neuen Heimat an.
Dort wurden wir begeistert von unseren Gastfamilien und dem dortigen Rotaryclub in Empfang genommen.
Dann noch den anderen Austauschschülern Tschüss sagen und schon ging es zusammen mit meinen Gasteltern, meinem Bruder und seiner Freundin auf in mein neues zu Hause.
Alles gut, bis meine Eltern dann anfingen, mit mir zu sprechen. Es wollte mir einfach kein einziges Wort Spanisch mehr einfallen. Gar nichts. Mein ganzer Kopf war wie leer pustet. Es war mir einfach unmöglich, verständlich zu machen, was ich wollte und auch aus den Sätzen meiner Familie konnte ich nur vereinzelte Wörter heraushören. Meine Eltern und auch mein Bruder sprechen außer ein paar einzelnen Wörtern überhaupt kein Englisch und so waren wir dann auf Hände und Füße angewiesen. Aber es hat geklappt. Irgendwie und irgendwann kamen dann auch langsam aber sicher die wichtigsten Vokabeln und Sätze wieder zum Vorschein.
Wie mir später dann erzählt wurde, muss ich wirklich sehr verloren und hilflos ausgesehen haben… Irgendwie hat es dann aber geklappt und ich war einfach nur glücklich, endlich zu wissen, wo ich jetzt wohnen würde… Mit meiner Familie habe ich mich auf Anhieb gut verstanden (also jetzt von der Chemie) und sowohl meine Eltern als auch mein Bruder sind ohne, dass sie sich dafür groß anstrengen müssen einfach die perfekte Gastfamilie!

Mein erstes Wochenende war dann für mich dann einfach sehr überfordernd: Sprache, die ganzen neuen Eindrücke, neue Menschen. Einfach alles und ich hatte zum Glück keine Zeit richtig über mein neues Leben nachzudenken, weshalb das Heimweh auch ausblieb.
Das Wochenende war gefüllt mir meinem ersten Rotex- Treffen, Stadtbesichtigung mit meinem Bruder und Treffen mit anderen Austauschschülern und deren Geschwistern zum Billardspielen.
Corrientes ist übrigens eine wirklich wunderschöne Stadt. Direkt am Rio Paraná gelegen mit einem schönes Strand und ziemlich vielen aufgeweckten Menschen. Die Innenstadt ist wirklich sehr aufgeräumt und wunderschön. Und bis spät in die Nacht gefüllt mit Menschen!
Nach meinem ersten Wochenende ging es dann am Montag verschlafen und ziemlich aufgeregt auf zu meinem ersten Schultag. Hier in Corrientes besuche ich eine für argentinische Verhältnisse wohl ziemlich kleine Privatschule mitten in der Innenstadt.
Leider ist eine Schuluniform hier Pflicht und so bin ich dann also das erste Mal mit einer Uniform in die Schule.
Nachdem ich kurz der Sekretärin vorgestellt wurde, wurde ich dann einfach ohne Vorwarnung in meine neue Klasse gesetzt. Und da saß ich dann. Zum Glück war die erste Stunde Englisch, was mich wenigstens etwas verstehen lassen hat. Ansonsten habe ich mich gefühlt wie ein Zootier oder die Hauptattraktion in einem Zirkus. Alle wollten mir Hallo sagen und ich wurde von allen Seiten (natürlich in Spanisch) angesprochen. Außer 1 oder 2 Leuten spricht in meiner Klasse wirklich keiner wirklich Englisch, dass über „Hello, how are you“ herausgeht.
 Meine Klasse ist großartig und gleich in der ersten Pause wurde ich von einer ganzen Menge Leute durch die Schule geführt. Die Peinlichkeit, ich vor den versammelten Schülern auf Spanisch vorstellen zu müssen wurde mir, im Gegensatz zur der anderen Austauschschülerin auf meiner Schule, erspart. Nach nur 5 Stunden in der Schule ging es dann überglücklich nach Hause. Vor meinem ersten Schultag hatte ich, als ich in Deutschland war wirklich große Angst, aber es war  einfach nur ein guter Tag, denn dir Argentinier sind so herzlich und offen, dass man sich nur wohlfühlen kann.
Nachmittag hatte ich dann ziemlich viel Zeit und da meine Eltern nachmittags arbeiten müssen, war ich alleine zu Hause. Nicht besonders gut, denn die Gefühle kamen dann einfach hoch und haben mich übermannt. Aber nach 4 Tagen musste das Heimweh dann wohl einfach mal kommen. Zu allem Überfluss funktionierte dann weder mein Laptop noch mein Handy, weshalb ich nicht zu Hause anrufen konnte, was ich in dem Moment wirklich gebraucht hätte. Ich wäre am liebsten sofort ins nächste Flugzeug gestiegen und ganz schnell wieder nach Deutschland in mein altes Leben zurückgekehrt. Ich war einfach von der Vielzahl an neuen Eindrücken, der ungewohnten Umgebung und dem ständigen Spanisch überfordert. Auf diese Situation war ich irgendwie nicht vorbereitet!
Aber auch das schlimmste Heimweh geht vorbei und als meine Gasteltern dann nach Hause kamen, war es auch schon wieder besser.
Die erste Woche ging dann mit vielen Höhen und ein paar Heimwehanfällen total schnell vorbei.
In die Klasse habe ich mich irgendwie eingefunden, an meine Familie habe ich mich gewöhnt und die meiste Zeit war ich wirklich sehr sehr glücklich mit meinem neuen Leben!
In den nächsten Wochen habe ich mir dann meine Nachmittage dann noch mit allen möglichen Freizeitaktivitäten voll gestopft, denn ich bin es einfach nicht gewöhnt, zu Hause zu sitzen und brauche es, in Bewegung zu sein.
Mittlerweile habe ich wirklich jeden Tag voll verplant: Turnen, Cestoball, Spanischunterricht, Deutschklasse, Tanzen mit meinem Kurs und andere Dinge. Und sobald bei mir auch mehr oder weniger so etwas wie ein geregelter Tagesablauf in den Gang kam, war es auch schon um einiges leichter das Austauschjahr zu genießen.
Durch meinen doch relativ stressigen Alltag ging die bisherige Zeit rum wie im Flug und ich weiß gar nicht, wo die letzten 6 Wochen geblieben sind!
Ich habe gelernt, dass man bevor man die Straße überquert lieber 10x guckt, dass nicht irgendein Auto angerast kommt, wie man hier ein Taxi heran winkt, wie man den Bus nimmt, wie man in einem Restaurant bestellt, dass zur Begrüßung 2 Küsschen normal sind, dass man Facturas hier nicht einfach mit der Hand mitten auf der Straße essen kann, dass man zu einem Treffen nie pünktlich sein muss, weil man sowieso alleine ist, ich habe mich daran gewöhnt in der Siesta wie alle anderen zu schlafen und noch so unendlich viel mehr.
Auch daran, 24h am Tag wirklich NUR in Spanisch zu reden habe ich mich schnell gewöhnt und ich bin rückblickend wirklich froh, dass ich nie richtig die Möglichkeit hatte, hier Englisch zu sprechen, denn ich bin mir sicher, es hätte sehr viel länger gedauert, Spanisch zu sprechen. Dafür, dass ich 6 Wochen hier bin, bin ich eigentlich ziemlich glücklich damit, wie viel ich mittlerweile schon gelernt habe. Mein Wörterbuch ist mein ständiger Begleiter und auch, wenn meine Grammatik oft noch zu wünschen übrig lässt und meine Sätze sehr einfach sind, komme ich im Alltag sehr gut zurecht…
Nach so viel Zeit hier habe ich meine Freunde gefunden, mit denen ich unendlich glücklich bin und auch die anderen Austauschschüler kenne ich inzwischen auch ganz gut.
An Argentinien im Allgemeinen habe ich mich schon nach wenigen Tagen gewöhnt (Zumindest an das meiste). Auch wenn es hier oft anders ist als in Deutschland:
Schon auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt konnte man merken, wie viel Platz hier einfach ist.
Außerdem sind außer im Stadtzentrum die Straßen hier einfach unbefestigt und aus Sand. Der Straßenverkehr ist auch sehr chaotisch: Überholt wird links und rechts und, wer als erstes fährt und am selbstbewusstesten hupt, hat Vorfahrt. Auch die Häuser sind teilweise reichlich anders: auf der einen Seite riesige Villen mit großen Gärten und sobald man das Stadtzentrum verlässt, kleine sehr heruntergekommene Häuschen.
Was wirklich komisch ist, sind die Farben hier. Das ist mir erst nach 1 oder 2 Wochen aufgefallen, aber die sind einfach anders und ich weiß nicht einmal genau warum. Sie leuchten nicht so und alles ist ein bisschen eingestaubt und verblichen, wodurch Werbeplakate von amerikanischen Marken wie Coca-Cola besonders ins Auge stechen. Aber durch die Farben wirkt alles irgendwie ein bisschen ruhiger. Einfach entspannter.
Und es ist heiß! Sehr sehr heiß. Und wenn es nicht heiß ist, regnet es und ist dafür sehr sehr kalt (naja mehr oder weniger). Die Temperaturen schwanken hier manchmal zwischen 15° und 40°. DARAN habe ich mich noch nicht gewöhnt.
Alles in Allem unterscheidet sich Argentinien dann also schon etwas von Deutschland, aber ich bin doch eigentlich genau deswegen hier, oder?
Ich bin also wirklich glücklich hier und froh, dass ich mich vor einem Jahr dafür entscheiden habe (auch wenn es schon Momente gab, in denen ich sehr an mir gezweifelt habe), mich bei Rotary zu bewerben und, dass ich dann tatsächlich de Chance bekommen habe, jetzt hier sein zu dürfen und so begeistert von meiner neuen Heimat erzählen zu können. Danke!

Ich sende also erstmal allerliebste Grüße aus dem wunderschönen Corrientes und gehe wieder zu meiner Familie, bevor sei noch denken, ich wäre in meinem Zimmer hier eingeschlafen.
Bis bald
Gesine.

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