Taiwan – 2. Bericht von Laura Sophie

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Rotary Youth Exchange 2012/13                                  
Hualien, 23.01.2013
Laura Sophie Ritter, Hualien, Taiwan
2. Quartalsbericht

Sehr geehrter Herr Beyer, liebe Rotexmitglieder,
sowie alle weiteren Mitglieder des Distrikt 1880, 

zunächst einmal wünsche ich Ihnen allen und Ihren Familien, wenn auch reichlich verspätete, ein frohes und gesundes neues Jahr 2013!

Des Weiteren möchte ich mich dafür entschuldigen, dass der nun hier vorliegende Quartalsbericht erst so spät eingetroffen ist. Mir war nicht bewusst gewesen, dass sich die Berichte an den Jahresquartalen orientieren, viel mehr hatte ich gedacht, meinen Austausch in Quartale einteilen zu können. Der nächste Bericht wird aber mit Sicherheit pünktlich kommen.
Doch nun zu den Ereignissen der bereits vergangenen fünf Monate. Gestern war Halbzeit, 157 Tage sind schon vergangen, 157 bleiben mir noch. Die Zeit rast dahin und ich bin darüber so gar nicht glücklich. Mittlerweile habe ich mich hier wunderbar eingelebt, liebe mein neues Leben in dem nun gar nicht mehr so fremden neuen zu Hause und möchte gar nicht daran denken, dass ich in fünf Monaten schon wieder nach Hause muss.
Bis Dezember war ich in meiner ersten Gastfamilie, wo ich mich zwar auch wohl gefühlt habe, aber die meiste Zeit alleine war. Von daher habe ich mich sehr gefreut, als ich am ersten Dezemberwochenende zu meiner zweiten und immer noch aktuellen Gastfamilie wechselte. Hier erwartete mich eine wirkliche Großfamilie, mit Gasteltern, einer älteren Schwester, zwei jüngeren, Großeltern, einem Hausmädchen und einem Hund. Für mich, die ich aus einer Drei-Mann-Familie komme, war es doch neu, auf einmal von so vielen Menschen umgeben zu sein, immer ist irgendwas los, immer jemand zu Hause. Ich genieße dieses Großfamilienleben in vollen Zügen. In meinen Gasteltern habe ich ganz  liebe Eltern gefunden, die sich hervorragend um mich kümmern und mir helfen, wo sie nur können. Und auch in meiner großen Schwester habe ich eine beste Freundin gefunden. Der einzige, der mich stört, ist der Hund. Tiere sind einfach nicht meine Freunde. Aber ich werde es überleben.
In den vergangenen Monaten habe ich viel Chinesisch gelernt und bin nun in der Lage mich mit meinen Mitmenschen zu unterhalten, kann mich ausdrücken und verständigen. Das haben nun auch meine Klassenkameraden mitbekommen und so wurde der Umgang mit ihnen in den vergangenen Wochen immer besser. Ich habe jetzt in meiner Klasse und auch in anderen Klassen gute Freuden gefunden, mit denen ich gerne meine Zeit verbringe. Zurzeit treffe ich mich fast lieber mit meinen taiwanesischen Freunden oder unternehme was mit meiner Schwester, einfach um mehr Chinesisch zu reden. Doch auch die gelegentlichen Treffen mit den anderen Austauschschülern sind jedes Mal lustig. Bis zu den Winterferien hatte ich noch Chinesischunterricht, die letzten neun Mal davon hatten mir meine Eltern in Deutschland finanziert, da das Geld von meiner hieransässigen Club aufgebraucht war, ich aber unbedingt noch etwas mehr lernen wollte. In den nächsten Wochen wird ein weiterer Austauschschüler aus Brasilien kommen, der die gleiche Schule besuchen wird wie ich. Schon jetzt habe ich mit meinen Lehrern abgesprochen, dass ich gern an seinem Chinesischunterricht teilnehmen möchte, zum einen um für mich alles noch einmal zu wiederholen und zum anderem, um ihm zu helfen. Und ich habe meine Chinesisch Lehrerin sehr gern. Sie hat mir angeboten, mir auch weiterhin beim Lernen zu helfen. Das Angebot nehme ich natürlich gerne an, zu dem habe ich so auch in der Schule etwas zu tun, denn den Unterricht verstehe ich nach wie vor nicht, was unter anderem auch daran liegen könnte, dass mehr als die Hälfte computerbezogener Unterricht ist, welcher von Fachbegriffen geprägt ist und ich, DAS Computergenie schlecht hin auch in Deutschland im Informatikunterricht nur wenig verstanden habe. Und so lerne ich die meiste Zeit im Unterricht Chinesisch oder schreibe Briefe und Karten nach Hause. Allerdings habe ich jeden Tag in der letzten Stunde Kalligraphie Unterricht, was mir großen Spaß macht und ja nun wirklich etwas sehr landestypisches ist.
Auch ich bin eine kleine Lehrerin geworden, seit November unterrichte ich eine unserer Englischlehrerin in Deutsch. Sie wollte gern unsere Sprache lernen und ich habe mich gern dazu bereit erklärt. Und so habe ich nun jede Woche zwei Stunden „Unterricht“. Ich habe festgestellt, dass mir das wirklich Spaß macht und spiele mit dem Gedanken, mir später so, in dem ich nicht-deutsch-sprechenden Menschen meine Muttersprache beibringe, mein  Studium zu finanzieren.
Doch gelegentlich ist es wirklich schwer zu erklären, warum dieses und jenes nun mal so ist wie es ist, warum es DIE Tür, aber DAS Fenster ist, warum es einmal EIN Apfel ist, aber ich EINEN Apfel esse. Aber es macht mir wirklich großen Spaß.
Der Dezember war vollgepackt mit allerlei rotarischen Veranstaltungen, was auch gut so war, denn so wurde ich von der Tatsache abgelenkt, dass mir Weihnachten doch sehr gefehlt hat. Es war nicht wirklich Heimweh, davon spüre ich nach wie vor so gut wie nichts (sehr zum Bedauern meiner Eltern), es war viel mehr die Tatsache und das Entsetzen darüber, dass Weihnachten hier so gut wie gar nicht gefeiert wird. Und Weihnachtsmarkt, Plätzchen backen und Christbaumschmücken haben mir doch sehr gefehlt. Der weihnachtlichste Ort hier war Starbucks, wo ich nach der Schule öfters als sonst hingegangen bin um mich ein bisschen von Weihnachtsmusik beschallen zu lassen. Ansonsten erinnerten nur ein paar Verkäufer mit albernen Elchohren, kitschig geschmückte Kirchen und das ein oder andere Restaurant mit Weihnachtsmusik daran, dass wirklich Dezember war. Lustig war, dass einige Restaurants sogar deutsche Weihnachtslieder gespielt haben, was mir aber immer erst nach einigen Minuten aufgefallen war. Doch mit den aus Deutschland geschickten Adventskalendern und den ausgeplanten Wochenenden ließ sich die unweihnachtliche Weihnachtszeit ganz gut überleben. Erstes Ereignis war ein „Coming of Age Ceremony“, eine Art daoistische Jugendweihe, die in einem Tempel durchgeführt wurde. Zu diesem Anlass musste ich gemeinsam mit einem anderen deutschen Austauschschüler vor unserem gesamten Distrikt, unserem Nachbardistrikt sowie viele Eltern, Zuschauern und dem Fernsehkameras, eine mehr als schwierige Rede halten, von der ich bis heute nicht wirklich weiß, was ich da eigentlich erzählt habe. Von daher habe ich mich fast nur auf die Aussprache konzentriert und hatte arge Bedenken, dass niemanden etwas verstehen könnte, was ich da erzählte, doch im Nachhinein waren alle sehr stolz auf uns zwei und man soll wohl alles verstanden haben. (Auf meinem Blog findet sich der Link zu einem Video von der Rede)
Das darauffolgende Wochenende ging es schon wieder nach Taipei, diesmal im Rahmen einer Weihnachtsfeier und des Communityservices. Im Oktober hatte man uns gesagt, dass wir ein T-Shirt designen sollten, und von allen würde das beste rausgesucht werden, welches dann in tausendfacher Auflage gedruckt werden würde und der Erlös des Verkaufs würde einer Kampagne für an Alzheimer  erkrankten Menschen zu Gute kommen. Ich machte mich also daran ein T-Shirt zu designen und wenige Wochen später stand fest: Mein Design war das Gewinner-T-Shirt und mein T-Shirt würde gedruckt und verkauft werden. Ich habe mich riesig gefreut! An eben diesem Wochenende bekamen dann alle derzeitigen Inbounds und zukünftigen Outbounds eines meiner T-Shirts geschenkt, eine Distriktmitglied hatte die Kosten übernommen und so war es für mich eine Freude zu sehen, wie an diesem Tag alle mein T-Shirt trugen. Ich bekam zwanzig Exemplare als Preis, von denen ich einige hier verschenkt habe, unter anderem an meine Gastfamilien, und einige noch nach Hause schicken möchte.
So verging die Zeit bis Weihnachten recht schnell. Ich hatte keine so rechte Vorstellung wie Heilig Abend ablaufen würde. Die gesamte Woche vom 24.-28.12. ging ich in die Schule, von daher war es schon recht außergewöhnlich. Doch der Abend war dann recht schön, wenn auch anders. Es war das erste Mal, dass meine Gastfamilie Weihnachten feierte. Wir aßen gemeinsam Pizza, tauschten mehr oder weniger im Vorbeigehen Geschenke und das war es dann auch schon fast. Doch das war nicht weiter schlimm. Ich habe mich sehr gefreut, dass sie mir zu Liebe überhaupt Weihnachten zelebriert haben und es war auch einfach nur schön gemeinsam Zeit mit meiner Gastfamilie zu verbringen. Am Nachmittag hatte ich mit meinen Eltern geskypt um wenigstens mal den Weihnachtsbaum gesehen zu haben. Alles in allem war Weihnachten schön, viel besser als erwartete, wenn es auch das unweihnachtlichste aller Weihnachten war, die ich je erlebt habe. Aber dafür bin ich ja hier, um neue Erfahrungen und andere Sitten kennenzulernen.
Auch Silvester war ziemlich unspektakulär. Unser Neujahr hat hier kaum Bedeutung und so verbrachte ich den Abend mit Freunden in der Stadt und fuhr dann mit meiner Gastfamilie zu Freuden der Familie um dort im Fernsehen das große Feuerwerk in Taipei anzuschauen und danach fuhren wir auch schon wieder nach Hause. Hier wird erst im Februar  das chinesische Neujahr richtig groß gefeiert, das wird das Ereignis des Jahres werden. Deshalb habe ich jetzt auch Ferien, vier Wochen lang. Eigentlich begannen die Ferien erst diese Woche, doch für mich war letzten Montag der letzte Schultag, weil danach wieder Examen geschrieben wurden, und da darf ich zu Hause bleiben. Das traf sich ganz gut, denn am Donnerstag bin ich mit meiner ersten Gastfamilie für fünf Tage nach Japan geflogen. Schon im September hatten sie mir das angeboten und nun war es also tatsächlich möglich geworden mit ihnen gemeinsam nach Japan zu fliegen. Auch wenn ich die Kosten dafür selbst trage musste, kann ich jetzt im Nachhinein kann ich sagen, dass es sich wirklich gelohnt hat. Was ich in der kurzen Zeit alles sehen durfte! Doch auch schon vorher, war ich mir meiner Sache sehr sicher, denn wann hat man denn mal die Möglichkeit nach Japan zu reisen? Wenn ich erst einmal wieder in Deutschland bin, komme ich so schnell erst mal nicht wieder in diese Richtung und so wollte ich jegliche Möglichkeiten, sie sich mir boten, nutzen. Wir sind also von Taipei nach Kansai geflogen, haben uns die frühere Hauptstadt und das kulturelle Zentrum Japans, Kyoto angeschaut, ebenso haben wir Kitano, Osaka und die Universal Picture Studios besucht. Ich war von allem sehr begeistert und habe Unmengen an Fotos geschossen (Ich nehme ganz stark an, dass ich die einzige in der Familie bleiben werde, die jemals in Japan war). Heute kann ich sagen, dass mir Japan wirklich gut gefällt. Trotz der vielen Tempel wirkt es um sehr viel westlicher als Taiwan. Laut meinem Gastpapa ist Japan in Asien das, was Deutschland in Europa ist. Doch das scheinen die Japaner auch zu wissen. Grundsätzlich würde ich meinen, sind die Taiwanesen hier freundlicher. Doch das ist nur ein Eindruck von fünf Tagen. Auf jeden Fall hat mir die Reise sehr gut gefallen und ich bin nach wie vor sehr glücklich, dass ich die Möglichkeit hatte noch ein anderes asiatisches Land besuchen zu dürfen. Zudem war es auch sehr schön Zeit mit meiner ersten Gastfamilie zu verbringen, werde ich doch im Juni für die letzten vier Wochen zu ihnen zurückkommen.
Nun bemühe ich mich die verbleibende Zeit hier zu genießen, allem voran jetzt wo Ferien sind. An sich bin ich ständig unterwegs, sei es mit Freunden, Austauschschülern oder meiner Familie. Oftmals gehen wir gegen zehn abends noch gemeinsam essen, auf Grund dessen, dass auch meine jetzigen Gasteltern sehr beschäftigt sind. Doch ich genieße die Zeit mit meiner Familie sehr. Neben dem gehe ich in meiner Freizeit ins Fitnessstudio um dem unvermeidbaren Zunehmen wenigstens ein bisschen Einhalt zu gebieten und habe zwei bis drei Mal pro Woche Ballettunterricht und eine Art taiwanesischen Tanzunterricht. Und so kommt es, dass E-Mails, facebook-Nachrichten und dergleichen oft lange unbeantwortet in meinem Postfach liegen, einfach weil ich keine Zeit dafür finde. Auch das Skypen mit meinen Eltern wird immer seltener, was auch nicht zuletzt an den sieben Stunden Zeitunterschied liegt. Wenn ich ins Bett gehe, kommen sie gerade nach Hause. 
Doch wie ich bereits schon erwähnte, bin ich vom Heimweh wirklich verschont. Ich denke schon an zu Hause, meine Familie und Freunde, aber ich würde nicht behaupten wollen, sie ganz doll zu vermissen. Mir geht es gut hier und ich habe hier genauso ein Leben, wie in Deutschland. Mit dem Unterscheid, dass dieses hier zeitlich begrenzt ist und irgendwann unwiderruflich vorbei sein wird. Und von daher möchte ich es in vollen Zügen genießen. Da bleibt gar keine Zeit für Heimweh und Vermissen. Bitte denken Sie jetzt nicht ich wäre herzlos, Himmel nein, ich liebe meine Familie und Freunde und natürlich freue ich mich auch darauf sie irgendwann wieder in die Arme zu schließen, aber ich weiß, dass sie mich auch weiterhin lieb haben und unterstützen, auch wenn ich mich mal längere Zeit nicht gemeldet habe.

So viel also zu meinem Leben hier in Taiwan. Es ist nun wirklich mein Leben, an dem ich genauso hänge wie an meinem Leben in Deutschland, Lin ChiaChia ist genauso ein Teil von mir wie eben Laura Sophie Ritter.

Sollten Sie jetzt noch neugierig sein, was ich hier sonst noch so erlebe, finden Sie weitere Berichte und Bilder auf meinem Blog. In nächster Zeit werde ich noch einiges zu Japan berichten.

Ich hoffe ich konnte Ihnen ein Bild von der ersten Hälfte meines wunderbaren Austauschs vermitteln und Sie nehmen mir meine Verspätung nicht übel.

Mit herzlichen und dankbaren Grüßen,
Laura Sophie Ritter
林加佳 (Lin ChiaChia)

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