Taiwan – erster Bericht von Anna

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 Erste Eindrücke

Im ersten Monat habe ich meine Familie in Deutschland oft vermisst, die erste Woche habe ich jeden Abend geweint. Meine Gastfamilie war zwar wirklich super toll, doch in den Momenten, wo man alleine ist, fiel es dann doch schwer. Aber man lernt nach und nach bei Heimweh einfach einen Spaziergang zu machen und dann sieht man wieder die Orte und Dinge, die einen denken lassen „Wow, ich bin jetzt wirklich hier. Das erlebe ich gerade wirklich und ich hätte mir das niemals im Leben erträumt. Danke für diese Chance“. Was man als Eindruck noch bezeichnen kann, ist, dass hier in Taiwan wirklich alles anders ist. Angefangen von wie man auf den Bus wartet, über das Essen natürlich, bis hin bis wie man auf das Klo geht. Alles ist anders und am Anfang war es sehr komisch für mich, mich daran zu gewöhnen. Aber es war nicht unangenehm oder schlecht. Es ist einfach nur anders.

 

Auch über das Schulsystem habe ich viel gelernt. In Deutschland bin ich nie gerne zur Schule gegangen. Aber nachdem ich gesehen habe, wie das Lernen hier funktioniert, geniesse ich den Gedanken an die deutsche Schule. Meine Schule in Taiwan ist eigentlich sehr gut, weil ich auf einer berufsorientierten Schule bin – speziell für Wirtschaft und Industrie. Ich bin ich der Ernährungs– und Lebensmittelverarbeitungsklasse. Solche speziellen Schulen gibt es hier viele. Aber der Weg Dinge zu Lernen ist immernoch anders. Es gibt auch die normalen Highschools in der keine speziellen Kurse angeboten werden. Hier ist die Form des Bulimielernens am größten. Lernen, Lernen, lernen bis nachmittags und dann geht es weiter in der Förderschule bis 22:00 Uhr (aber nicht für die Austauschschüler) und manchmal auch am Wochenende. Die Entwicklung im Teenageralter kommt bei vielen sehr spät. Aber das Lernen und die Schule steht hier an höchster Stelle. Ich bin froh, dass ich auf dieser speziellen Schule bin, denn so habe ich auch die Möglichkeit Freundschaft mit den „Einheimischen“ zu schließen und nicht nur mit den Austauschschülern (weil hier der Fokus wirklich auf der Praxis liegt und nicht nur auf der Theorie). Ich habe so viele neue Eindrücke, eigentlich müsste ich jede Woche so einen Bericht schreibe, was ich ja auch tue in meinem Blog. Zum anderen habe ich hier mit so vielen neuen Dingen zu tun. Ich begegne hier verschiedenen Religionen, nicht nur Buddhismus, sondern auch Hinduismus und dem Islam, Ich begegne leider auch Rassismus, Sexismus, Homosexualität und mit all den verbundenen Vorurteilen. Aber ich begegne auch der Kultur, der Sprache, dem anderen Stil zu leben, zu essen, der Erziehung, des Schulsystems, Kulturen und Traditionen innerhalb der Generationen, so hat alles seine guten und schlechten Seiten! Und ich begegne natürlich auch neuen Menschen. Ich habe hier in Taiwan gelernt niemals bewusst über etwas oder jemanden zu urteilen. Anfangs habe ich Distanz zu vielen Leuten hier gehalten, weil ich mich in ihrer Umgebung nicht vertraut gefühlt habe, wie zum Beispiel auch die den Austauschschülern. In 1880 sind es denke ich nur 20 Austauschschüler. Hier in Taipei sind es über 120, in meinem Distrikt allein sind es 65. Da kann man nicht sofort alle super gut kennenlernen und zu einer Familie zusammenwachsen. Aber nach und nach lernt man die Menschen kennen. Und auch wenn sie auf den ersten Blick unangenehm erschienen, lernt man doch dazu, man führt Gespräche und man erfährt die Biographie der einzelnen Personen. Jeder hat eine andere Vergangenheit und demzufolge auch eine andere Sichtweise auf bestimmte Dinge. Und das ist völlig in Ordnung. Verbunden damit habe ich auch gelernt zu mir selbst zu stehen und auch zu meinen Sichtweisen zu stehen, denn auch ich habe eine andere und eigene Vergangenheit und Geschichte. So kommt alles zusammen. Hier in Taiwan lerne ich auch loszulassen von altem Schmerz, ich lerne, dass jeder Tag wertvoll ist, auch wenn es ein schlechter Tag zu sein scheint. Denn aus allen schlechten Dingen, kann man lernen und so hat alles sein Gutes. So begegne ich auch dem Ying und Yang, das hier weit verbreitet ist. Alles Gute hat eine schlechte Seite und jede schlechte Seite hat eine gute Seite. Jeder handelt aus einem bestimmten Grund, alles hat einen Hintergrund, eine Bedeutung warum man etwas tut. Was man auch mit dem Ying und Yang verbinden kann sind die vielen Kulturen, die aufeinander treffen. Zum einen sind wir alle verschieden: in Taiwan z.B. das Schulsystem und dass viele Jugendliche deshalb nachmittags fast niemals etwas zusammen unternehmen. Oder mit den Austauschschülern, das lange „sich gehen lassen“ der Amerikaner oder das „Niemals müde werden“ der Franzosen. Aber wie gesagt, ich lerne nicht zu urteilen. Auch wenn wir alle aus einem anderen Land kommen, sind wir auf der anderen Seite alle Teenager, die „Probleme“ haben, die probieren sich loszureißen, die auf eigenen Beinen stehen und selbständig handeln möchten, aber hin und wieder dabei ausrutschen. Ich habe auch gelernt jede Chance zu nutzen, die sich mir aufbietet. Allerdings ist Taipei auf der anderen Seite auch eine sehr laute und volle und immer in Bewegung seiende Stadt, deshalb hat es mich mal für zwei Wochen ein bisschen aus der Bahn gehauen, einfach weil ich diesen Großstadttrubel nicht gewöhnt bin. Aber jede Chance ist eine Chance und ich lerne mich bewusst für Dinge zu entscheiden. Ich habe hier in Taiwan eine wundervolle Familie. Das erste Mal dass ich mit 2 Schwestern, Mama und Papa zusammen wohne. In Deutschland habe ich meine Mama und mein Bruder ist in der Ausbildung. Von daher war das auch ein neues Bild für mich. Jetzt sitze ich auf gepackten Koffern (ich habe definitiv zu viel mit nach Taiwan genommen, wenn ich gehe, wird sehr viel aussortiert!), denn morgen Wechsel ich meine Gastfamilie. Worüber ich sehr traurig bin, aber ich bin auch schon gespannt auf meine neue Familie. Es gibt so viele Dinge über die ich schreiben könnte. Jeder Tag ist wertvoll und jeden Tag kommt eine neue Erfahrung dazu!

 

Probleme

 

Außer gelegentlichem Heimweh, habe ich eigentlich keine Probleme. Meine Familie ist super und meine Schule auch. Probleme, die aufkommen, habe ich gelernt selbst zu lösen oder mit meinen Gasteltern darüber zu reden, oder eben mit meinem Counselor. Also keine ernsten Probleme. Oh, ich habe aber einen Ausschlag bekommen im Gesicht und in den Armbeugen, aber ich vermute dass das an der Umstellung liegt, am Wetter und an der Luft. Taipei ist schließlich eine Metropole, da bleibt einem die Luftverschmutzung nicht verborgen.

 

Sprache

 

Also als ich Taiwan in meiner Erstwahl angegeben habe, war mir zwar bewusst, dass ich Chinesisch lernen muss, aber es war noch mehr im Hintergrund, als dass mir wirklich bewusst gewesen wäre, dass es wichtig ist. Ich habe vorher für 5 Monate einen Sprachkurs belegt, einmal die Woche, aber das wars dann auch. Als ich nach Taiwan gekommen bin, habe ich am Anfang nichts verstanden. Zum einen redet man ja in der eigenen Sprache auch oft sehr schnell, zum anderen redet man hier nicht das festlandchinesisch, sondern das Mandarin, das zwar auch Chinesisch ist, nur noch mit traditionellerem Charakter. Ich habe mir am dritten Tag ein kleines Notizheft gekauft, in der ich alle neuen Wörter reinschreibe, die ich unterwegs oder im Alltag lerne, damit ich sie nicht vergesse. Oder wichtige Sätze. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass das nicht ausreicht. Die Sprache des Landes ist so wichtig. Wie will man eine Kultur verstehen, wenn man nicht mal die Sprache versteht? Und ich wollte unbedingt meine Mitmenschen verstehen, Unterhaltungen und Gespräche führen. So habe ich gelernt und gelernt und beschlossen nur noch Chinesisch mit meinen Klassenkameraden und Familie zu reden. Mit meiner thailändischen Austauschschülerfreundin an meiner Schule rede ich nur noch Chinesisch und wenn einer Englisch spricht, muss er zahlen. Und am Ende des Jahres machen wir dann etwas Großes (oder Kleines) von dem Geld gemeinsam. Aber ich will unbedingt diese Sprache lernen. Am Anfang war ich mir nicht über den Sinn des Lernens bewusst, doch nun habe ich mich in die Sprache verliebt! Ich finde, dass es nicht das altbekannte „Ching Chang Chong“ ist, es ist freilich viel viel mehr. Und ich bin ein Mensch, der wirklich gerne redet. Deshalb will ich diese Sprache lernen! Um mich verständigen zu können. Und außerdem ist es ein Teil der Kultur, ein Weg sich zu verständigen, der nötig zu wissen ist, wenn man sich zurechtfinden will. Noch dazu habe ich 2x die Woche vormittags Chinesischunterricht mit den anderen Austauschschülern. Wir haben ab und zu auch einen Test. Und einmal im Monat müssen wir in unserem Rotaryclub eine kleine Rede von 5 Minuten halten über unser Jahr. Und Ende Dezember ist ein großer Test für alle Schüler meines Distrikts, wieder verbunden mit einer Rede. Ich denke, ich komme gut voran, vielleicht bin ich auch weiter als die anderen, aber ich habe mich wirklich in die Sprache verliebt!

 

Ausführlicher Bericht über das erste Quartal

 

Der Abschied von meiner Familie und von meinen Freunden hat sich unreal angefühlt. Es war eigentlich nichts dabei, man wusste ja, dass man wieder kommt. Allerdings bei meiner Mama habe ich sehr geweint, weil wir uns sehr nah sind und weil es schon ein komisches Gefühl war, plötzlich nicht mehr auf die Selbstverständlichkeit der Eltern zurückgreifen zu können. Alle 30 Austauschschüler aus Deutschland, deren Austauschland Taiwan ist, sind nach einem ewig langem Flug gemeinsam in Taipei gelandet. Auf der einen Seite hat es sich total unreal angefühlt als wir gelandet sind. Es war wie ein Traum. Man hat solange auf diesen Moment gewartet und auf einmal war er da, auf einmal war das Austauschjahr da. Aber es war kein spezielles Gefühl da oder man hat keine bewusste Veränderung wahrgenommen. Aber auf der anderen Seite war ich unglaublich aufgeregt, weil ich keine Ahnung hatte, was mich erwartet. Es ist ein komisches Gefühl, sich jetzt nach drei Monaten wieder daran zu erinnern, es scheint so ewig weit weg zu sein. Auf jeden Fall war ich so aufgeregt, dass ich zu meiner Freundin immer und immer wieder gesagt habe: „Ich bin so aufgeregt, so aufgeregt, ich will da nicht raus gehen. Noch bin ich auf dem Flughafen, noch kann ich umkehren.“ Doch jetzt bin ich froh, dass ich doch aus dem „Check in“ Bereich herausgetreten bin. Und immer wenn es mir mal schlecht geht, dann denke ich daran: Anna, du bist rausgegangen, du hast es gewagt. Und ab diesem Punkt, wo du hinausgetreten bist, hat die Entwicklung angefangen, die Veränderung, du hast den Schritt gewagt, das muss was heißen. Draußen standen so viele Menschen mit Plakaten, haben gerufen, applaudiert, ich habe ewig nach meinem Bild gesucht, und dann waren sie da, meine Familie (alle drei Gastfamilien), Counselor, Rotary, u.s.w.. Typisch asiatisch wurden erstmal Fotos gemacht, ich habe garnichts verstanden, ich konnte nur lachen und lächeln und den Kopf nicken, es war sehr sehr…anders. Und als wir aus dem Flughafen raus sind, bin ich gefühlstechnisch erstmal gegen eine Mauer gelaufen. Es war so dermaßen heiß! Und Schwül und ich wollte am liebsten meinen Rotaryblazer und alles andere ausziehen, es war so heiß! Wir sind zum Frühstück gefahren, wo es dann erstmal traditionelle Dinge zu essen gab, wie man tou (eine Art Hefebrot) und bao zi (ein anderes Hefebrot) und die supertolle Sojamilch, in die ich mich sofort verliebt habe! Obwohl meine Gastfamilie total super war, waren die ersten Tage sehr schwer für mich! Ich habe Bauchweh gehabt und konnte nach dem Frühstück für zwei Tage nichts mehr essen. Ich habe meine Familie vermisst und meine Freunde und ich habe die ersten zwei Wochen bestimmt jeden Abend geweint, einfach weil ich mich erst an alles gewöhnen musste. Denn „anders“ ist das Wort, dass ich in der ersten Zeit in Taiwan bestimmt am allerhäufigsten benutzt habe. Alles ist anders, es beginnt beim Essen mit Stäbchen, über das auf den Bus warten, bis hin zu wie man aufs Klo geht. Alles ist anders und daran musste ich mich erst gewöhnen. Aber nach zwei Wochen bin ich langsam klar gekommen und war sehr stolz als es für mich irgendwann selbstverständig wurde, von der einen MRT Station in einen weiteren Bus zu wechseln ohne mich zu verlaufen. Das mit der Sprache lernen habe ich ja schon kurz erwähnt. Am Anfang konnte ich nichts, trotz fünf Monate Vorbereitung. Erstmal weil ich so aufgeregt war, zum anderen weil es für die Alltagssprache einfach nicht genug gewesen war. Ich habe mir also am dritten oder vierten Tag ein Notizbuch gekauft, und immer wenn ich unterwegs ein neues Wort oder Satz gelernt habe, habe ich es gleich aufgeschrieben, Deutsch, Englisch, Chinesisch. Und mittlerweile nach drei Monaten fühle ich mich im Chinesisch ziemlich sicher und kann auch schon lange Alltagsgespräche führen, aber auch über tiefgründige Dinge sprechen, etwas zu essen bestellen, ein Ticket kaufen oder mein Befinden beschreiben. Ich liebe es diese Sprache zu lernen!

 

Mein erstes Schultag war alles andere als normal. In Taiwan ist es üblich ein oder zweimal in der Woche die Nationalhymne auf dem Hof zu singen und sich in Reih und Glied hinzustellen und den Worten des Schuldirektors zu lauschen, was ehrlich gesagt nicht nur für uns Austauschschüler langweilig ist. An meiner Schule ist noch eine Thailänderin und ein Russe. Und am ersten Schultag wurden wir vor allen Schülern auf die Bühne geführt und mussten uns in unserer Heimatsprache, dann in Englisch und Chinesisch vorstellen. Vor 4000 Schülern, die Schulen hier sind echt gefüllt! (ach ja, wir haben eine schlumpfblaue Schuluniform). Alle haben gejubelt und gerufen und so weiter, es war so aufregend und ich hatte keine Ahnung was ich denken sollte. Mit meiner Klasse bin ich sehr zufrieden. Da ich an einer Vocational Highschool bin, wo das Schulsystem nicht so streng ist (habe ich ja schon erwähnt), ist es leichter Freunde zu finden. Mit meinen Klassenkameraden mache ich öfter was, ein oder aller zwei Wochen gehen wir nachmittags raus. Mit der Thailänderin mache ich bestimmt einmal die Woche was, und mit den anderen Austauschschülern verstehe ich mich auch gut. Dazu muss ich sagen, dass ich anfangs erstmal Distanz zu den anderen Austauschschülern gehalten habe, hier sind wir 64 Austasuchschüler in einem Distrikt und 150 in ganz Taipei, da ist es schwieriger als in 1880 schnell zu einer Familie zusammenzuwachsen, einfach weil man alle erstmal kennenlernen muss. Und ich wollte auch erstmal meine Familie besser kennenlernen. Ich bin mit meiner Familie wirklich nah zusammengewachsen. Sie haben mir viel geholfen, viele Orte gezeigt, waren offen für alles. So wollte ich ein Vertrauen aufbauen und ich bin auch etwas traurig, dass wir die Familien tauschen müssen, aber ich komme die letzten drei Wochen meines Austauschjahres wieder zurück zu ihnen, darüber bin ich sehr froh. Denn in der ersten Familie ist es ja immer ein bisschen schwierig, weil man sich ja erst an alles gewöhnen muss. Und die Sprachbarriere ist auch noch groß, wenn man die Landessprache noch nicht sprechen kann. Deshalb denke ich dass es sehr gut ist, am Ende nochmal zurückzugehen, weil man sich dann die Sprache beherrscht und sich an das Land und die Leute gewöhnt hat. Dazu muss ich sagen, dass ich in meiner ersten Familie sehr schnell Chinesisch gelernt habe, weil mein Gastpapa oft auf Reisen war (er ist ein Business-Man), und meine Gastschwestern oft lange in der Schule und meine Gastmama konnte nicht so gut Englisch, deshalb war ich darauf angewiesen Chinesisch zu lernen. Und das will ich auch den neuen Outbounds mitteilen, das habe ich auch in meinen Blog geschrieben: Sprecht die Sprache eures Austauschlandes!!! Auch wenn ihr am Anfang überhaupt nichts versteht, fragt nach, geht unter die Einheimischen, traut euch etwas im Restaurant zu bestellen oder ein Ticket zu kaufen. Findet Freunde unter den Einheimischen, nicht nur unter den Austauschschülern. Aber probiert zu sprechen. Ihr werdet es schnell lernen. Ich konnte am Anfang auch nur „Hallo“ und „Auf Wiedersehen“ und „Danke“ und die ganzen Grundbegriffe. Aber jetzt kann ich nach drei Monaten schon eine Konversation auf Chinesisch halten. Sprecht unbedingt die Sprache des Landes. Etwas anderes, was ich den Outbounds mitteilen möchte ist, dass sie am Anfang des Austauschjahres unbedingt ein Verhältnis zu der Familie aufbauen sollten. Zeigt, dass ihr interessiert seit an eurem Austauschland, integriert euch, fragt wie es ihnen geht, auch wenn sie im ersten Moment nicht gesellig erscheinen. Ich habe gelernt, dass man von der Gastfamilie nicht erwarten kann, dass sie dir erlauben „auszugehen“, wenn du keine Beziehung zu ihnen aufbaust, wie sollen sie dir dann vertrauen? Natürlich ist das von Land zu Land und von Gastfamilie zu Gastfamilie unterschiedlich, aber in meiner Familie und bei vielen anderen Austauschschülern hier, war das der Fall. Also „Wer gibt, bekommt auch irgendwann etwas zurück.“ Und noch etwas drittes: Ihr seid für euer Austauschjahr verantwortlich. Wenn ihr eine Chance bekommt, dann nutzt sie aus, wer weiß, ob ihr nochmal gefragt werdet. Wenn ihr etwas Bestimmtes erreichen wollt, dann kämpft dafür und organisiert euch. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass hier keiner dir etwas anbietet, was als Wunsch tief in deinem Herzen schlummert. Du musst definitiv reden, du bekommst zwar Hilfe von deiner Gastfamilie und Freunden, aber du musst auch erstmal um Hilfe bitten. Also, du bist auf dich alleine gestellt, du bist für dein Austauschjahr verantwortlich. Und auch wenn dir andere Austauschschüler oder Freunde oder Familie reinreden und sagen, dass dein Hobby oder dein Wunsch komisch ist oder nicht „cool genug“, dann lass dich nicht unterkriegen. Da ich Veganerin bis, stößt man hier öfter mal auf Vorurteile, zwar unter den Taiwanern weniger, weil es hier durch den Buddhismus viele Vegetarier gibt, aber manche sehen es eben als komisch an. Ich habe viele Leute kennengelernt und eine vegane Bäckerei gefunden, wo ich jetzt ab und zu Backstunden bekomme. Aber auch nur, weil ich mich gekümmert habe. Und ehrlich gesagt habe ich am Anfang das alles sehr verheimlicht, weil ich nicht wollte, dass mich jemand irgendwie verurteilt. Aber man findet die Leute und man lernt zu sich selbst zu stehen. Wenn du dich mit einer Sache unwohl fühlst, dann sag es und steh dazu, dass ist dein Jahr, das du ganz allein gestaltest und du bist verantwortlich dafür, dass du glücklich bist. Es heißt zwar immer so einfach, dass man sich als Jugendlicher losreißen möchte vom Zuhause und von den Eltern und so weiter, aber wenn man dann plötzlich wirklich alleine ist und in einer neuen Welt, dann merkt man doch, dass es manchmal gar nicht so einfach ist, wie man sich das vorgestellt hat. Und genießt euer Austauschjahr, jeden einzelnen Moment. Auch wenn euch mal langweilig ist oder Heimweh habt, dann genießt es, redet mit eurer Familie oder geht raus und seht, was in einem tollen Land ihr seid. Macht einen Spaziergang oder fahrt eine Runde Bus, ich weiß das klingt bescheuert, aber dann seht ihr wieder die Menschen wie sie leben, was sie machen, wie sie ihren Alltag gestalten, ihr seht die Umgebung und das Treiben, die Landschaft, und ihr merkt dass ihr ein Teil davon seid. Genießt das!

 

Die letzte Frage ist, wie waren meine Erfahrungen in diesem Jahr? Ich denke ich habe schon ziemlich viel darüber geschrieben, ich schreibe für mich selbst eine kleine Liste, wo ich aufschreibe, was ich in diesem Jahr gelernt habe. Neben Sojamilch herstellen steht da auch „Bei mir selbst bleiben“, „Manchmal auch mal Nachgeben, auch wenn man nicht einverstanden ist, aber trotzdem ehrlich bleiben.“ „Wie es sich anfühlt, geliebt zu werden, wichtig zu sein, gebraucht zu werden.“ „Wie sich Freundschaft anfühlt“. Ja, ehrlich gesagt habe ich diese letzten zwei Punkte in Deutschland noch nie wirklich gespürt. Seit ich in der vierten Klasse war habe ich auf meinen Wunschzettel jedes Jahr geschrieben „eine beste Freundin“. Und hier habe ich gelernt, ich habe gespürt, wie sich Freundschaft anfühlt, wirklich Freundschaft, ich nenne es das Gefühl eines „Bilderbuch-Sommers“, wir saßen auf dem Fahrrad entlang dem Fluss hier in Taipei, sind so schnell gefahren, haben die Skyline gesehen und ich war so glücklich. Ich stand auf den Häusern der Stadt mit Menschen, die ich lieben gelernt habe, nicht nur weil sie auch Austauschschüler sind, nein, sondern weil sie mein Herz berührt haben! Weil sie mich tief innendrin berührt haben und dieses Gefühl ist in mir gespeichert auf alle Ewigkeit! Ich habe gelernt 17 Jahre alt zu sein, Dinge auch mal locker zu betrachten, denn ich Deutschland war ich durch bestimmte Umstände immer sehr ernst und wollte nie nur mal über „Blablabla“ reden, hier sehe ich es als nicht schlimm an, auch mal nur rumzualbern und die freie Zeit zu geniessen und einfach nur mal über das Wetter zu reden, das ist auch mal in Ordnung. Ich bin 17 Jahre alt, ich treffe Freunde, bin jugendlich, nable mich von meiner Mama ab. Auf der einen Seite ist der Spaß und das miteinander abhängen, auf der anderen Seite ist das Leben verstehen, selbstständig auf beiden Füßen stehen, lernen dass es okay ist, auch mal hinzufallen. Ich habe mich dazu entschlossen, alle Kosten in meinem Austausch selbst zu bezahlen, alles was Mama erstmal für mich ausgelegt hat, alle Pakete, die sie mir geschickt hat, werde ich selbst bezahlen. Wenn ich wieder nach Deutschland komme, dann werde ich drei Tage die Woche nach der Schule arbeiten. Ich will ihr nicht den Rücken zukehren und mich vollkommen selbständig zeigen. Nein, ich will ihr „Danke“ sagen. Ich will ihr zeigen, dass alles was sie mir in den letzten Jahren gegeben hat, auch jeder Streit, richtig war. Ich will ihr zeigen, dass ich das was sie mich gelernt hat, ich jetzt auch anwenden kann. Das ich das anwenden kann und mich damit weiterentwickle. Ich kann ihr das, was sie mich gelehrt hat, natürlich nicht in Geldeinheiten wieder zurückgeben. Aber ich will es ihr zeigen, dass ich das Leben liebe, dass ich es für wertvoll erachte, dass ich am Leben bin, dass sie mich geboren hat! Und ich kann es ihr in der Art und Weise, wie sie es mich gelehrt hat, nicht zurückgeben, aber ich kann es später an meine eigenen Kinder weitergeben.

 

Das habe ich gelernt: dankbar zu sein, für alles!

 

Das soll es jetzt erstmal gewesen sein. Ich liebe es sehr zu schreiben. Ich schreibe auch wöchentlich in meinen Blog:

 

http://breatheintaiwan.blogspot.de/

 

Ich wünsche allen Rotary und Rotexmitgliedern, Otbounds, Inbounds und Rebounds eine schöne Adventszeit, auch wenn man davon in Taiwan überhaupt nichts mitbekommt. Das Wetter wechselt im Moment zwischen 15°C und 25°C hin und her.

 

Und natürlich einen guten Rutsch ins neue Jahr!

 

Viele liebe Grüße aus Taiwan (Taipei) sendet

 

Anna Friedrich

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