Mexiko – zweiter Bericht von Cosima

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Jetzt sind dann sechs Monate rum. Von elf. Mehr als die Hälfte. Das ist so verwirrend und deprimierend! Es geht so schnell und man möchte jeden Moment genießen aber es geht nicht weil die Zeit einem einfach zwischen den Fingern hinwegrinnt. Aber an sich ist das ja ein gutes Zeichen. Ich fühle mich hier so wohl, dass alles ganz schnell geht.

Ich bin mittlerweile in meiner zweiten Gastfamilie angekommen, und alles läuft super. Ich kannte sie ja schon vorher und meine zwei besten Freundinnen wohnen jetzt mit mir in einem Haus. Am Anfang gab es ein paar Probleme, weil ich oft weg bin und wenn ich zu Haus bin, verbring ich viel Zeit in meinem Zimmer, da die Mädchen Berge von Hausaufgaben haben und ich nicht stören wollte. Es stellt sich aber heraus, dass sie mich doch lieber bei sich hätten, was bei mir gar kein Problem darstellt, da sie für mich tatsächlich so etwas wie Schwestern geworden sind. Wir unternehmen auch viel in der Familie, fahren nach San Gil, besuchen die Großeltern, oder gucken uns die Mariposas Monarcas an, was unglaublich war! Mexiko hat einfach ein Reichtum an Naturschönheit und Orten die man im Leben einfach mal gesehen haben muss, dass man nie müde wird. Es gibt immer was neues zu entdecken. Aber sonst hat sich seit dem letzten Bericht nicht viel verändert. Ich spreche Spanisch mittlerweile fließend und habe deshalb kein Problem, mich alleine in der Stadt zurechtzufinden, nicht dass ich jemals alleine bin. Vor allem für mich, da ich auffalle mit meinen Haaren und Augen und meiner hellen Haut, ist es strikt verboten, irgendwo alleine zu sein. Auch mein Verhalten in der Schule hat sich durch meine Sprachfähigkeiten geändert. Meine Austauschfreunde, von denen es immer noch nicht viele gibt, da wir nie was miteinander unternehmen, haben mir erzählt, dass sie in der Schule nichts machen und in den Stunden schlafen oder lesen. Das scheint normal zu sein. Bei mir läuft es aber irgendwie ganz anders. Ich machen natürlich nicht alle Hausaufgaben, ich hab nicht alle Bücher und muss im Unterricht nicht mitarbeiten wie alle anderen, aber ich versuche es. Ich kriege Noten, schreibe die Examen und helfe bei Projekten und Schulveranstaltungen. Und es gefällt mir richtig gut! So lerne ich, komm nicht aus dem Schulrhythmus raus und, das Wichtigste, es lässt mich mehr Teil der Klasse und der Schule werden. Und wenn ich es verhaue, ist es nicht so schlimm, denn es zählt ja eh nicht. Die Schulprojekte sind außerdem richtig interessant! Für Englisch mussten wir eine Art Wachskabinett herstellen, nur dass es keine Wachsfiguren waren, sondern ausgesuchte Schüler. Ich war Alice im Wunderland. Also haben wir meine Ecke des Raumes geschmückt, was Wochen gedauert hat aber das war es wert, und mich verkleidet. Und dann war es wie ein Museum und alle konnten durch den Raum gehen und sich die Figuren angucken, und die Figuren haben eine vorbereitete Rede über sich und ihre Geschichte gehalten, was richtig cool ausgesehen hat und gut gelaufen ist. Außerdem hat es allen gefallen. Und ich denke während all dieser Vorbereitungen und Zusammenarbeit wächst man einfach mit allen näher zusammen und integriert sich mehr in die Gruppe der Schule. Mit meinen Freunden unternehme ich immer mehr und es ist schön, mitzuerleben, wie in so kurzer Zeit sich so tiefe Freundschaften bilden können, dass man sich tatsächlich beste Freunde nennen kann. Am Valentinstag schenkt man hier auch den guten Freunden immer was, und ich wurde mit Geschenken und Karten eingedeckt und es war so süß! Und ich glaube, das ist der Sinn eines Austausches. Nicht nur, dass man die Sprache lernt und dass man die Kultur kennen lernt, was natürlich auch wichtig ist, aber ein Austausch ist meiner Meinung nach erst gelungen, wenn man sagen kann, dass man ein Leben in einem Jahr gelebt hat, und dass man, wenn man geht, nicht nur nach Hause zurückkehrt, sondern ein zweites zu Hause mit einer zweiten Familie und Freunden zurücklässt. Dass man zwei Orte in der Welt hat, über die man sagen kann, „hier fühle ich mich wohl, hier bin ich daheim.“. Und ich kann, nach sechs Monaten in Mexiko City, ernsthaft sagen, dass ich das geschafft habe. Und das ist für mich alles wert und ich würde es für nichts in der Welt hergeben. Und an alle zukünftigen Austauschschüler: ich habe den Fehler gemacht, dass ich alles ein bisschen leichtherzig genommen hab. Das klappt schon alles irgendwie. Und das tut es auch, aber natürlich nicht ohne dein Zutun und nicht sofort. Die ersten Wochen sind extrem schwer und man muss sich anstrengen, zu jedem nett sein, auch wenn alle anderen sagen, sie sind doof. Die ersten Wochen sind die wichtigsten, weil du noch neu und interessant bist. Nutz das aus um Freunde zu finden! Und das wichtigste ist, zu allem Ja zu sagen. Es wird vielleicht nicht nochmal gefragt. Das gleiche gilt für die Sprache. Es kommt nicht einfach von selbst, sondern man muss sich schon ins Zeug legen! Frag nach, schreib auf und versuch es einfach aus, es ist egal, wenn du Fehler machst, die meisten finden das eh eher süß. Und dann, ohne dass man es merkt, fängt man plötzlich an zu sprechen, und plötzlich kommt alles wie von selbst. Man findet sich rein und die Zeit vergeht schneller und schneller und schneller und plötzlich ist man schon mittendrin. Was man auch verstehen muss, ist, dass ein Auslandsjahr kein Urlaub ist, der vom ersten bis zum letzten Tag durchgeplant ist, sondern man lebt jetzt hier. Das heißt also, dass man nicht immer was vorhat, manchmal sitzt man einfach nur im Bett und liest oder so. Und manchmal langweilt man sich, wie auch zu Haus, und das ist komplett normal. Trotzdem sollte man so viel machen wie möglich, auch wenn es vielleicht nicht so cool klingt, denn vielleicht ist es ja doch total lustig, und das schlimmste, was passieren kann, ist, dass man sich mal halt für ne Zeit langweilt. Das Auslandsjahr ist eine riesengroße Chance, um sich in ein anderes Land zu verlieben und mit sich selber mehr eins zu werden. Es zu machen war die beste Entscheidung meines Lebens. Ich bereue nichts und bin unglaublich glücklich hier und sage allen; ergreift die Gelegenheit, ihr kommt als besserer Mensch zurück.

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