Frankreich – erster Bericht von Annegret

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Mein erster Monat in Frankreich

 Es ist jetzt wirklich schon über einen Monat her, dass ich in den Zug gestiegen bin und meine wunderschöne Heimat für ein ganzes Jahr verlassen habe. Die Zeit verging so schnell, dass ich es manchmal gar nicht wahr haben kann, dass schon wieder eine Woche rum ist. Mein Start war Oberlichtenau, dieses kleine aber trotzdem so wundervolle Dorf bei Pulsnitz und mein Ziel das nach Google Maps mehr als 1000 km entfernte Louhans in Frankreich. Auf der 11 Stunden dauernden Fahrt hatte ich genügend Zeit um mir darüber bewusst zu werden was ich hier überhaupt mache. Ich meine natürlich wusste ich was ich mache, ich habe mich ja über ein Jahr darauf vorbereitet, aber es schien immer so fern.

Und auch jetzt habe ich manchmal noch nicht realisiert das ich jetzt wirklich hier bin. Ich saß also im Zug und hab meine Gedanken spielen lassen. Wie wird meine Familie sein, wie sind meine Freunde, die Schule, was wird sich in der Zeit hier in Deutschland ändern und letztlich wie ich sein möchte. Wenn man an einen anderen Ort reist wo keiner dich kennt kann man sein wie man will und ich hab mir überlegt wie ich sein will. Will ich mich mit den Sportlern anfreunden, oder mit den Hipstern, mit den Bücherfanatikern oder oder oder. Ich bin dann zu dem Entschluss gekommen, dass ich so sein will wie ich bin, und das hat bis jetzt auch ganz gut geklappt. Als ich das für mich geklärt habe lagen also nur noch 8 Stunden Zugfahrt vor mir und so sehr ich es versucht habe meine Gedanken mit Musik, Vokabeln lernen oder Gesprächen mit meinem Sitznachbarn zu unterdrücken konnte ich sie nicht zum schweigen bringen. Und die Spannung wurde immer größer. Mit jedem Kilometer hab ich mein Herz lauter schlagen hören. Eine Mischung zwischen Vorfreunde, Spannung, Neugier aber auch etwas Angst. 19:54 Uhr mit deutscher Pünktlichkeit kam ich dann am Bahnhof in Lyon an, wo ich herzlichst von meiner ersten Gastfamilie und meinem Jugendbeauftragten empfangen. Darauf hatte ich mein erstes französisches Essen und es war einfach himmlisch! Anschließend sind wir dann noch 1,5 Stunden zu meinem neuen Heimatort gefahren. Louhans. Eine Stadt, nicht zu groß nicht zu klein und alles sehr gemütlich und heimisch. Meine Schule ist auch in dem Ort und am nächsten Tag sind wir auch gleich dahin um mich an zumelden. Ich muss leider gestehen, dass ich nicht verstanden habe wovon sie geredet haben, aber meine Gasteltern haben 3 Jahre in Jamaika gelebt, können daher für Franzosen recht gutes Englisch sprechen und mir damit helfen. Ich kam eine Woche vor Schulbeginn an, sodass meine Gasteltern mit mir noch einiges unternehmen konnten. Also sind wir an einem Tag zu den „Carcardes des Hérrison“, das sind 7 Wasserfälle, die auf kürzesten Raum ihre Schönheit entfalten. Es war einfach gigantisch! An dem Abend haben wir wie später noch des Öfteren Schweizer Freunde meiner Gasteltern besucht, die im Nachbarort lebe. In meiner ersten Woche hat mich meine Gastmutter außerdem mit zu ihrer Gitarrengruppe genommen und es war einfach toll. Ich war als ich gegangen bin etwas traurig, weil ich wusste ich würde es vermissen im Spielmannszug zu spielen, aber als ich dann mit den 15 anderen leider etwas älteren Leuten zusammen gespielt habe und alle zusammen französisch gesungen haben war mir das ein toller Trost. Irgendwann kam dann aber doch das Unvermeidliche…die Schule hat angefangen, aber ich muss sagen ich war sehr glücklich darüber endlich ein paar Leute in meinem Alter kennen zu lernen. Mein erster Schultag war sehr verwirrend, da ich bei dem Schulsystem keine Durchblick gewinnen konnte, aber ich habe zum Glück gleich am ersten Tag Freunde gefunden, die mir in jeder Situation helfen. Die Schule in Frankreich geht sehr lang, sodass ich fast jeden Tag bis um sechs in der Schule bin, hab dafür aber oft Freistunden, in denen ich mit Klassenkameraden und anderen Freunden verbringe. Irgendwie ist es komisch alle schon Freunde zu nennen, da ich sie noch nicht wirklich lange kenne, aber es fühlt sich so an wie Freundschaft. Und nach einer Zeit hab ich in meinem Tagebuch geblättert und mich daran erinnert worüber ich auf der Zugfahrt nach gedacht habe. Und um ehrlich zu sein hatte ich da nicht damit gerechnet so tolle Leute zu finden. Die nächsten Wochen vergingen leider viel zu schnell, aber ich habe auch einiges erlebt. Das tollste war zu tauchen. Das Mädchen, dessen Stelle ich hier in Frankreich eingenommen habe, weil sie in Japan ist war in dem städtischen Tauchverein und ich wurde eingeladen es doch auch mal zu probieren. Und es war großartig! Es war zwar nur im Hallenbad der Stadt, aber da ich noch nie mit Flasche getaucht bin war es wahrscheinlich auch besser so. Es ist noch einiges passiert, wie Stadtfeste, Muschelessen, Flohmärkte, Motorradausflüge mit meinem Gastvater und andere Ausflüge in der Region. Da meine Gasteltern für 10 Tage verreist sind habe ich in dieser Zeit bei einer anderen Familie gewohnt und wieder kann ich nur sagen wie nett und herzlich sie sind. In dieser Familie hatte ich zum Glück auch eine Gastschwester, da es für mich anfangs sehr komisch keine zu haben. In Deutschland habe ich 2 Schwestern und ich vermisse sie und meine ganze Familie, meine Freunde wirklich sehr, und da war es schöne auch wenn für eine begrenzte Zeit einen Ersatz zu haben. Mit ihr habe ich auch viel unternommen und erlebt, was einfach schön war. Diese Wochenende bin ich dann das erste Mal auf die anderen Rotary Austauschschüler des Distrikt 1750 getroffen. Wir waren 18 Austauschschüler, davon 4 die letztes Jahr in einem anderen Land waren. Wir haben das Wochenende zusammen auf einem Haus in den Weinbergen der Champagne verbracht. Und es war toll mal auf Leute zu treffen, die das selbe durchmachen wie man selbst. Denn klar ist es großartig hier, aber man hat früher oder später immer Heimweh woran leider auch die Fotos die jeder von uns mitgebracht hat nichts ändern. Nach einem sehr witzigen Abend und einer leider viel zu kurzen Nacht mussten wir uns leider am Nachmittag nach einer Wanderung durch die wunderschöne Stadt von einander verabschieden. Es war erstaunlich für uns alle wie viel uns Menschen nach nur einem einzigen gemeinsamen Wochenende bedeuten können. Auf dem Weg nach Hause habe ich dann von so ziemlich jeden eine Nachricht bekommen in der „I wanna go back“ stand, und so war es auch. Aber nur noch 124 Tage dann sehen wir uns wieder. Das Wochenende hat nicht nur mehr Pins an meinem so wie so schon zu gepflasterten Blazer gebracht, sondern auch Freundschaften auf der ganzen Welt.

 

Abschließen kann ich sagen, dass alle meine Ängste und Sorgen, die ich bezüglich des Auslandsjahres hatte um sonst waren, da sie alle auch nur Menschen wie du und ich sind. Okay, vielleicht etwas unpünktlicher als wir, aber daran hab ich mich mittlerweile schon gewönnt. Ich kann nur jedem Raten, der darüber nach denkt ein Jahr seine Heimat zu verlassen es auch zu tun. Denn auch wenn du nicht mehr mit deinen altern Freunden in der Klasse bist und es auch so einfach nicht der einfachste Weg ist, diese Erfahrung und Erlebnisse kann dir keiner mehr nehmen. Nicht nur, dass du eine andere Sprache lernst, du findest neue Freunde und baust dir ein neues Leben auf und das bringt dir vermutlich mehr als ein Jahr eher dein ABI zu haben. Also sei mutig und nimm den Trampelpfad statt der Autobahn.

 

Ich möchte noch meiner Familie, meinen Freunden, allen die mich unterstützt haben und mir Mut gemacht haben UND vor allem dem Rotary Club Kamenz für diese unglaubliche Chance danken.

 

Meine Zeit bis zum 13. Dezember 2014

 

In den letzten 2 ½ Monaten ist schon wieder eine Menge passiert. Ich erforsche gerade mein Tagebuch um auch nichts zu vergessen und merke wie mein Durchhaltevermögen in letzter Zeit nachgelassen hat. Aus dem anfänglichen „jeden Tag ein Eintrag“ ist ein flüssiger Übergang zu aller 3 Tage, zu einmal in der Woche und schließlich zu einmal aller 3 Wochen geworden. Ich weiß nicht ob das Gut oder schlecht ist. Einerseits ist es gut, da ich meine Umgebung nicht mehr als Fremde ansehe sondern schon als Normal empfinde, andererseits ist es hab ich Angst, dass hier der Alltag einkehrt und ich es nicht mehr als besonders ansehe. Ich fang am besten dort an wo ich aufgehört habe. Anfang Dezember haben wir einen Wochenendurlaub in der Nähe von Nevers eine wunderschöne Stadt im Westen Burgunds, in der ich auch eine Austauschschülerin aus Mexico wieder traf. Und an der Stelle muss ich aus meinem Tagbuch zitieren: „Ich glaube nach diesem Tag geht mein Nationalstolz endgültig flöten. Den Tag der Deutschen Einheit verbringe ich in Frankreich und esse mit einer Mexikanerin in an einer Dönerbude gebratene Nudeln mit Hühnerfleisch.“ Den Ausflug verbrachten wir auf einer Farm bei Bekannten meiner Gasteltern. Ein unglaubliches Erlebnis war außerdem Drift zu fahren- also mitzufahren. Dieses Gefühl wenn die Fahrerin das Lenkrad umreißt, du in den Sitz gepresst und mit 70 km/h um die Kurve schlitterst ist einfach atemberaubend, anders kann ich es nicht beschreiben. In dieser Woche habe ich es auch endlich geschafft mich bei dem örtlichen Orchester vorzustellen und spiele seit jetzt schon 8 Wochen mit ihnen. In den Herbstferien besuchten wir die Familie, die im Norden Frankreichs wohnen. Der Norden ist gemütlich! Alle Häuser mit roten Backsteinen gebaut und wunderschöne Friedhöfe. Wir haben auch Arras besucht und noch viele andere Städte und Museen und und und. Aber das tollst an dem Urlaub war der Click. Im Norden hatte ich einen Click mit der Sprache. Auf einmal verstand ich was sie sagten und als wir Zuhause ankamen führte ich mit meinen Gasteltern ein Gespräch in dem wir beschlossen kein Englisch mehr zu reden. Das fällt meinem Gastvater leider immer noch schwer. Aber meine Gastmutter und meine Freunde sprechen nur noch französisch mit mir und wenn ich sie dann doch mal nicht verstehe wiederholen sie es für mich, sprechen langsamer oder suchen nach Synonymen die ich kennen könnte. Ich könnte noch Stunden davon berichten in welchen Städten ich war, wie Macon, Chalon-sur-Saôn, Tournus und so weiter, oder mit welchen Menschen ich gebacken, geschwommen, geredet, gelaufen, gelacht habe oder was ich gelernt habe. Ich möchte aber lieber sagen wie es mich beeinflusst und verändert hat und was die Zeit hier mit meinem Kopf gemacht hat. Fang ich doch mal mit meinem Kopf an. Ich musste bis jetzt jeden Satz dieses Textes gefühlte 10 mal, in Wirklichkeit nur 2-3 mal, schreiben weil mein Kop mich auf den Arm nimmt. Ich fange einen Satz an und nicht nur, dass mir deutschen Wörter nicht mehr einfallen, und ich die englischen mit der festen Überzeugung DAS IST DEUTSCH hinschreibe, nein, es kommt auch Sätze zustande wie: Neben dem Haus rot? Das ist wo? –einfach weil ich so in der in der Sprache drin bin, dass es mir manchmal erst auffällt wenn mein WORD- Programm mir einen Grammatik fehlen anzeige. Aber nicht nur die Sprache hat sich verändert sondern auch ich selbst. Sagen mir zu mindest die andern. Ich kann das zwar nicht beurteilen, aber sie werden mich schon nicht anlügen. Alles was ich sagen kann ist das ich mich wohlfühle und das ich jetzt schon traurig bin wenn ich mir vorstelle, dass ich in 7 Monaten mich von all dem schon wieder verabschieden muss.

 

Das war mein Bericht zu den ersten 3 ½ Monaten in Frankreich und auch wenn ich es nicht schaffe all das was es mir bedeutet hier zu sein in Worte zufassen und all das was ich erlebt und mir gegeben wurde nieder zu schreiben hoffe ich ihnen hat der kleine Einblick gefallen und ich verlasse Sie mit dem Satz: Die besten Geschichten schreibt das Leben!

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