Mexiko – 1. Bericht von Fanny

Es ist kaum zu glauben, dass ich schon seit fast zwei Monaten hier in Mexiko bin. Noch gut kann ich mich an den Tag meines Abflugs erinnern, an dem ich unglaublich fröhlich und voller Vorfreude in mein Auslandsjahr gestartet bin. Wahrscheinlich konnte ich weder für meine Eltern noch für meine Freunde ein klischeehaftes Abschiedstränchen verdrücken, da ich erst richtig nach der ersten Schulwoche registriert habe, dass dies nicht nur ein Urlaub ist und ich meine Lieben zu Hause nicht nach spätestens einem Monat wiedersehe.

Mein großes Abenteuer Auslandsjahr startete für mich am 07.08. mit einem Flug von Dresden nach Frankfurt. Katharina, die genauso wie ich aus Dresden kommt und für ein Jahr nach Aguascalientes geht, hatte mich bereits im Wartebereich des Dresdner Flughafens erwartet. Am Frankfurter Flughafen wurden wir schon von vielen weiteren Austauschschülern von Rotary erwartet, leicht erkenntlich am blauen Blazer.

Der Flug nach Mexiko verlief ziemlich ereignislos und zog sich zum Ende hin unglaublich in die Länge. Dank meines Fensterplatzes durfte ich für über neun Stunden den tiefblauen Atlantik bei strahlendem Sonnenschein bewundern. Nach elf schlaflosen Stunden erreichten wir Mexico – City. Die Größe der Hauptstadt von Mexiko hat meine Vorstellung um ein hundertfaches übertroffen.

Am Flughafen von Mexiko wurden wir mit lauten `Viva México!‘- Rufen und Trommelschlägen begrüßt. Diese galten, wie ich voreilig angenommen hatte, aber gar nicht uns Inbounds, sondern einer mexikanischen Kindermannschaft, die in irgendetwas Bronze gewonnen hatte. Jetzt hieß es bereits schon wieder Abschiednehmen von Austauschschülern, mit denen man sich in den letzten Stunden angefreundet hatte. Viele Pläne vom gegenseitigen Besuchen wurden geschmiedet – aber ob diese in die Tat umgesetzt werden können? Da ich meine Reise nach Aguascalientes, meine Heimatstadt für das kommende Jahr, erst am nächsten Tag fortsetzen konnte, haben Katharina und ich eine Nacht in Mexico – City bei einer richtig netten rotarischen Familie übernachtet. Von der Stadt haben wir aber nicht wirklich etwas gesehen, abgesehen von einer ‚farmacia‘ und dem schönem Haus der Familie. Am kommenden Tag ging es nach einem ersten mexikanischen Frühstück auf die letzte Etappe unserer Reise. Im Flugzeug nach Aguascalientes waren neben Katharina und mir noch drei weitere deutsche Austauschschüler. Zu diesem Zeitpunkt habe ich noch angenommen, dass sie zwar nach Aguascalientes fliegen, aber ihr Auslandsjahr in einer anderen kleineren Stadt verbringen. Niemals hätte ich gedacht, dass wir – zwei waren schon eher angereist – sieben Deutsche in Aguascalientes sind! Da ist interkulturelle Durchmischung gelungen! Am Flughafen angekommen, konnte ich endlich meine Gastfamilie kennenlernen. Gleich wurde ich mit tausenden Umarmungen begrüßt. Das nächste halbe Jahr werde ich nun eine 12 – jährige Gastschwester, Melissa, und einen jetzt 8 – jährigen Gastbruder, Eduardo, haben. Danach ging es für mich nicht wie für alle anderen in mein neues zu Hause, sondern auf Kurztrip in eine Stadt namens Querétaro. Dort angekommen wurde ich in einem All-you-can-eat-Buffet mit gefühlt allen mexikanischen Spezialitäten bekanntgemacht. Bei der anschließenden Stadtbesichtigung viel mir das Laufen deutlich schwerer …

Zwei Tage später ging es für mich erneut zum Flughafen. Diesmal aber – nicht, weil mich meine Gastfamilie wieder zurückgeben wollte – um meine zweite Gastschwester abzuholen: Gabby, 18 Jahre, aus Iowa. Für ein halbes Jahr werde ich nun eine ältere Schwester haben, die anderthalb Köpfe kleiner ist als ich.

Anschließend ging es für mich erneut auf Reise. Das Ziel war Gabby und mir allerdings unbekannt. Unsere Reise führte uns durch die traditionellen Gegenden Mexikos, unter anderem nach Tequilla – neben dem Getränk gibt es auch noch ein gleichnamiges mexikanisches Städtchen. Als die Landschaft, die hier übrigens viel grüner und üppiger ist als ich angekommen hatte, immer tropischer wurde und auch die Temperaturen stetig stiegen, konnte ich mir das geheime Ziel unserer Reise erschließen: ‚Vamos a la playa!‘ Die nächsten zwei Tage habe ich in Puerta Vallerta die Wellen des Pazifischen Ozeans genossen. Jetzt bin ich mir sicher, dass kein einziger Mexikaner freiwillig in der Ostsee baden würde. Und ich kann es immer noch nicht glauben, ich habe sogar einen Delfin gesehen! Auch wenn mein Jahr hier wie ein ganzes Jahr Urlaub gestartet hatte, ging es für mich nach anderthalb Wochen in die Schule. Neben Gabby ist auf meiner Schule hier noch ein anderer Inbound, Miffy aus Taiwan. Wir gehen aber alle in unterschiedliche Klassen. Von allen wurde ich gleich sehr freundlich begrüßt. Man ist eindeutig eine Attraktion, wenn man europäisch aussieht, erst nach anderthalb Wochen nach Schulbeginn kommt und die mexikanische Durchschnittsgröße um ein Weites überschreitet.

Insgesamt bin ich hier in Mexiko mit meinen 1,71m unglaublich groß (es wurde sogar nachgemessen, um zu schauen, ob ich nicht doch größer bin). Es fällt schwer, jemanden zu finden, der nicht kleiner ist als ich.

Meine Vorstellungen vom mexikanischen Schultag sahen allerdings deutlich entspannter aus. Niemals hätte ich gedacht, dass ich hier mehr Schule habe als zu Hause und einen riesigen Berg Hausaufgaben noch dazu. Mein Schultag geht täglich von 6.50 – 15.10 Uhr. Dazwischen habe ich aber nur zwei Pausen, zusammen 40 Minuten lang. Allerdings ist der mexikanische Unterricht deutlich ineffizienter als der deutsche. Außerdem ist es hier nichts ungewöhnliches, dass jemand seine Gitarre hervorholt und alle munter ein Liedchen anstimmen. Das Unterrichtsniveau ist deutlich unter dem deutschen. Hier besuche ich eine 11. Klasse, das Niveau ist aber das einer deutschen 7. oder 8. Dennoch ist es für mich sehr schwer, insbesondere in den Examen, zu verstehen, was ich machen soll. So habe ich hier beispielsweise ‚Historía de México‘, wo ich aber ehrlich gesagt, da der Lehrer auch nie etwas an die Tafel schreibt, nur sehr wenig verstehe.

Mit meinen Spanischkenntnissen bin ich im Großen und Ganzen zufrieden. Dafür, dass ich in Deutschland an meiner Schule nie Spanisch hatte, kann ich mich schon ganz gut unterhalten und verstehe auch erstaunlich viel. Meine Gastfamilie hat bereits vor drei Wochen damit begonnen, nur noch Spanisch mit mir zu reden. Auch Gabby hilft mir wahnsinnig bei der Erlernung der Sprache. Sie ist mir dank fünf Jahren Schulspanisch deutlich voraus und kann ggf. auch für mich dolmetschen. Wir beide versuchen uns so viel wie es geht auf Spanisch zu unterhalten, was auch immer besser klappt.

In der Schule stehe ich immer zwischen dem Zwiespalt Spanisch sprechen und nicht alles verstehen, sowie vor allem nicht alles sagen können was ich möchte oder Englisch sprechen. Täglich versuche ich aber, meinen Englischgebrauch wieder etwas zu verringern. Auch mein Spanischkurs, den ich hier verpflichtend zweimal wöchentlich für zweieinhalb Stunden nach der Schule besuchen darf, hilft mir, besonders in der Grammatik besser zu werden. Obwohl die Spanischstunden noch mehr Unterricht für mich bedeuten, genieße ich sie, da man zusammen mit allen Austauschschülern ist. In Aguascalientes sind neben uns sieben Deutschen, noch Gabby (USA), vier Brasilianer, eine Venezolanerin, zwei Franzosen, ein Türke und neben Miffy noch ein anderer Junge aus Taiwan. Mit allen komme ich super klar und wir machen viel zusammen in unserer Freizeit. Unter den Austauschschülern befinden sich meine neuen besten Freunde. Dadurch, dass mein Spanisch immer besser wird, fange ich aber auch an, immer mehr mit Mexikanern zu machen.

Fast jeden Tag gehe ich hier in einen Sportclub. Manchmal auch nur um zu Duschen, da es in unserem Haus auf Grund eines Konstruktionsfehlers nicht genug Wasser gibt. Ansonsten spiele ich oft mit Katharina Squash, gehe Schwimmen oder besuche manchmal auch das Fitnessstudio, um meiner Breitenwachstumsphase etwas entgegen zu stellen. Selbst einen Yogakurs habe ich schon besucht. Da auch noch einige andere Austauschschüler Zugang zum Club haben und ich auch schon neue mexikanische Leute kennengelernt habe, sind es im Club immer lustige Nachmittage bzw. Abende.

Aber nun zu meiner Gastfamilie: eigentlich kommen wir ganz gut miteinander klar, besonders auch mit unserem Gastvater verstehen wir uns richtig gut. Unsere Gastfamilie hat mit uns auch schon viele schöne Sachen unternommen, so haben wir schon einige mexikanische Städte besucht und sind in den Bergen wandern gegangen. Auch mit unseren Gastgeschwistern kommen wir super klar. Gemeinsam spielen wir manchmal Spiele oder Karten und einmal haben wir sogar Verstecken im Dunkeln gespielt. Der Versuch mir Baseball beizubringen ist aber leider gescheitert. Allerdings hatten wir zwischenzeitlich recht große Probleme mit unserer Gastmutter, die wir aber dank einer Aussprache größtenteils beheben konnten.

Schon vor fast einem Monat war ich auf meiner ersten Rotary Orientation. Für diese sind die Austauschschüler aus dem gesamten Distrikt 4110 für drei Tage nach Durango, einem anderen mexikanischen Bundesstaat, gefahren. Die Reise startete für uns um 1 Uhr in der Nacht. Anschließend haben wir in der Stadt Durango zwei Museen besucht, sowie eine Stadtbesichtigung unternommen – im strömendem Regen. Diesmal waren wir Austauschschüler mal nicht an unseren Blazern erkenntlich, sondern an den gelben, mülltütenartigen Regencapes. Anschließend haben wir in einer nachgestellten Westernstadt eine Westernshow besucht. Die restliche Zeit haben wir in Cabañas abgeschieden in den Bergen von Durango verbracht. Dort haben wir viele lustige Spiele unternommen, getanzt und hatten einige Präsentationen und Belehrungen von Rotary. Es gab einen mexikanischen Abend, an dem es sogar eine Piñata gab. Außerdem gab es eine Talenteshow, bei der jedes Land etwas landestypisches vorführen musste. Wir Deutschen haben mit viel Elan zusammen mit dem einzigen Schweizer im Distrikt das Fliegerlied vorgetragen, was alle sehr unterhaltsam fanden. Natürlich fand auch das obligatorische Tauschen der Karteikarten und Pins statt. Da gefühlte zwei Drittel unseres Distriktes aus Brasilien und Taiwan kommen, häufen sich jetzt auf meinem Blazer die grün-gelben und blau-roten Pins. In unserem Distrikt gibt es übrigens außer uns „Aguascalientern“ keine weiteren deutschen Austauschschüler. Insgesamt waren es, trotz des Regens und Temperaturen um die 12°C, unglaublich schöne Tage. Man hat so viele neue Leute kennengelernt und viele neue Freundschaften geschlossen. Ich bin echt froh, dass wir uns wahrscheinlich alle auf der Ruta – Maya – Tour wiedersehen können!

Außerhalb unserer Orientation in Durango hatte ich bisher nur ein offizielles Essen mit meinem Rotary – Club. Ich weiß aber, wer mein Counselor und mein Chairman sind und dass ich mich jederzeit bei Problemen an sie wenden kann. Auch die Taschengeldübergabe hat super geklappt. Morgen startet unser Rotary – Club mit uns auf einen Trip in eine andere Stadt. Dann habe ich hoffentlich endlich die Gelegenheit, mich mehr mit ihnen zu unterhalten.

Insgesamt adaptiere ich mich immer mehr an mein mexikanisches Leben: so ist es für mich jetzt deutlich einfacher, denn mexikanischen Schultag ohne größere Müdigkeitsanfälle zu überstehen und auch mit meiner Schuluniform habe ich mich anfreunden können. Ich habe aufgehört mich darüber zu wundern, dass am Abend jeder für sich allein seine Cornflakes oder ein süßes Brötchen isst. Selbst daran, dass das Klopapier nicht in der Toilette, sondern im nebenstehenden Mülleimer entsorgt wird, habe ich mich gewöhnt. Allerdings habe ich mich immer noch nicht daran gewöhnt, dass man hier darauf angewiesen ist, dass einen die Eltern überall hin chauffieren müssen oder auch, dass man das Wasser aus der Leitung nicht einfach so trinken kann.

Mir ist aber auch aufgefallen, dass ich mich immer mehr wie ein Mexikaner verhalte. So genieße ich jetzt mein Gemüse und Obst mit schön viel Chili und packe auf fast jedes Essen Limette drauf. Außerdem habe ich aufgehört mich auf der Rückbank des Autos, abgesehen von Autobahnen, anzuschnallen.

Zuallerletzt möchte ich noch erwähnen, dass man von den schlimmen Erdbeben, die es in Mexiko in den letzten Wochen gab, in Aguascalientes glücklicherweise überhaupt nichts gespürt hat. Ich habe mittlerweile dreimal beim Verpacken von Spenden für die betroffenen Gebiete geholfen – einmal von der Schule aus und zweimal zusammen mit Rotary. Hier gab es einen großen Aufruf, Lebensmittel, Kleidung und Sanitärbedarf zu spenden. Die Spenden haben wir, nachdem wir sie alle mit dem Wort ‚donatión‘ versehen haben, damit ein Weiterverkaufen nicht möglich ist, in Boxen gefüllt und auf einen Lkw verladen. Wahrscheinlich müssen sich die Betroffenen größtenteils von Thunfisch ernähren, denn das war mit Abstand das am meisten gespendete Lebensmittel. Jetzt kann ich nur noch ¡MUCHAS GRACIAS! – Vielen Dank sagen, dass Sie mir all diese Erfahrungen ermöglichen. Ich erlebe hier eine sehr interessante und aufregende Zeit. Auch wenn nicht immer alles einfach ist, freue ich mich sehr, noch weitere neun Monate hier in Mexiko verbringen zu dürfen!

Muchos Saludos

Fanny

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