Mexiko – 2. Bericht von Katharina

Knapp fünf Monate nach meiner Ankunft in Mexiko bin ich immer noch genauso gespannt, was passieren wird, wie am Anfang meines Austauschjahres. Jeden Tag gibt es andere Sachen zu erledigen, Probleme zu lösen.

Die letzten paar Monate waren spannend und es ist viel passiert, weswegen ich auch gar nicht glauben kann, dass schon wieder drei Monate seit dem letzten Bericht vergangen sind.

In meiner Familie fühle ich mich wie ein richtiges Familienmitglied. Ich habe bis jetzt noch nicht ein einziges Problem mit ihnen gehabt und sie sehr in mein Herz geschlossen. Besonders meinen kleinen Gastbruder, der erst ein Jahr alt ist. Bevor ich nach Mexiko gekommen bin konnte ich mit Kindern eigentlich nicht wirklich etwas anfangen, inzwischen ist er aber schon zu einem meiner Lieblingsmexikaner geworden. Mit ihm und meiner Gastmutter verbringe ich die meiste Zeit, auch wenn wir bloß zusammen in den Supermarkt oder Weihnachtsgeschenke einkaufen gehen. Meine Gastmutter arbeitet bloß an zwei Tagen der Woche, weshalb ich sie deutlich mehr als meinen Gastvater sehe, der sehr viel und lange arbeitet. Meistens sehe ich ihn also nur am Mittag zum Essen und am Abend, ich verstehe mich aber trotzdem wirklich gut mit ihm. Wir machen die ganze Zeit Witze und ziehen uns gegenseitig ein bisschen auf, was der Beziehung zu meinem richtigen Vater ähnelt.

Mit meiner Gastschwester verstehe ich mich auch gut, allerdings beteiligt sie sich kaum am Familienleben und obwohl ich mir mit ihr ein Zimmer teile, sehe ich sie nicht oft. Momentan ist sie auch schon fast für einen ganzen Monat in Deutschland, weshalb ich grade kaum Kontakt zu ihr habe.

In knapp zwei Wochen werden die Austauschschüler meines Rotaryclubs ihre Gastfamilien wechseln, worauf ich mich überhaupt nicht freue. In fünf Monaten habe ich mich schon so gut in meiner jetzigen Familie eingelebt, dass sie tatsächlich mehr oder weniger wie richtige Eltern und Rafael zumindest wie ein richtiger Bruder für mich geworden sind. Sie dann zu verlassen und nicht einmal annähernd so oft wie jetzt zu sehen, macht mich tatsächlich sehr traurig. Allerdings weiß ich natürlich, dass ich immer noch mit ihnen Kontakt haben und sie treffen kann.

Im Oktober haben sie mich & Fanny auf eine einwöchige Reise nach Oaxaca, einem anderen Bundesland Mexikos, eingeladen, die wunderschön war. Das war das erste Mal, dass ich so wirklich aus Aguascalientes rausgekommen bin und tatsächlich eine Reise hatte, auf der ich auch ein bisschen mehr von Mexiko sehen konnte. Und das, was ich gesehen habe, war wirklich beeindruckend!

Gleich am ersten Tag haben wir nach einer ungefähr sechsstündigen Fahrt eine der bedeutendsten prähistorischen Ruinenstädte Amerikas besucht. Sie heißt Teotihuacán, was so etwas wie „Wo man zu einem Gott wird“ bedeutet. Neben vielen kleineren Pyramiden gibt es dort auch zwei etwas größere, von denen man eine besteigen kann. Also sind Fanny und ich, sowie meine Gastfamilie und eine andere Familie, die mit uns in den Urlaub gefahren ist und Freunde meiner Gasteltern sind, bei sommerlicher Hitze auf die große Sonnenpyramide gestiegen.

Normalerweise bin ich gar nicht die Art von Person, die sich von solchen Sachen sonderlich begeistern lassen kann. Vor allem auf Fotos finde ich das alles nicht unbedingt spannend. Wenn man dann allerdings aus dem Auto aussteigt und auf einmal hat man eine Ansiedlung kleiner und großer, uralter und geschichtsgeladener Pyramiden vor einem, dann ist das tatsächlich unglaublich beeindruckend zu sehen. Und als wir dann oben auf der Sonnenpyramide draufstanden und auf alles einen besseren Blick hatten, war das noch einmal ein ganz anderes Erlebnis. Und solche Erlebnisse hatten wir die ganze Woche über. Wir haben so viele interessante und außergewöhnliche Orte besucht, voller Geschichte und Tradition. Und da wir grade zu der Zeit über Halloween und dem „Día de los muertos“ im Urlaub waren und Oaxaca dafür anscheinend besonders bekannt ist, wurde das dort noch mehr als in anderen Städten gefeiert.

Der „Día de los muertos“ ist einer der wichtigsten Feiertage Mexikos. An diesem Tag ehrt man die Verstorbenen, auch wenn eigentlich der ganze Oktober schon auf diesen Tag vorbereitet wird. Es gibt Altare für die Toten, auf die man dann ein Bild der verstorbenen Person stellt und beispielsweise Essen, das diese Person gerne mochte. Das ist der sehr traditionelle Part, aber natürlich gibt es auch neuere Traditionen, wie zum Beispiel, dass man sich das Gesicht wie einen Totenkopf bemalen lässt und dann so durch die Straßen läuft. Und das haben Fanny und ich uns natürlich machen lassen. Außerdem wollten wir am eigentlichen Tag der Toten, welcher der zweite November ist, zu einem Friedhof in der Stadt gehen, letzten Endes hatte der allerdings geschlossen, also sind wir einfach durch die Stadt gelaufen und haben uns die ganzen Dekorationen angeschaut. Abgesehen von den Altaren ist es auch noch sehr üblich, dass überall Studentenblumen verteilt werden, was durch die kräftige gelbe Farbe wunderschön aussieht und etwas sehr herbstliches hat. Immer mal wieder sieht man ein unechtes Skelett in der Stadt rumstehen, teilweise bis zu fünf Meter groß und ab und zu auch mit der charakteristischen Monobraue Frida Kahlos.

Als wir von der Reise zurückgekommen sind, begann wieder der normale Schulalltag, da ich keine Ferien hatte, sondern einfach so von der Schule für die Reise freigestellt wurde.

Schule ist tatsächlich die einzige Sache meines Austausches, die mir kaum gefällt. Und das liegt nicht daran, dass ich generell in die Schule gehen muss, sondern eher daran, wie intensiv es ist. Ich habe jeden Tag neun Stunden Unterricht und bloß zwei kurze Pausen, woran ich mich immer noch nicht gewöhnt habe. Wobei das letzten Endes gar nicht so schlimm wäre, wenn der Unterricht wenigstens gut wäre, allerdings gibt es gar keinen richtigen Unterricht. Jeder Schüler macht bloß seine eigenen Aufgaben, ohne dass der Lehrer je etwas erklärt. Ich dachte eigentlich, grade in der Schule würde ich mein Spanisch am schnellsten verbessern können, einfach durch das Hören der Sprache, aber das gibt es ja gar nicht! Deswegen bin ich meistens nur da und sitze die neun Stunden ab. Natürlich arbeite ich in manchen Stunden, andererseits hängt das sehr von dem Fach ab, da die Aufgaben die die Schüler haben in einem wirklich schwierigen Spanisch sind.

Eigentlich habe ich aber kaum Probleme mit der Sprache. Ich kann mich mit jedem unterhalten und inzwischen auch problemlos Konversationen initiieren. Nur wenn all meine Freunde zusammensind und schnell und durcheinanderreden verstehe ich noch immer nicht alles. Momentan habe ich meine ersten Ferien in Mexiko, welche ich sehr genieße. Insgesamt dauern sie ungefähr einen Monat, also deutlich länger als in Deutschland. Am Anfang hatte ich ein bisschen Panik, was ich denn den ganzen Monat machen würde und dass ich mich vielleicht langweile, aber bis jetzt habe ich jeden Tag etwas zu tun gehabt. Durch die ganzen Feiertage ist die Zeit eh schneller vorbeigegangen.

Weihnachten war hier sehr anders und um ehrlich zu sein, hat es mir nicht unbedingt gefallen. Selbst in Deutschland bin ich nicht der größte Weihnachtsfan, aber hier ist mir aufgefallen, wie schön die Weihnachtszeit eigentlich ist. Es gibt so viele Traditionen, die das eigentliche Fest vorbereiten, sodass eigentlich der ganze Dezember weihnachtlich ist. Zumindest in Deutschland, denn hier gibt es leider kaum Traditionen zur Weihnachtszeit. Eigentlich gibt es bloß eine und das sind „Posadas“. Das sind Weihnachtsfeiern, bei denen Familie und Freunde zusammenkommen. Den Namen „Posada“ haben die Feiern, weil es eine Tradition gibt, dass man bei diesen Festen um eine Herberge bittet („pedir posada“), so wie Maria und Josef es zur Geburts Jesus gemacht haben. Das läuft dann so ab, dass alle eine Kerze in die Hand bekommen und die Hälfte der Personen vor die Tür geht und die anderen im Haus bleiben. Und dann fängt die Hälfte der Personen die vor der Tür steht damit an, eine Strophe eines Liedes zu singen, worauf die anderen mit der nächsten Strophe antworten. Insgesamt gibt es soweit ich weiß 12 Strophen, aber am Ende singen alle zusammen. Danach kommen die, die vor der Tür stehen ins Haus und alle essen zusammen. Am Ende der Posadas gibt es dann meistens noch Pinatas für die Kinder, aber das war es auch schon. Meine Gastfamilie hat unser Haus ein bisschen dekoriert, also hatten wir auch einen Weihnachtsbaum, was hier nicht unbedingt üblich ist.

Am 24. Dezember haben wir den ganzen Tag nichts gemacht und sind abends zu dem Haus meiner Oma gefahren. Obwohl Mexiko und auch meine Gastfamilie sehr katholisch ist sind wir nicht in die Kirche gegangen.

Im Haus meiner Oma waren wir zu zehnt. Da hier zeitlich alles ein bisschen nach hinten verschoben ist, sind alle erst um ungefähr elf Uhr nachts angekommen. Wir haben gegessen – soweit ich weiß, gibt es auch kein besonderes Weihnachtsessen; wir haben Hackbraten & Nudeln gegessen -, um Mitternacht haben wir uns alle umarmt und danach den Geschenkeaustausch gemacht. Und das war es dann eigentlich auch schon. Bei dem Essen haben sich bloß drei Personen miteinander unterhalten und die anderen haben einfach nur stumm gegessen oder waren an ihrem Handy. Der Geschenkeaustausch war ziemlich kurz, da nicht alle allen etwas geschenkt haben. Ich persönlich habe auch bloß meinen Gasteltern und meiner Cousine etwas geschenkt, obwohl die gar nicht da war. Aber auch bei dem Geschenkeaustausch wurde nicht besonders viel geredet, jeder hat bloß seine Geschenke ausgepackt und dann weiter an seinem Handy gesessen. Ich schätze, das ist dass, was mir am wenigstens gefallen hat und weswegen ich Weihnachten dieses Jahr nicht besonders schön fand.

Aber letzten Endes war auch das nichts, was mein Auslandsjahr weniger aufregend oder schön gemacht hat. Ich weiß, wie glücklich ich mich schätzen kann, dieses Jahr hier in Mexiko verbringen zu können und bin für alles was ich hier erlebe unglaublich dankbar.

Den zukünftigen Austauschschülern würde ich raten, alles Mögliche auszuprobieren. Öfter zu Sachen, auch wenn sie vielleicht nicht unbedingt spannend wirken, „Ja“ zu sagen und so viel wie möglich zu erleben. Jeden Moment versuchen zu genießen, weil er besonders ist – vor allem in einem Austauschjahr. Aber trotzdem, und das finde ich besonders wichtig, immer sagen, wenn einem etwas nicht gefällt, vor allem wenn man Probleme mit der Gastfamilie hat. Rotary wird immer versuchen, bestmöglich zu helfen und eine Lösung zu finden.

Zum Schluss will ich bloß sagen, dass ich eine wundervolle Zeit in Mexiko verbringe und es sehr genieße. Ich habe nichts, worüber ich mich ernsthaft beschweren könnte und freue mich einfach, dass ich so ein tolles Jahr haben kann.

Vielen Dank für alles,

Katharina Trutschler

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