Paraguay – 3. Bericht von Elisabeth

Zuerst einmal will ich ein wenig davon berichten, was mir in den letzten Monaten (also seit dem letzten Quartalsbericht so passiert ist).

Natürlich mussten meine wunderschönen Sommerferien traurigerweise irgendwann ein Ende nehmen. Ich hatte Angst, dass ich in den fast 3 Monaten nichts unternehmen würde und mich in der Zeit langweilen würde oder Zeit hier verschwenden würde. Passiert ist jedoch genau das Gegenteil, in diesen 3 Monaten bin ich hier sehr viel gereist und kann jetzt sogar sagen, dass es mit Abstand meine schönste Zeit hier war. Ich habe so unglaublich viel gesehen und so viele tolle Dinge erleben dürfen, wofür ich sehr dankbar bin. Natürlich war nicht jeder einzelne Tag ein Abenteuer, aber das wäre ja in meinen Sommerferien in Deutschland auch nicht so. Ich denke viele Leute machen sich extreme hohe Erwartungen an ihr Austauschjahr, weil es immer wieder als das beste Jahr deines Lebens beschrieben wird. Das will ich absolut nicht bestreiten, denn es ist ein durchaus außergewöhnliches Jahr und eine absolute einmalige Erfahrung. Jedoch denken viele vielleicht das jeder Tag toll, aufregend und total spannend ist. Dazu muss ich sagen, dass natürlich hier alles anders ist und ich immer noch jeden Tag neue Dinge sehe, was alles spannend und interessant gestaltet. Jedoch lebe ich ja hier, wie ein „normaler“ Paraguayer und in meinem Leben in Deutschland unternehme ich ja auch nicht jeden Tag etwas total Aufregendes. Genau dadurch, dass man in einer Gastfamilie lebt und deren Alltag miterleben darf, merkt man, dass man hier nicht ist um Urlaub zu machen sondern das echte Leben kennenzulernen.

Anfang Februar hatte ich dann auch (endlich) meinen Familienwechsel. Mit meiner ersten Familie habe ich mich auf menschlicher Basis gut verstanden, jedoch war ich oft sehr allein zuhause und hatte nicht die Möglichkeit etwas zu unternehmen. Ich gelangte irgendwann an einen Punkt an dem ich nicht wollte, dass mein ganzes Auslandsjahr so verläuft. Ich freute mich also sehr die zweite Familie kennen zu lernen und mal einen anderen Alltag kennenzulernen, war jedoch auch aufgeregt, da ich sie vorher noch nie getroffen hatte und ich mich irgendwie wieder wie am Anfang meines Austausches fühlte. Meine Angst war jedoch völlig unbegründet, da ich mich auf Anhieb super gut mit meiner neuen Familie verstand und super herzlich empfangen wurde. Bis jetzt bin ich immer noch sehr glücklich in meiner Familie und freue mich, da sie mich wie ihre eigene Tochter behandeln. Natürlich hat man manchmal Tage an denen man sich nicht zu 100 % versteht und es kleine Konflikte gibt, aber das ist ja komplett normal. Seit ich in meiner neuen Familie bin, habe ich schon viel mehr unternommen und es ist sehr viel leichter mich mit Freunden zu treffen, da ich viel näher an allem wohne. Außerdem merke ich wie stolz meine Familie ist Paraguayer zu sein, da sie mir immer wieder begeistert von Landestraditionen und Fakten über das Land und die Geschichte erzählen. Außerdem habe ich mit einer Familie schon viele sehr typische Gerichte zubereitet die ich in Deutschland auch auf jedenfalls zubereiten werde, wenn ich die Zutaten finden kann.

Mitte Februar kam dann der Tag der kommen musste. Die Schule fing nach den ewigen Ferien wieder an. Meine einzige Motivation wieder zur Schule zu gehen war der UPD (Ultimo Primer Dia) also der erste letzte Schultag meiner Stufe. Dies ist erst in den letzten fünf Jahren eine Tradition in Paraguay geworden und wird in jeder Schule gefeiert. Um ganz ehrlich zu sein freute ich mich nicht so extrem wieder in die Schule gehen zu müssen, da ich zwar menschlich nichts gegen meine Klassenkameraden habe, jedoch nur wenige Leute in der Klasse habe, die ich wirklich gute Freunde nennen kann und die sich auch für mich interessieren. Dadurch, dass in meinen ersten Monaten hier niemand wirklich auf mich zugegangen ist (aufgrund von Sprachproblemen), sind nie wirklich engere Freundschaften entstanden, dies liegt vor allem daran, dass viele denken, dass ich immer noch kein Spanisch spreche. Außerdem hat mir ein Freund von mir erzählt, dass viele gar keine Freundschaft mit mir eingehen wollen, da ich ja eh in 2-3 Monaten wieder weg bin und sie nicht wissen ob sie mich je wiedersehen werden. Außerhalb meiner Schule habe ich jedoch jetzt auch ein paar Leute kennen gelernt, mit denen ich mich sehr gut verstehe und die auch etwas in ihrer Freizeit unternehmen.

Ich persönlich hätte sehr gerne im Februar die Schule gewechselt, um nochmal einen neunen Start zu haben und neue Leute kennen zu lernen. Mein Rotary Club wollte dies jedoch nicht und jetzt im Nachhinein bereue ich es nicht meine Schule gewechselt zu haben. Also ein Tipp an zukünftige Outbounds: falls ihr das Gefühl habt ihr fühlt euch in der Schule oder Klasse nicht wohlfühlt, erzählt Rotary oder eurer Gastfamilie rechtzeitig davon und setzt euren eigenen Willen durch.

Eine Sache auf die ich mich schon so sehr freue, wenn ich wieder in Deutschland bin ist, dass ich endlich wieder selbstständig und spontan sein kann. Ich hätte nicht gedacht, wie sehr es mich stören würde so sehr von anderen Menschen abzuhängen. Mit den Leuten hier versuche ich Treffen möglichst im Voraus zu planen, damit ich meinen Eltern Bescheid geben kann. Letztendlich klappt dann jedoch irgendetwas immer doch nicht. Entweder kann ich nicht gefahren werden oder meine Freunde haben keine Möglichkeit zum Treffpunkt zu kommen, oder es ist schlechtes Wetter, oder es gibt zu viele Hausaufgaben etc.. Ich kann schlecht sagen, ja lass uns in einer halben Stunde dort und dort treffen, da meine Eltern meist auf Arbeit sind oder sonstiges dazwischenkommt. Aber inzwischen habe ich mich damit abgefunden und manchmal darf ich sogar zu dem Haus einer Freundin mit dem Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen (diese kleinen Dinge machen mich schon unglaublich glücklich und geben mir ein Gefühl von Freiheit)

Um ehrlich zu sein helfe ich in Deutschland auch recht viel im Haushalt mit und liebe es zusammen mit meiner Mutter zu kochen. Hier haben wir eine Empleada, die all dies erledigt. UM ehrlich zu sein bin ich persönlich nicht der allergrößte Fan davon vor allem, da ich auch schon negative Erfahrungen gemacht habe. Die Empleada in meiner Familie arbeitet den ganzen Tag im Haus um zu kochen, zu putzen, Wäsche zu waschen, zu bügeln etc. Was sich nach einem Traum für mich anhört macht mir ehrlich gesagt ein schlechtes Gewissen. Unsere jetzige Empleada ist gerade mal 20 jahre alt (also nur ein bisschen mehr als 3 Jahre älter als ich) und ist inzwischen mit ihrem dritten Kind schwanger. Die erste Empleada die ich in meiner Familie kennengelernt habe war sogar erst 19 Jahre alt und mir ihr verstand ich mich richtig gut (dachte ich zu mindestens). Als ich jedoch einmal für ein paar Tage verreisen wollte und mir extra ein paar meiner Lieblingskleidungsstück ein meinem Schrank bereitgelegt hatte und die dann zwei Tage später als ich packen wollte nicht finden konnte und daraufhin meine Mutter ansprach und fragte ob sie sie möglicherweise gesehen, hätte ich nicht im Geringsten einen Verdacht, was der Grund für das Verschwinden meiner Kleidung war, sondern dachte einfach ich wäre etwas verteilt. Am Montagmorgen reiste ich dann also mit anderer Kleidung ab und währenddessen durchsuchte meine Mutter die Tasche der Empleada die am Wochenende nachhause gefahren war um ihre Familie zu sehen, nach meiner Kleidung. Dort fand sie nicht nur die von mir gesuchte Kleidungen sondern noch etliche Teile mehr (insgesamt 2 Hosen, 2 Bhs , 4 Tops, 2 T-Shirts und Make-Up Artikel). Um ehrlich zu ein, war ich ziemlich schockiert als meine Mutter mir dann von erzählte und fühlte mich sehr hintergangen und betrogen, da meine Empleada immer sehr nett zu mir war und so getan hatte als wären wir Freundinnen. Andererseits machte ich es mich jedoch auch traurig, wahrscheinlich gefiel ihr meine Kleidung einfach sehr gut und sie wollte sie auch mal anziehen. Hätte sie mich gefragt, ob sie sich ein paar Kleidungsstücke ausleihen dürft, hätte ich damit absolut kein Problem gehabt und ihr super gerne Sachen geliehen. Meine Mutter war jedoch sehr wütend und hatte alles Vertrauen, weswegen die Empleada direkt entlassen wurde.

Jetzt nochmal ein ganz anderes Thema, über das ich mir auch einige Gedanken gemacht habe. In einigen Gesprächen mit meinem Bruder und anderen Familienmitgliedern kam ich auf das Thema Homosexualität und Abtreibungen. Dies sind generell Themen, die ich hier ungern diskutiere, da die Menschen komplett anders als ich denken und noch sehr alte Ansichten haben, die sie stur beibehalten und sich nicht mal wirklich die Meinung des anderes anhören wollen.

Zu meinen Erfahrungen im Austausch kann ich nur sagen, dass ich extrem froh bin, meinen Austausch außerhalb von Europa zu machen. Dies gibt mir die Möglichkeit in eine wirklich komplett andere Kultur einzutauchen. In Paraguay ist eigentlich fast alles anders als in Deutschland. Ich habe mich absolut in dieses Land verliebt, da es so viel zu entdecken gibt. Ich die liebe die Offenheit und Herzlichkeit der Leute, das traditionelle Essen, das enge Familienverhältnis, die Kultur des Terere trinken etc. Vor allem aber liebe ich es wie stolz die Paraguayer auf ihr Land sind, auch wenn nicht alles perfekt ist und noch viel geändert werden muss. Mein Vater erzählt mir immer wieder begeistert von der Geschichte oder von gemeinsamen Traditionen. Man muss sich jedoch als Austauschschüler bewusstmachen, dass dadurch, das man in dem Land lebt man nicht nur die positiven Seiten des Landes kennenlernt, sondern die Realität.

Es macht mich immer wieder unglaublich traurig und wütend die unzähligen Straßenkinder und Hunde zu sehen, um die sich niemand schert. Täglich den extremen Unterschied zwischen Arm und Reich zu sehen, der immer größer wird. Der unglaubliche Plastikverbrauch der zu unzähligen Müllbergen und Verschmutzung in der Stadt führt, gegen den jedoch nichts unternommen wird, sondern nur noch mehr Plastik verwendet wird. Es ist manchmal schockierend zu sehen wie viel sich dieses Land noch entwickeln muss. Korruption, schlechte schulische Bildung, fehlende Krankenversicherungen etc. Eins der größten Probleme des Landes ist wahrscheinlich die Korruption. Paraguay hat so viele Ressourcen die nicht richtig genutzt werden (enorme Soya Produktion, das scheinbar beste Fleisch der Welt, dass nur nach Chile exportiert wird, Itaipu). Mehrere meiner Lehrer halten meiner Klassen wöchentlich eine Rede, dass sie die Zukunft von Paraguay sind und dafür zuständig, dass sich hier noch viel ändert und, dass sie eine gute Regierung wählen müssen, damit das geschieht.

Alles in allem kann ich also sagen, dass ich allein durch den normalen Alltag und das Leben hier so viel über das Land erfahre und so viele Erfahrungen sammle, die ich ohne ein Auslandsjahr nie sammeln könnte.

Um ehrlich zu sein kann ich es kaum glauben, dass es für mich schon so bald wieder nach Deutschland zurückgeht und ich dann dort wieder mein „normales“ Leben führen werde. Jedoch ist es ja nicht so als ich hätte ich einmal auf den Pauseknopf gedrückt und alles wird mich so erwarten, wie ich es in Deutschland zurückgelassen habe. Ganz im Gegenteil, nicht nur ich habe mich verändert und entwickelt, sondern auch all meine Freunde und meine Familie. Natürlich werde ich traurig sein Paraguay zu verlassen, jedoch freue ich mich ehrlich gesagt schon darauf mich einfach mal wieder 100 % zuhause an einem Ort zu fühlen. Einfach seine Meinung sagen zu können, mit seinen Eltern über etwas diskutieren können, dass man nicht machen will. Es wird trotzdem schwer mein ganzes Leben hier zurückzulassen und vor allem die Freunde zu verlassen, die ich hier gefunden habe. Ich weiß jedoch zu 100 %, dass ich zurückkommen werde, dies hilft mir nicht so traurig zu sein. Außerdem freue ich mich schon unglaublich die Austauschschüler kennenzulernen, die diesen Sommer zu uns nach Deutschland kommen.

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