Brasilien – 3. Bericht von Willi

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Sehr geehrte Rotarier, hallo Deutschland!

Der Countdown laueft: mein letzter Monat in Brasilien hat begonnen und ich habe schon ein sehr seltsames Gefuehl, wenn ich daran denke, dass das alle hier bald vorbei sein soll.

Aber fangen wir doch im Maerz an, als ich in meine dritte Gastfamilie gewechselt habe. Mit der Familie habe ich auch die Stadt gewechselt und wohnte von nun an in Piçarras. Das ist Penhas Nachbarstadt und die beiden Gemeinden sind nur durch eine Bruecke getrennt. Ich wohnte ebenfalls, wie auch schon in den ersten zwei Familien nah am Strand und hatte es im heissen Sommer also nicht weit, wenn ich mich im Meer erfrischen wollte.

Das Haus meiner dritten Gastfamilie ist recht gross und macht einen guten Eindruck. Es gab einen schoenen Garten und das beste waren der Hund namens Pandora und die Schildkroete Maria. Sich um die beiden Tiere zu kuemmern ist meine Pflicht geworden, da ich es ja mag, mich mit Tieren zu beschaeftigen und es hat auch gleich einige Erinnerungen an meine Haustiere in Deutschland geweckt: eine Schlange, eine Echse und das Aquarium mit den Fischen.

Die neue Gastfamilie bestand aus vier Familienmitglieder: Dem Gastpapa, der ziemlich ruhig ist und nicht sehr viel spricht, jedoch ein sehr netter ist und den alle bei seinen Nachnamen, Pazeto, nennen. Er ist bereits Rentner, doch er liefert Waren mit seinem LKW aus, einfach weil es ihm Spass macht. Frueher hat er mal bei der Bank gearbeitet.

Seine Frau, Iraci, die Kindergaertnerin ist, ist nicht gerade der Traum von einer Gastmutter. Das erste, was ich von ihr zu hoeren bekommen habe war der herzliche Satz: “Wir wollen dich hier ja eigentlich nicht aufnehmen, aber wir muessen ja leider.” Ich haette am liebsten mein Zeug genommen und waere wieder herausspaziert, aber nach einigen Wochen in der Familie, habe ich gesehen, dass das leider ihre Art ist, mit den Menschen umzugehen. Sie schreit und streitet wegen jedem kleinen bisschen und hat eine sehr unfreundliche Art, den anderen gegenueber.

Mit meinen zwei Gastschwestern, Lisiane (24) und Daniele (22) habe ich mich sehr gut verstanden und war froh, dass sie so viel mit mir unternommen haben. Zuerst nur mit Lisiane, denn als ich ins Haus gezogen bin, war Daniele voerst noch als Praktikantin im Bundesstaat Bahia und hat sich auf dem “Projeto Tamar” um Meeresschildkroeten gekuemmert. Das Lustige ist, dass ich auf meiner Nordost-Reise, die ich im Januar gemacht hatte, genau zu diesem Projekt gegangen bin, nur, dass ich sie damals leider noch nicht gekannt hatte.

Gemeinsam mit Lisiane habe ich beim Aikido begonnen, was eine japanische Kampfkunst zur Selbstverteidigung ist und man mehr oder weniger mit Judo vergleichen kann, wobei es jedoch weniger auf die Attacke, als auf die Verteidigung ankommt.
Ich trainiere jeden Montag, Mittwoch und Freitag von 20.15 bis 21.30 Uhr und es tut einem richtig gut, wenn man sich ein bisschen bewegt.

Ausser dem Aikido-Training gehe ich ab und zu am Strand joggen, wobei man gleich noch die wunderbare Aussicht auf’s Meer geniessen kann.

Als es an der Zeit war, in meine letzte Gastfamilie zu wechseln, hat meine Gastmutter  mir dann gesagt, dass es schade sei, dass ich weggehen muss und sie mich vermissen wird, ich jedoch, wenn ich moechte, jederzeit hinkommen und sie besuchen kann. Meine Meinung ihr Gegenueber hat sich jedoch deshalb nicht geandert und ich versuche einfach so gut es geht, ihr aus dem Weg zu gehen.

Im Mai habe ich schliesslich zum letzten Mal meine Koffer fuer einen Familienumzug gepackt und bin in meine vierte Gastfamilie gezogen. Hier lebe ich in einer Ferienwohnung, denn es ist eine Art Hotel, “Ilha Feia” genannt und wir haben einen Swimming Pool im Hof.

Jetzt, im Winter gibt es kaum Hotelgaeste und es ist alles ruhig. Meine Gasteltern, Antonio und Rejane sind einfach super nett und ich verstehe mich mit den beiden wunderbar. Sie sind zwar auch schon etwas aelter, aber sie fuehlen sich noch jung und wollen nicht, dass man ueber ihr Alter spricht. Mein Gasatpapa ist zum Beispiel seinem 62. Geburstag entflohen. Wenn man jedoch ueber Geburstage hier in Brasilien spricht, kann man das auf keinen Fall mit denen in Deutschland vergleichen. Hier wird der Geburtstag oft einfach vergessen und mir scheint es manchmal so, als ob das hier gar nichts wichtiges waere. Auch feiert man nicht immer und wenn man feiert, dann gibt es nur eine kleine Feier.

Am 04. Juli werde ich meinen 18. Geburtstag hier in Brasilien feiern und somit als Volljaehriger nach Deutschland zurueckkehren.

Hier in dieser Familie habe ich mehr Freiheiten, als in den anderen, was mir natuerlich sehr gut gefeallt. Meine ersten Familien haben mich kaum reisen lassen, was sie damit begruendeten, dass ich noch nicht richtig Portugiesisch sprechen konnte und mich hier noch nicht auskannte. Antonio sieht das zum Glueck aber ganz anders und so kann ich mich an den Wochenenden mit den anderen Austauschschuelern treffen oder mit meinen brasilianischen Freunden ausgehen.

Es hat sich inzwischen auch schon in Brasilien rumgesprochen, dass mein Lieblingsessen Nudeln sind und in meiner letzten Gastfamilie habe ich es besonders gut, denn sie machen extra fuer mich jeden Tag Nudeln zum Mittag. Wenn da einer sagt, dass man ja da bestimmt einen Tag mal zu viel von Nudeln bekommt, kann ich nur sagen, dass es mir ueberhaupt nicht so geht. Denn bei meiner Gastfamilie sieht es nicht sehr abwechslungsreicher aus: Feijao mit Reis, das traditionelle, brasilianische Gericht, steht jeden Tag auf dem Mittagstisch. Ich esse die Nudeln meistens mit dem Feijao, was ebenfalls sehr lecker ist.

In der Schule hatte ich dieses Jahr noch weniger zu tun, als im letzten Jahr, denn irgendwie wurde nun doch beschlossen, dass ich keine Noten benoetige, da sie ja in Deutschland sowieso nicht werten. Es zaehlt also nur die Praesenz und wenn sie mich mal brauchen, dann ist es, um deutsche Namen aus den Schulbuechern vorzulesen, was ziemlich haeufig vorkommt, oder zu erzaehlen, wie dies oder jenes in Deutschland ist. Sehr haeuffig wird man ueber Nazis und Hitler gefragt und man muss es halt immer wieder geduldig erklaeren, dass die Deutschen keine Nazis sind, es leider immer noch kleine Gruppen gibt und sogar Parteien, aber die Mehrheit der Deutschen dagegen ist. Der Brasilianer findet es lustig, den Hitlergruss zu machen, oder Hakenkreuze zu zeichnen und wenn sie dann sehen, dass ich das ueberhaupt nicht lustig finde, sind sie immer ganz erstaunt.
Um mich im Unterricht wenigstens ein bisschen zu beschaeftigen, habe ich die Schulbibliothek fuer mich entdeckt. Die Regierung sendet regelmaessig neue Buecher an die Schulen und es gibt eine Menge interesannter Buecher, auch aus der aktuellen Bestseller-Liste. Da leihe ich mir einfach ein spannendes Buch aus und lese mich durch die Unterrichtsstunden, in denen meistens ja eh nichts gemacht wird.

Ich habe dieses Jahr im dritten Jahr des Ensino Médios Unterricht, was das letzte Schuljahr in Brasilien darstellt. Danach kann man entscheiden, ob man direkt in das Arbeitsleben einsteigt, was ja die Mehrheit sowieso schon getan hat, oder sich auf einen Platz an der Uni bewirbt. Ja, es stimmt, in Brasilien arbeiten die meisten Schueler vor bzw. nach dem Unterricht. Das ist moeglich, da die Schule ja nur am Morgen, am Nachmittag, oder in der Nacht ist und man dementsprechend in den anderen Zeiten arbeiten kann, um ein bisschen Geld fuer den Familienhaushalt zusammenbekommen.

Apropos Geld zusammenbekommen: Mit dem letzten Schuljahr haengt natuerlich auch eine Abschlussfeier, die sogenannte Formatura, oder in Englisch Graduation statt. Dafuer wird vom Schuljahresanfang an Geld gesammelt. Zum Beispiel durch den “Mico”.

Der Ablauf sieht folgerndermassen aus: Fuer jeden Mittwoch wird den Schuelern eine Aufgabe gestellt. Entweder muss man im Bademantel zur Schule kommen, sein Kuscheltier mitbringen, zu den Latschen noch Socken anziehen, oder andere Sachen, bei denen man sich irgendwie zum Affen macht. Mico ist naemlich ein Affe.

Inzwischen haben auch schon die grossen Micos begonnen, wo zum Beispiel alle Jungs als Maedchen verkeidet und die Maedchen als Jungs verkleidet zur Schule kommen muessen. Wenn man das nicht macht oder einfach vergisst, muss man Geld bezahlen, was dann in die Klassenkasse geht.

Wer sich vielleicht erinnern kann, dass ich in meinem vorangegangenen Quartalsbericht geschrieben hatte, dass ich leider nicht in den Multithemenpark Beto Carrero World gehen konnte, da ich krank war, an dem Tag, als meine Schule ging, wird jetzt vielleicht lachen, wenn ich sage, dass ich dieses Jahr ganze drei Mal gegangen bin.

Die Schule hat den Tag dieses Jahr vorgelegt gehabt und ich hatte somit endlich die Moeglichkeit, mir den Park anzuschauen und auf den Geraeten mitzufahren. Am neugierigsten war ich auf die Achterbahn, die die allerneueste Attraktion ist und auch erst im vergangenen Dezember fertiggestellt worden ist. Ein 45 minuetiges Anstehen in der Warteschlange muss man damit allerdings auch in Kauf nehmen.

Es war das erste Mal, dass ich in einer Achterbahn gefahren bin und es hat mir unglaublich viel Spass gemacht und das Adrenalin ist mir durch den Koerper geschossen.

Nach einem Mal mit dem Rotary Club haben wir Austauschschueler auch einen Tag fuer uns im Park organisiert, da der Park zwar eine riesige Touristenattraktion der Gegend und sogar ganz Suedamerikas ist, jedoch die meisten Austauschschueler einfach nicht die Gelegenheit haben, den Park kennenzulernen. Der Park bietet zahlreiche Shows an, hat einen eigenen Zoo, zahlreiche Achterbahnen, einen riesigen Turm, von dem man sich in ein paar Sekunden fallen lassen kann, Wasserachterbahnen, auf dem man sich richtig nass macht und vieles, vieles mehr.

Die Schulen der umgebenden Gemeinden veranstaltet jedes Jahr einen Tag, an dem alle Schueler kostenlos in den Park duerfen und das lassen sich nicht viele entgehen.

Der Tag mit den Austauschschuelern war noch mal eine Gelegenheit, mit allen gemeinsam einen tollen Tag mit viel Spass zu verbringen, bevor sich einer nach dem anderen wieder in sein Heimatland aufmacht.

Seit dem 4. Juni bin ich der einzige Austauschschueler im Rotary Club von Penha, denn Jonathan aus den USA ist wieder in die Heimat geflogen. Eine grosse Gruppe von Austauschschuelern und ich sind zum Flughafen gefahren, um ihn noch ein letztes Mal zu sehen. Zum Verabschieden hatte man dann gar nicht so recht Zeit, den es gab einfach zu viele Menschen, die es zu Umarmen gab und dann musste er auch schon los und in den Flieger steigen.

Man koennte beinahe sagen, dass der Flughafen zu einer Art zweitem Zuhause wird, in dem letzten Monat, denn man muss sich von so vielen Leuten verabschieden. Ich musste feststellen, dass ich der letzte aus meinem Distrikt sein werde, der zurueckfliegt.

Eine interessante Sache, die ich gerne erwaehnen moechte ist, dass in Brasilien zum einseifen ein Stueck Seife, anstatt Duschbad, genommen wird. Nur fuer die Haare gibt es Shampoo, aber fuer den Rest muss man sich mit Seife und Schwamm zufrieden geben.

Eine andere Sache, die mich immer wieder zum Schmunzeln bringt: Brasilianer ziehen immer die Nase hoch. Es werden hier keine Taschentuecher benutzt, das habe ich schnell mitbekommen. Als ich im Supermarkt nach Taschentuechern gesucht habe, fand ich nur einzelne kleine Paeckchen, von denen man sich gleich zehn Stueck kaufen muss, damit es fuer zwei Tage reicht. Und wenn man dann sein Taschentuch rausholt und sich die Nase schnaeuzt, werden einem immer unverstaedliche Blicke zugeworfen, was man denn da macht. Viele Brasilianer benutzen auch einfach nur Klopapier, um sich die Nase zu putzen.

Der Brasilianer mag ausser kaltem Bier, Strand und Fussball auch seine Novelas. Das brasilianische Fernsehen besteht aus vier Hauptkanaelen, die jeder schaut und auf denen die zahlreichen Novelas zu allen moeglichen Uhrzeiten laufen. Ansonsten gibt es nur kirchliche TV-Sender, eine Hand voll Sender, die direkt aus dem Parlament uebertragen, Sender, auf denen Rinder verkauft werden und zwei Kanaele, die eine bildende Wirkung haben sollen, wenn man jedoch mit den Leuten spricht merkt man, dass diese letztgenannten nicht gerade gut ankommen und sich laut ihnen nur Langweiler anschauen. Naja, ich find’s interessant.

Als Abschluss kann ich nur noch einmal sagen, dass man, wenn man sich fuer ein Austauschjahr interessiert, es unbedingt versuchen sollte, denn es ist eine einmalige Gelegenheit und man lernt so viel dazu in diesem einen Jahr, dass man als eine andere Person zurueckkehrt. Man ist erwachsener, selbststaendiger und selbstbewusster, hat seinen Freundeskreis um ein vielfaches erweitert und hat jetzt Freunde auf der ganzen Welt und ganz nebenbei hat man eine voellig andere Sprache gelernt, was im spaeteren Leben einmal sehr nuetzlich sein kann. Ich zum Beispiel habe mir vorgenommen, meine Portugiesischkenntnisse einmal im spaeteren Berufsleben anzuwenden.

Auch sein Herkunftsland wird von einem mehr schaetzen und lieben gelernt und man empfindet Stolz. Bei mir ging es sogar so weit, dass ich, wenn Angela Merkel in den Nachrichten gezeigt wurde, ich Fotos von ihr gemacht habe.

Ich moechte mich auch noch einmal ganz, ganz herzlich bei allen bedanken, die es mir moeglich gemacht haben, in dieses Abenteuer zu starten, all diejenigen, die mich mit spannenden und wissenshungrigen E-Mails, wie es mir ergeht, versorgt haben und an alle die, die mich unterstuetzt haben und fuer mich da waren.

Vielen Dank!

Ein letztes Mal ganz herzliche Gruesse aus Brasilien!

Willi Mattuschka
Piçarras, Santa Catarina, Brasilien, 18.06.2009

 

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