Spanien – 3. Bericht von Paula

In diesem Bericht möchte ich mit der Erzählung meiner Erlebnisse direkt an meinen zweiten Quartalsbericht anschließen, denn die Feierlichkeiten waren keineswegs vorbei: Nach Weihnachten, Caga-tió und Sylvester, was vergleichsweise klein ausfiel, kam erst noch das Spannendste: die heiligen drei Könige. In Spanien bekommen die Kinder ihre Geschenke am 6. Januar, nach der Ankunft der Könige in der Nacht vom 5. zum 6. Januar. Dementsprechend hatten wir auch eine Woche länger Ferien als in Sachsen… Am 5. Januar gibt es in jedem Dorf mindestens einen Königsumzug. Ich habe mich mit einer Freundin in Barcelona getroffen, wo es in jedem Stadtteil einen gibt und wir haben uns den größten angesehen. Zuerst konnte man die Ankunft der drei Könige mit dem Boot am Hafen ansehen und danach deren Umzug in der Innenstadt. Es war rappelvoll, und obwohl wir ca. eine Stunde eher da waren, haben wir nur noch einen Platz in der fünften Reihe bekommen. Der Umzug war riesig groß und ging ungefähr eine Stunde lang. Es gab verschiedene Wagen mit verschiedenen Themen. Weihnachtswichtel, Geschenkewagen, etc. Am Ende kamen die drei heiligen Könige. Das ganze ist vergleichbar mit Karneval in Köln und Umgebung. Mit Tänzen und Süßigkeiten, aber mehr für Kinder konzipiert… Danach ging es nach Hause und am nächsten Tag gab es die Geschenke. Nachdem die Schule wieder angefangen hatte, blieben mir noch in etwa 4 Wochen bis zu meinem ersten Familienwechsel. Der Abschied von meiner ersten Familie fiel mir schwerer als gedacht. Bereits einen Monat vorher habe ich schon darüber nachgedacht. Meine 8-jährige Gastcousine hat mir einen supersüßen Abschiedsbrief geschrieben und ich habe mich an meinem letzten Wochenende von allen mit einem deutschen, selbstgekochtem Abendessen verabschiedet. Ich habe sehr an meiner ersten Familie gehangen und sie ins Herz geschlossen. Das habe ich vor zwei Wochen noch einmal deutlich gemerkt, als ich meine erste Gastmutter zufällig traf. Wir haben uns lange umarmt und ich hätte fast eine Träne verdrückt. In den Osterferien treffe ich mich noch einmal mit ihnen. Hätte man mir die Wahl gelassen, wäre ich bei der ersten Familie geblieben.

Nach meinem Familienwechsel fühlte ich mich, als hätte ich noch einmal von Neuem angefangen. Nicht nur wie schon beschrieben, die Sprache war quasi neu, sondern mein Alltag war auch erst einmal komplett auf den Kopf gestellt. Meine einzige Konstante war die Schule. Da ich durch den Familienwechsel auch den Ort gewechselt habe, musste ich mir alles von Neuem organisieren. Meine ersten Wochen bestanden also daraus, mir meine Hobbies neu zu suchen. Ich habe mehrere Tanzschulen ausprobiert, jedoch keine gefunden, die so gut gepasst hat, wie meine vorherige. Das Niveau bei der Gruppe, für die ich mich am Ende entschieden habe, ist zwar nicht so hoch, dafür ist die Gruppe sehr sympathisch und ich habe neue Freundschaften geschlossen… Klavierunterricht habe ich nun am Ende auch endlich gefunden, bei einem Lehrer, der mir gut gefällt.

Meine aktuelle Gastfamilie hat mir sehr viel gezeigt, wofür ich sehr dankbar bin. Wir waren in der Gegend, haben Wandertouren in der Gegend gemacht, zu Burgen oder alten Klostern, sind zu tollen Orten in den Pyrenäen oder den Bergen vor der Haustür gefahren oder ans Meer und in Städte in der Nähe, wie Barcelona oder Girona, was dazu beigetragen hat, dass ich mich noch mehr verliebt habe in dieses Land. Aber nicht nur das, ich war mit ihnen auch zweimal im Ausland! Ein Wochenende sind wir zum Skifahren nach Andorra gefahren, zusammen mit der Familie meines Gastonkels. Und ein anderes Wochenende waren wir in London. Ich war noch nie in London und war sehr beeindruckt. Vor allem mit meinen Gastschwestern hatte ich sehr viel Spaß. Mit der größeren habe ich eine echt gute Beziehung.

Ich habe auch Neues von der Kultur erlebt, wie beispielsweise die „Calçotada“. Die Calçotada ist ein katalanisches Volksfest und besteht vor allem aus dem Essen von Calçots, eine Art Frühlingszwiebel, die den Katalanen sogut wie heilig ist. Wir haben uns also mit Freunden meiner Gasteltern versammelt und haben eine Calçotada veranstaltet. Die Calçots werden über dem Feuer geröstet, sodass die äußerste Haut schwarz gebrannt ist und auf Ziegeln serviert. Die äußerste Haut streift man ab, tunkt die Zwiebel in eine Soße und steckt sie sich mit ausgestrecktem Arm in den Mund. Es hat gut geschmeckt und auch irgendwie Spaß gemacht.

Nicht nur mit meiner Gastfamilie habe ich viel erlebt, sondern auch mit meinen Schulfreunden. Ich hatte in letzter Zeit viele Exkursionen. Wir waren in Barcelona, Granollers und waren einen Tag Skifahren. Beim ersten Anlauf jedoch gab es so viel Wind, dass keine Skilifte in Betrieb waren, also haben wir stattdessen eine kleine Wanderung gemacht in Puigcerda und sind in der darauf folgenden Woche noch einmal ski fahren gewesen. Außerdem habe ich mit meinen Freunden mehrmals Karneval gefeiert in verschiedenen Dörfern, was mir viel Spaß gemacht hat. Ich wachse immer weiter mit meinen Freunden zusammen und habe in den vergangenen Monaten auch einige neue Freunde gefunden. Es gibt immer Menschen an denen ich hänge, was mich auch ein wenig traurig macht, denn dadurch wird es immer schwerer für mich, an meinen Abschied zu denken.

Vor etwa zwei Wochen hatte ich mein letztes Rotary Meeting. In diesem sollten wir Inbounds eine Präsentation halten über uns, unsere Heimat und unseren bisherigen Aufenthalt. Während meine Mitstreiterinnen ihre Präsentation auf Spanisch hielten, konnte ich bereits mit meinem Katalanisch beeindrucken. Ich wurde gebeten für die neuen Outbounds meine Vorbereitungen auf mein Jahr zu erklären, Tipps zu geben für die Integration und das Erlernen der Sprache.

Meine vergangenen drei Monate, seit dem letzten Bericht, vergingen wie im Flug. Es beängstigt mich zu sehen wie schnell alles auf einmal vorbei geht und wie schnell mein Abflug näher rückt. Ich finde den Gedanken daran, dass das alles bald nur noch eine Erinnerung sein wird, beängstigend. Am Anfang des Jahres war ich nervös. Für mich war ein Jahr eine große Zeitspanne. Nun wünschte ich, ich hätte mehr Zeit. Momentan rette ich mich immer in den Gedanken, dass meine zweite Heimat innerhalb Europas liegt, ich kann wiederkommen, aber es wird nie wieder das gleiche sein. Natürlich freue ich mich auch auf Zuhause, keine Frage, aber mein Zuhause für ein Jahr hinter mir zu lassen fiel mir leichter als jetzt der Gedanke, mein zweites Zuhause gehen zu lassen und in dieser Form nicht so einfach wieder aufnehmen zu können, anders als mein Leben in Deutschland…

Ich habe mich in dieser Zeit verändert. Ich bin selbstbewusster, gehe besser mit neuen Begegnungen um, habe viel über mich gelernt und erfahren. Ich habe viel Neues gesehen und andere Perspektiven von anders denkenden Menschen auf die Welt mitbekommen. Ich hätte um keinen Preis dieses Jahr für ein „normales“ Jahr in Deutschland eingetauscht.

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