Brasilien – 1. Bericht von Martin

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Liebe Rotarier,

Ich bin Martin Gerhards – stolzer Austauschschüler in Brasilien. Kaum zu glauben, aber ich bin jetzt schon mehr als einen Monat hier. Eine Zeit, die unheimlich schnell vorbeiging. Jetzt ist es Zeit einen kleinen Überblick über mein neues Leben in Form meines ersten Quartalsberichtes an alle Rotarier und Interessierte zu geben.

Am 6. August 2010 kam ich an und seitdem darf ich dieses wunderschöne Land genießen – mit all seinen Schönheiten und Seltsamkeiten, Vorteilen und Macken und vor allem mit seinen Menschen. Meine Stadt heißt Dourados, das liegt in der Mitte des Staates Mato Grosso do Sul. Also ich wohne nicht in einem paradies-ähnlichen Strandhaus, sondern mitten in einem riesigen Kontinent, 745 km von der nächsten Küste entfernt. Und ich habe nicht das geringste Problem damit. Das klingt jetzt so blauäugig, aber es ist perfekt.

Ich fühle mich in meiner Familie sehr wohl. Mein Vater hier (Everaldo) ist total lustig und meine Mutter Luzia immer hilfsbereit. Ich habe auch noch eine große Schwester, Monica, die schon studiert und nicht mehr zu Hause wohnt und eine kleine Schwester, Natalia. Sie ist fast so alt wie ich. Anfangs taten wir beide uns mit Unterhalten etwas schwer. aber das ist ja eigentlich logisch, denn jedes Gespräch mit mir war ein Kraftakt und verlangte mindestens überdurchschnittliche pantomimische Fähigkeiten. Englisch half mir auch nur geringfügig weiter. In meiner Familie spricht niemand Englisch, und sonst nur sehr wenige und sehr schlecht, letzteres einschließlich meiner Englisch-Lehrerin in der Schule.

Mittlerweile verstehe ich schon so gut wie alles, außer wenn meine Freunde anfangen untereinander zu reden. Dann ist es nur schnell und unverständlich. Das Sprechen wird von Tag zu Tag besser, ist aber noch etwas einseitig, was am mangelnden Vokabular liegt. Ich gehe seit 3 Wochen zweimal wöchentlich in eine Sprachschule, lerne dort mit einer englisch-sprachigen Lehrerin Portugiesisch. Während man mit Freunden die Umgangssprache lernt und das Vokabular verbessert, lernt man dort, die Sprache grammatisch richtig anzuwenden, das hilft doch weiter.

Hier in Dourados kenne ich schon sehr viele unterschiedliche Leute, auch Erwachsene, und ich wunderte mich immer, wenn ein Jugendlicher mit mir unterwegs war, nannte derjenige ständig jemanden Tio/Tia (Onkel/Tante). Entweder war es nur ein guter Freund der Familie oder ein Familienmitglied eines Freundes, oder, er gehörte wirklich zur Familie, was auch sehr oft vorkommt, weil übertrieben gesagt, die ganze Stadt nur eine Familie ist. Mein Vater hier hat neun Geschwister. Er scherzte immer, dass seine Eltern keinen Fernseher zu hause Hatten… Ich lernte Max, einen Austauschschüler aus Frankreich kennen. Nach 2 Wochen erfuhr ich, dass er streng genommen hier mein Cousin ist. Cousins kann ich gar nicht mitzählen, aber ich kenne schon mindestens 20-30.
Dourados ist relativ langweilig. Die Stadt hat zwar 200.000 Einwohner, aber Freizeitmäßig ist meine Heimatstadt Plauen der Stadt einiges voraus. Ich war aber auch schon in anderen Städten mit meiner Familie. Campo Grande, die Hauptstadt meines Staates, ist schon beeindruckend. Mein Favorit ist aber Três Lagoas, wo meine erste Inbound Orientation stattfand.

In den ersten Tagen lernte ich viele Freunde kennen, vor allem über meine Schwester. Diese Leute stellten sich fast alle als Cousins heraus und ich sehe sie auch jetzt und ich denke auch in Zukunft noch sehr oft und gerne. In der Schule war die Freundessuche auch sehr leicht. Für einen Exchange Student sind eben alle offen. Nach einem Monat hat man sich dann auch aneinander gewöhnt und die Freundschaften haben sich vertieft. Mit meinen besten Freunden verbringe ich dann auch die Wochenenden. Leider sieht man sich hier relativ selten. Ich kenne die Stadt noch nicht so gut und allgemein sind die brasilianischen Jugendlichen sehr viel am Computer und unterhalten sich über Facebook oder Messenger – nicht mein Fall. Natürlich trifft man sich auch, trinkt zum Beispiel bei jeder Gelegenheit Tereré (wer mag, kann ja mal googlen), ein teeähnliches Getränk, das aber kalt ist. Klar – bei der Hitze.

Apropos Hitze: Es ist September, hier ist noch Winter, trotzdem haben wir jeden Tag mindestens 30°C. Anfangs fand ich das super, an manchen Tagen ist es aber nicht so toll, wie man sich es vorstellt, denn in der Schule können 35° doch ganz schön schaffen. Zum Glück habe ich zu Hause einen Pool…
In Dourados gibt es insgesamt 9 Rotary Clubs. Fast jeder davon trifft sich in einem Vereinseigenen Haus. Mein Club heißt RC Dourados Guaicurus. Seit meiner Ankunft nehme ich jede Woche montags am Meeting teil. Die Leute dort sind sehr nett und lustig. Ich wurde gut aufgenommen und habe letzte Woche mit meinen begrenzten Portugiesisch-Kenntnissen sogar eine kurze Rede über mein Leben in der Heimat und hier gehalten. Mein Counselor ist nicht Mitglied im RC, aber auch mit ihm habe ich mich schon häufig getroffen. Da er noch relativ jung ist (Student), sind die Treffen auch nicht so förmlich sondern eher freundschaftlich. Wenn ich einmal Hilfe brauche, habe ich auf jeden Fall einen zuverlässigen Ansprechpartner.

Mag sein, dass Deutschland Brasilien in einigen Dingen durchaus etwas voraus ist, technisch, ökonomisch, infrastrukturell. Doch andererseits ist Brasilien so reich an Schätzen, die Europäer gar nicht richtig vor Augen haben. Erstens ist hier jeder stolz auf die brasilianischen Frauen. Man fragt mich nicht zuerst, ob mir das Essen schmeckt, sondern ob ich die Frauen hier schön finde. Dann gibt es hier die leckersten und vielseitigsten Früchte, die ich je gesehen habe, und alle wachsen hier im Garten. Umso frischer sind die Früchte und umso besser schmeckt der selbstgepresste Saft. Kaffee wächst hier nicht im Garten, der ist aber auch um Längen besser als in Deutschland. Außerdem liebe ich die Palmen, die hier überall wachsen. Es sieht einfach toll aus.

In der Schule verstand ich die erste Zeit überhaupt nichts, trotzdem hatte ich in den Arbeiten immer ungefähr die Hälfte der Punkte. Ich wusste ja, dass der Schulstoff hier einfacher ist, aber das ist ja fast ein Witz. Ich habe jeden Tag von um 7 bis um 12 Schule. Drei Fächer im Block, eine lange Pause von 30 Minuten und noch einmal 3 Stunden ohne Pause. Wir haben kaum Hausaufgaben. Die Klassenarbeiten bestehen fast nur aus Ankreuzaufgaben, so dass ich die Antwort nicht ausformulieren muss bzw. einfach raten kann, wenn ich die Antwort nicht weiß. Abgesehen davon ist man mit jedem Test nach 10 – 15 Minuten fertig. Den Großteil des Stoffes hier lernte ich vor einem bis zwei Jahren.

Jeder Schüler trägt eine Schuluniform, die besteht allerdings nur aus einem weißen T-Shirt mit Schulaufdruck. Ich habe mir eine auf eigene Kosten (20R$ = 8€) beschafft. Die Uniform schafft ein gemeinsames Merkmal und lässt gleichzeitig die Möglichkeit auf Individualität. Wäre eigentlich auch etwas für deutsche Schulen.

Meine Schule heißt Anglo. Sie ist im Gebäudekomplex der örtlichen Universität Unigran untergebracht. Es ist eine Privatschule, keine öffentliche Schule. In der zweiten Woche war ich auch einmal mit meiner Schwester in ihrer Schule, sie geht auf eine Escola publica, eine öffentliche Schule. Da man hier keine Schulgebühren bezahlen muss, gehen alle ärmeren Kinder und Jugendliche auf diese Schulen. Daher gibt es in solchen Schulen auch Schüler mit sozialen Problemen, aber die Lehrer kümmern sich sehr gut um die Schüler. Im Mittelpunkt steht nicht der Schulstoff, sondern die Schüler auf ihr weiteres Leben vorzubereiten. Mit einer Englischlehrerin als Dolmetscher habe ich mich ausführlich mit den Leuten dort unterhalten. Dabei wurden mir einige Unterschiede zwischen Deutschland und Brasilien vor Augen geführt.

In Brasilien sind alle sehr stolz auf ihr Land. Ständig sieht man irgendwo die Nationalflagge. Am Anfang eines Rotary-Meetings wird zuallererst die brasilianische Flagge beklatscht. In Deutschland würde es das derartig nicht geben. Ich schätze, das liegt an unserer unrühmlichen Geschichte. Die Schüler sagten darauf, dass es doch unsinnig wäre, sich deswegen noch Vorwürfe zu machen oder anders zu leben. Ich finde das beachtlich, dass die Jugend hier so aufgeklärt ist über Geschichte und das Thema so erwachsen betrachtet.
Ganz anders dagegen treten mir die Brasilianer mit dem Klischee entgegen, die Deutschen würden so viel Bier trinken. Ich wurde schon sehr oft darauf angesprochen. Nach einem Monat muss ich sagen: Die Brasilianer trinken mindestens genau so viel Bier wie wir Deutschen. Noch krasser: Hier fangen die Leute schon zum Mittagessen oder noch davor an, Bier zu trinken.

Abgesehen von ein paar harmlosen Klischees gibt es hier aber praktisch keine Vorurteile gegen irgendwen. Das liegt daran, dass es hier eine unglaubliche ethnische Vielfalt gibt. Auch deswegen ist Brasilien so vielseitig.
Brasilianer legen einen sehr großen Wert auf Hygiene. Als ich Everaldo berichtete, dass wir im Haus nur eine Dusche hätten, war er sehr verwundert. Das Haus, in dem ich hier wohne, ist sehr viel kleiner als mein Haus in Deutschland. Dieses Haus hat 5 Duschen. Er sagte, ein gut konstruiertes Haus hätte mindestens eine Dusche pro Schlafzimmer. Auch wegen der Hitze duschen die Leute hier häufig mehrmals am Tag. Zuerst kam mir das übertrieben vor, dennoch habe ich mich angepasst.

Nach allem Lob: Zum Thema Straßenverkehr fällt mir hier nur Negatives ein. Die Straßen sind ein Katastrophe. Die schlechteste deutsche Dorfstraße ist besser als die Hauptstraßen in meiner Stadt! Die meisten Leute fahren sehr schlecht Auto und Fahrradfahrer leben in der Regel sehr gefährlich.
Ich hoffe, ich habe hiermit einen kleinen Einblick in meine neue Welt ermöglichen können, auch wenn das selbstverständlich noch längst nicht alles ist. Ich finde es einfach klasse hier und weiß schon jetzt, dass dieses Jahr eines der besten meines Lebens wird,  wenn nicht das beste. Abschließend möchte ich allen danken, die mir meine Zeit hier ermöglicht haben, vor allem meinem RC in Plauen, Herrn Fritsche, Herrn Thutewohl, Herrn Löning und allen anderen Verantwortlichen, sowie meiner Familie und meinen Freunden für die positive Unterstützung!

Grüße aus Brasilien,
Euer Martin Gerhards

Bild 1: Meine Eltern und ich kurz vor meiner Abreise am Flughafen

Bild 2: Meine erste Familie in Brasilien: Luzia, Everaldo, Monica und Natalia

 

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