Paraguay – 1. Bericht von Anna

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21. September 2010

1. Quartalsbericht nach 3 Wochen und 5 Tagen

Ich sitze grade mit meiner großen Gastschwester Andrea im Computerzimmer, höre spanische Musik, genieß das Wetter und schreibe meinen ersten Quartalsbericht.
Eine Woche vor meinem Abflug war ich nur damit beschäftigt, alles für meine einjährige Reise vorzubereiten. Am 20. August, ein Freitag, ging dann mein Abenteuer ins Unbekannte los, auf das ich schon ein Jahr gewartet hatte. Ich konnte es erst richtig glauben, als ich in Sao Paulo am Flughafen 4 Stunden wartete. Dort bekam ich die ersten richtigen Bedenken. Wird mein Gepäck in Asunción sein? Wird meine Familie wie abgesprochen mich empfangen? Wie ist meine neue Familie? Was erwarten sie von mir? Ich wurde richtig panisch! Zum Glück war Johanna bei mir, die die selben Bedenken hatte. Am Flughafen mussten wir leider noch eine dreiviertel Stunden warten, weil das Flugzeug Verspätung hatte. Dort trafen wir auf eine Frau, die im Auswärtigem Amt arbeitet. Sie hat es wirklich geschafft, Johanna und mich ein wenig zu beruhigen, da sie uns von ihrem Beruf erzählte und so. War wirklich sehr interessant. Sie wird für 4 Jahre jetzt in Asunción leben. Beim einstündigen Flug nach Asunción wurden wir zwei leider wieder total panisch und nervös.

 

In Asunción angekommen, mussten wir erst mal ein Zeit lang auf unser Gepäck warten. Und als wir dann in die Empfangshalle kamen, wurden wir total herzlich von unseren Familien erwartet. Meine Familie schrieb meinen Namen auf dem Schild versehentlich falsch, weshalb ich erst mal an ihnen vorbei lief. Überrascht wurde ich auch von 3 Freunden meiner Gastschwester, die in Asunción studieren und mich mit abholen wollten. Sie nahmen mich ebenfalls in den Arm. Und als wir dann zusammen aus dem Flughafen kamen, wurde ich von einer totalen Hitzeschwelle überrascht, die aber ganz normal für den hiesigen Winter sein soll. Nach einem guten Mittagessen fuhren wir in die Wohnung meiner neuen Familie und ich konnte mich für ein paar Stunden hinlegen, da ich total fertig von meiner Reise war. Ich konnte weder im Flugzeug noch am Flughafen schlafen.

Überrascht war ich auch davon, dass es schon um 18 Uhr hier dunkel wird. Ich dachte, dass es hier total spät erst dunkel wird, aber Pustekuchen! Hier wird es früher als in Deutschland dunkel!

Meine Familie blieb mit mir die ersten 4 Tage in Asunción und zeigte mir die Hauptstadt und ein wenig die Umgebung. Wir fuhren zum Beispiel zu einen riesen großen See nahe Asunción. War wunderschön! Das Wichtigste überhaupt war, dass ich ihre Verwandtschaft und engsten Freunde aus Asunción kennen lernte. Wie ich auch immer wieder später feststellte, ist es den Einwohnern Paraguays enorm wichtig, dass sie ihre Freunde und Verwandtschaft so oft es geht sehen und treffen. Jeden Tag ist bei meiner Familie jemand zu Besuch.

Am Dienstag machten wir uns dann auf den Weg nach Concepción, meiner neuen Heimat. Das waren 5 Stunden in einem richtig unbequemen Auto und auf wirklich schlechten Straßen, ein Schlagloch nach dem anderen! Ich fand es aber echt richtig lustig!

Als ich in Concepción reinfuhr, war ich erst mal total geschockt und konnte wirklich gar nichts mehr sagen. Ich dachte, dass das ein richtig schlimmes Jahr werden würde und ich gar nicht mehr glücklich sein würde. Alles, wirklich alles, ist anders. Von Essgewohnheiten bis hin zu Hygiene. Concepción ist dazu die staubigste Stadt, die ich je gesehen hab. Ich stieg aus und musste mein Gepäck und meinen Blazer erst mal richtig ausklopfen.

Dann aber kam das aller Wichtigste überhaupt: Ich musste mich in meiner Familie einleben! Die ersten Tage, dachte ich, würden das Schwerste werden. Aber ich hab mich wirklich total getäuscht. Ich kannte Ale und Andrea und meine Eltern von Asunción schon ein bisschen, aber zu Hause sind sie natürlich total anders. Jetzt musste ich nur noch Gabi und Marcos kennenlernen. Und es war wirklich total leicht, weil meine Familie total offen und herzlich ist. Jeden Tag nehmen mich alle in den Arm, egal für was. Mal, weil sie Guten Morgen sagen wollen, mal weil ich einen guten Witz gerissen hab oder ein Wort ohne Akzent ausgesprochen hab. Sie helfen mir wirklich mit allem und wollen nur das Beste für mich! Und ich hab mich schon nach einer Woche total wohlgefühlt. Mit jedem Tag lern ich mehr von ihnen. Was ich auch so an ihnen liebe ist, dass sie total viele Sachen von Deutschland wissen wollen. Das find ich total lustig und auch aufmerksam! Meine Familie ist wirklich super. Ich liebe es auch, dass sie total gern Musik hört. Jeder natürlich eine andere Art Musik. Mein Vater hört zum Beispiel gerne argentinische Musik, meine Mutter mehr brasilianische Musik. Meine Schwestern hören irgendwie alles, aber hauptsächlich moderne südamerikanische Musik. Passend dazu tanzen können sie auch. Also mit Hüfte und das Ganze. Sieht super aus, ist aber leider total schwer!
Jetzt werde ich mal ein bisschen was zu meinem Städtchen hier erzählen, was ich mittlerweile total liebe. Es ist kleiner als Bayreuth und wirklich jeder kennt sich hier. Du sagst zu jemanden, dass du bei dem und dem zu Besuch warst und dein Sprechpartner weiß sofort wer das ist und wo er wohnt. Die Leute hier sind total offen und nett. Reden tun alle gern, was wirklich hilfreich für Ausländer ist! Man lernt sich schnell kennen. Hat aber natürlich auch seine Nachteile, wenn die Leute so viel reden. Man kann ihnen nicht wirklich viel anvertrauen, da sie gerne alles weitererzählen, was sie von andere wissen. Wirklich total lustig find ich es hier auch, das hier alle schon mal irgendwie mehrere Beziehungen hatten. Also wenn du mit jemandem sprichst und ihn nach seinen Freundinnen fragst, kannst du mit Sicherheit davon ausgehen, dass er dir gleich 3-5 Namen nennt. Und zufällig werden 2-3 dieser Mädels irgendwie mit dir befreundet sein. Ich find das total lustig und muss mich immer zusammenreißen, damit ich nicht in Lachen ausbreche. In Concepción machen die meisten Einwohner so um die Mittagszeit alle Siesta, weil es total heiß ist. Aber es war hier auch schon richtig kalt. Ich war richtig froh, dass ich meine Fließjacke dabei hatte. Leider hab ich mich auch deswegen erkältet und musste einen Tag zu Hause verbringen, was irgendwie langweilig ist. Ich lag aber auch schon flach, weil es total heiß war und ich Esel um die Mittagszeit im Garten in der knallen Sonne war. Ich musste mich wirklich 5 mal in der Nacht übergeben, weil des total reingeschlagen hat! Abends gehen dann alle noch aus. Unter der Woche natürlich weniger und wenn, dann nicht so spät, weil sie am nächsten Tag arbeiten müssen. Samstags ist hier in den Discos, von denen es fünf gibt, jede Woche Big Party angesagt! Ich hab es halt noch gar nicht drauf zu tanzen und hampel nur irgendwie herum. Also haben ein paar Freunde und Freundinnen von mir beschlossen mir jede Woche Samstags eine Art Tanzstunde zu geben. Ich bin ihnen wirklich dankbar! Ich könnte keine besseren Freunde hier haben! Ich habe wirklich schon richtig viele Freunde hier, dafür, dass ich erst 3 Wochen und ein paar Tage hier bin. Was mir auch an dieser Stadt gefällt, ist, dass wirklich alle hier Motorräder fahren. Jeder hat eins. Ich werde jeden Tag von einer Schulfreundin abgeholt und wieder heimgefahren.  Ich liebe es!

Die Leute hier sind total sozial. Wenn sie sich sehen, dann wird erst mal gequatscht, was das Zeug hält. Und wenn mal mehrere Freunde bei einem zu Hause sind, dann setzen sie sich alle mit Stühlen auf den Bürgersteig. So können sie sehen, wer an ihnen vorbeifährt. Freunde, die vorbeikommen, machen dann normalerweise halt und müssen erst mal quatschen. So komm ich auch unter viele Leute. Mit 4 Geschwistern, die mehr oder weniger das selbe Alter wie ich haben, hab ich echt total Glück! Die haben einen riesen Freundeskreis!

Meine Familie ist generell sehr bekannt in dieser Stadt. Also gehen wir fast jede Woche zu irgendwelchen Feiern von Freunden. Ein großes Event war die „Coronasión“, ein Fest von den Töchtern der Mitgliedern, die sich um die Stadt kümmern. Da haben sich wirklich alle total aufgemotzt. Alle trugen richtig schicke Kleider, haben sich total gestylt und geschminkt. Das andere Event nennt sich „Exponorte“. Das ist mehr ein Fest für Leute, die auf dem Land leben. Das ist jedes Jahr eine Woche lang. Da wird total viel getrunken, es werden verschiedene Tiere verkauft wie Kühe und es gibt einen Wettbewerb im Lasso. Am meisten fasziniert hat mich Fußball mit Kühen. Es gibt wie gewohnt 2 Mannschaften im Fußball, die spielen. Und dann gibt es 1-3 Kühe im Spiel. Total lustig zum Anschauen, aber zu spielen gefährlich. Mein Bruder, natürlich der total Macho mit 3 Schwestern, jetzt 4, war total verrückt und ist auch noch auf die draufgesprungen.

Ich gehe jetzt auch schon seit fast 3 Wochen in die Schule. Alles hier in der Schule ist total ungewohnt. Ich muss auch eine Schuluniform tragen, klar, ich kann ja keine Ausnahme sein, wenn ich dazugehören möchte. So, wie ich sie trage, find ich sie ganz ok, aber die schicke Variante der Schuluniform ist echt grauenhaft! Total farblos und formlos! Aber die muss man zum Glück nur sehr selten tragen. Meine Klasse ist wirklich eine total nette und verrückte Klasse. Alle machen, was sie wollen. Sie gehen aufs Klo, wann sie wollen und sagen dem Lehrer nicht Bescheid, schreiben nicht mit und gehen zum Trinkbrunnen trinken, wann es ihnen passt. Und die Lehrer sagen nicht mal was! Und wenn es mal was zu arbeiten gibt, was hier selten der Fall ist, dann machen das die Schüler nur sehr oberflächlich. Tests gibt es hier nur noch sehr wenige, weil ich schon im letzten Schuljahr bin und die Schüler nur noch so ein Projekt machen. Da müssen sie in den anderen Schulen hier eine Präsentation über Gewalt halten. Wirklich total interessant, aber ich versteh nur die Hälfte, weil ich noch nicht alles in Spanisch verstehe.

Ich habe generell Glück, dass ich schon ein bisschen Spanisch sprechen konnte, bevor ich hierher kam. Das Spanisch hier ist sowieso ein bisschen anders. Und alles verstehe ich sowieso auch nicht, weil ich kein Guarani verstehe. Das ist hier die 2. offizielle Sprache. Wirklich jeder spricht Guarani. Die einen mehr, die anderen weniger. Diejenigen, die mehr sprechen, sind normalerweise ärmer als diejenigen, die weniger sprechen. Und die „Oberschicht“ Paragauys hebt sich dadurch ein bisschen von der übrigen Gesellschaft ab, indem sie in manchen Wörtern das „R“ nicht rollen, sondern wie im amerikanisch Englisch aussprechen.

Was man vielleicht von dem Land auch wissen wollte, dass es normal ist, wenn man Hunde, Katzen und Schweine in und auf den Straßen sieht. Sie haben normalerweise kein Zuhause. Am Anfang war ich total geschockt, aber jetzt ist fast normal für mich. Klar, manchmal bin ich noch ein wenig traurig, wenn ich einen halbverhungerten Hund neben meiner Haustür sehe, aber was kann ich dagegen tun? Die Medizinstudenten der hiesigen Universität holen die Hunde von der Straße, schläfern sie ein und arbeiten mit den toten Tieren in der Uni. Das find ich besser, als wenn die Hunde auf der Straße die Temperaturen und Hunger leiden müssen!

Ich habe wirklich total viele Eindrücke in meinen ersten Wochen hier gesammelt und hoffe, dass es noch viele mehr werden! Ich liebe es hier und bin total froh, dass ich es soweit gebracht hab hier zu sein. Es ist wirklich das Beste, was einem passieren kann… Paraguay!!!

Liebe Grüße
Anna

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