Argentinien – 3. Bericht von Sylvia

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Zurück zu den „unangenehmen Dingen des Lebens“…

Es ist wieder dunkel wenn ich am Morgen aufstehe, langsam fallen die Blätter von den Bäumen und es ist schon Zeit für Quartalsbericht N° 3 – eigentlich heißt das nur eins: Mein Austausch geht zielstrebig auf sein Ende zu. Aber na gut, noch ist es ja zum Glück nicht so weit, ich versuche jede freie Minute zu nutzen und mit meinen Freunden zu verbringen und mir bleibt ja auch noch eine tolle Reise im Mai… Es hat sich wie immer viel verändert. Aber gut, wo fange ich an… Im Januar und Februar erlebte ich wohl die besten Sommerferien meines Lebens. Und das obwohl ich Mendoza nicht einmal verließ, denn meine erste Gastfamilie hat nicht die Absicht mich mit in den Urlaub zu nehmen. Ich habe das Gefühl so gute Freunde gefunden zu habe, nicht nur zwischen den Austauschschülern, sondern auch Argentinier… fast jeden Tag hab ich mit ihnen verbracht; war im Park, tanzen, Billard spielen oder einfach nur eine Cola trinken, einen Film schauen etc. Wenn ich jetzt darauf zurückschaue warn es so viele schöne Momente … Am 12. Februar habe ich dann die Familie gewechselt. Ich hatte schon ein wenig Angst davor, denn ich hatte mich gut eingelebt bei meiner ersten Familie. Zwar hatte ich nicht den Eindruck, dass sie mich besonders mochten, aber ich hatte viele Freiheiten und wusste was ok war und was nicht. Familienwechsel heißt Umstellung. Es ist kein Anfang von Null… also man behält Freunde, Schule was weiß ich… aber die ganze Basis ändert sich. Zum Glück fühle ich mich in dieser Familie fast noch besser als in meiner ersten. Na gut, eigentlich will ich nicht vergleichen, denn unterschiedlicher hätten sie nicht sein können. In den ersten Tagen fand ich’s gar nicht so gut, weil es viel unordentlicher war als in der ersten Familie, hier und da auch ein wenig schmutzig und recht weit weg vom Zentrum. Aber wenn man die Familie erst mal in sein Herz schließt… Ich hätte nicht gedacht, dass es am anderen Ende der Welt auch eine Familie gibt, die so „bescheuert“ ist wie meine eigene  Nehmen wir uns kurz Zeit um die Mitglieder meine Familie kennen zu lernen: Zum einen ist da mein Gastvater, Eduardo. Er ist ruhig, macht gerne Witze und ab und zu macht er auch seinem Ärger schreiend Luft. Meine Gastmutter, Graciela, die nicht ohne Grund unter hohem Blutdruck leidet – sie liebt es zu streiten. Sie ist nicht die Art von liebevoller Mutter und unterschiedlicher zu meiner 1. Gastmutter hätte sie nicht sein können. Sie ist mir ein wenig unsympathisch, aber nun ja, wir sind da wahrscheinlich einfach nicht kompatibel. Meine Gasteltern sind beide schon etwas älter, 60 ungefähr. Beide sind chemische Ingenieure, meine Gastmutter ist Uniprofessorin. Ich habe 5 Gastgeschwister, von denen sich 3 gerade im Haus befinden. Valeria (18) hat im Februar ihren Austausch in Österreich, Salzburg begonnen. Mein Gastbruder Alejandro ist 21 und studiert Buchhalter. Guillermo (25) studiert irgendetwas Technisches. Luciana (26) hat ihr Medizinstudium so gut wie abgeschlossen und wir teilen uns das Zimmer. Das ist eine Situation, in der ich noch nie war, aber es ist voll cool und lustig und Luciana ist auch sehr nett. Wie man sieht, es ist hier viel eher üblich lange bei den Eltern zu wohnen, nicht nur weil die Universität in der Stadt ist, sondern weil es einfach ein anderes Familiengefühl ist. Und dann ist da noch Eduardo (27), der in San Juan studiert und einen Austausch in den USA gemacht hat. Er ist nicht besonders oft zu Hause, aber wenn, dann unterhalten wir uns sehr gut, denn er versteht ja am ehesten wie es mir so geht. Bei einem „kleinen“ Familientreffen in unserem Landhaus waren wir 80 Personen (sogar aus den USA angereist)… deshalb gehe ich jetzt mal nicht so genau auf weitere Familienmitglieder ein.

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Ende Februar war in Mendoza die sogenannte „Semana federal“. Jeden Abend gab es im Stadtpark Folkloregruppen, Tänzer, lecker Essen und die Königinnen der Vendimia wurden vorgestellt. Dadurch habe ich viel Neues über die argentinische Kultur gelernt. Jetzt kommt wahrscheinlich die Frage: „Was bitte ist die Vendimia?“ Ja ja, also die Vendimia ist eine Art Erntedankfest – in DER Weinregion Argentiniens natürlich auf die Weinernte gerichtet. Es gibt viel Musik und traditionelle Tänze usw. Jedes Departamento (Kreis) wählt bei seiner eigenen Feier seine Königin der Weinernte. Bei der zentralen Feier der Provinz wird dann die Oberweinkönigin gewählt. Die Vendimiafeiern ziehen sich eine ganze Weile hin. Am Sonntag vor der eiglichen Feier gingen wir zur Segnung der Früchte, ein eigentlich kirchlicher Akt, der wie ein Festival ausgetragen wurde. Am Freitag dann gab es in der Nacht einen total schönen Umzug, wo jedes Departamento einen Wagen zeigte, mit der Königin und Früchte in die Menge warf (ja, sogar Melonen – das es da keine Verletzten gab…). Am Samstagvormittag gab es noch einen Umzug und am Abend war die große Feier in der die Weinkönigin gekürt wurde. Normalerweise sollte es Wiederholungen am Sonntag, Montag und Dienstag geben und wir hatten Karten – aber die Tänzer fingen an zu streiten und die Feier wurde suspendiert – ohne Wiederholung. Bin ich schon mal ein Jahr in Mendoza und verpasse die Vendimia… aber gut, jetzt bleibt ein guter Grund um wiederzukommen. Im Allgemeinen kann ich sagen, dass ich durch die Feiern, die ich besucht habe, eine Menge neuer Sachen gelernt habe, vor allem über den Folklore, der neben dem Tango wohl den Grundstein argentinischer Musik bildet.

Ja und am 9. März begannen dann wieder die „unangenehmen Dinge des Lebens“ – Schule. Es war schön alle meine Freunde wieder zusehen. Aber leider wurde ich schmerzlich dran erinnert, dass man zeitig aufstehen muss. Die Fächer, die ich dieses Jahr erwischt habe, gefallen mir nicht besonders. Aber ich verstehe mittlerweile in der Schule fast alles, kann die Gruppenarbeiten und praktischen Sachen mitmachen – relativ langweilig ist es trotzdem, weil man oft 80 Minuten (normale Schulstunde) einfach nur zuhört.
Neben der Schule habe ich jetzt wieder zweimal die Woche Spanischkurs, diesmal bei einer pensionierten Professorin. Außerdem habe ich angefangen Handball zu spielen, nachdem ich mit Basketball zu Sommerpause aufgehört hatte und 2 Monate gefaulenzt hatte. Es ist was ganz anderes in ein Team zu kommen und die Sprache zu verstehen. Man macht einen ganz anderen Eindruck, versteht plötzlich die Witze. Ich fühle mich jetzt wohler als vorher im Basketballteam und es ist eine Chance mal etwas auszuprobieren, zu dem ich in Deutschland sicher nicht komme. Außerdem muss ich immer noch das soziale Projekt machen, das für die Austauschschüler in Argentinien Pflicht ist. Leider hatten wir keine Möglichkeit in der Organisation einzusteigen, die uns vorschwebte und zu viel Zeit damit vergeudet, auf Papiere zu warten.
Ansonsten arbeite ich konstant auf Wochenenden hin, denn diese Tage kann ich wirklich mit Familie und Freunden genießen.

Ich bin ein bisschen von Rotary als Organisation enttäuscht. Oder vielleicht sollte ich es präziser fassen: vom argentinischen Rotary. Oder nein, vom Rotary des Distriktes 4865. Oder vielleicht auch nur von dessen Chairman.
Zum einen fühlen wir uns als Inbounds nicht so richtig ernst genommen. Wenn wir eine E-Mail an unseren Chairman schreiben (den ich übrigens überhaupt nicht sympatisch finde), bekommen wir frühsten 2 Wochen später die Antwort – wenn überhaupt. Drei von 11 Austauschschülern im Distrikt haben keinen Counserlor und zwischenzeitlich wollten 4 die Familie wechseln  – aber ist ja alles anscheinend nicht so wichtig. Ich habe meine tollen Familien zu schätzen gelernt, besonders als ich gesehen habe, wie andere Leute unter ihrer Familie gelitten habe (die ersten drei Austauschmonate meiner besten Freundin waren so ziemlich für die Katz‘). Aber nur weil unser lieber Chairman keine Lust hatte, neue Familien zu kontaktieren (die gab es nämlich) wurden die meisten Probleme klein geredet. Und wenn ich richtig informiert bin, dann wurde auch der ganze Aufstand den Rotary Deutschland für eine andere Schülerin aus Hannover gemacht hat, einfach ignoriert. Aber gut, an Problemen wächst man.
Zum anderen fehlt mir ein bisschen die deutsche Hingabe, mit der Rotary – Wochenenden gestaltet werden. Rotex scheint hier nicht zu existieren, jedenfalls hab ich die erst ein Mal gesehen. Und bei den Wochenenden bezahlen wir an die 300 Pesos (mehr als unser monatliches Taschengeld) für im Grunde genommen nichts. Das einzige was gemacht wird, ist gemeinsam Essen und über Regeln sprechen. Achso und siehe da, letztens waren wir ein Tag in einem überfüllten Schwimmbad.
Ich weiß, dass kling mäkelig und was weiß ich … aber ich find ein bisschen mehr Mühe mit uns Inbounds könnten sie sich schon geben … ich war da aus Deutschland einfach was anderes gewöhnt. Aber na gut, es liegt eh nur noch ein Wochenende vor mir und zum Glück war ich auf die Hilfe von Rotary hier noch nicht weiter angewiesen – ich bin nämlich schneller wenn ich mir die Sachen (z.B. Sportverein) selbst organisiere.
Von meinem Counselor bin ich auch ziemlich enttäuscht. Nach dem meine 1. Gastfamilie ohne mich in den Urlaub gefahren ist, hatte ich ihn gefragt ob wir nicht mal was unternehmen können. Im Rotary – Club Weißwasser ist es ja guter Brauch, dass wenn ein Mitglied mal etwas unternimmt unter Umständen auch den Austauschschüler mitnimmt. Daran ist hier leider gar nicht dran zu denken. Der Kontakt zu meinem Counselor ist praktisch abgerissen und viel von Mendoza habe ich noch nicht gesehen. Aber na ja, so schlimm ist es auch nicht, da bleibt wenigstens mehr Zeit für meine Freunde.

So als Thema steht jetzt da oben ganz groß was ich den neuen Outbounds mitteilen kann. Mmh, also zum einen, dass sie das beste, coolste, abgefahrenste Jahr ihres Lebens erwartet – Herzlichen Glückwunsch. Zum anderen sollten sie jede Minute nutzen. Es ist unglaublich wie schnell die Zeit vergeht, besonders im 2. Halbjahr. Desweiteren… also ich hab gerade eine Deutsche kennengelernt, die grad mit afs angekommen ist und na ja, sie meint sie hat ziemlich Heimweh. Grad am Anfang ist es wichtig, dass man sich seine Freizeit „verplant“, damit man nicht nach der Schule zu Hause sitzt und in Facebook hängt. Sport, Chor, Sprachkurs… was auch immer. Wenn ihr dann irgendwann keine Zeit mehr habt euer Zimmer aufzuräumen oder mehr als 7 Stunden zu schlafen, dann läuft euer Austausch erst so richtig haha. Ansonsten nicht den Mut verlieren, wenn mal was nicht klappt und einfach man selbst sein. Auf den Rest kommt ihr dann schon von alleine. Und vielleicht ist es auch gerade besser, nicht 1000 Ratgeber zu lesen… es gibt nicht nur einen perfekten Austausch, keinen Stereotyp – ihr müsst ganz allein glücklich und zufrieden mit dem Austausch werden und das hängt zu 90% von euch ab.

Gut, das war’s dann auch schon mit all den (Un)Weisheiten, ich hoffe alle bald gesund und munter wieder zu sehen, obwohl ich eigentlich nicht zurück möchte. Ich mache mir übrigens ein bisschen Sorgen, weil sich seitens meiner Freunde keiner mehr so recht meldet, mir scheint ich bin  nur noch im Internet um mit Argentiniern zu chatten… Ist denn die 11. wirklich so hart?

Na gut, wie immer Grüße an Mami und Papi, den Rotary – Club Weißwasser, Rotex und den Distrikt 1880! Danke!

Liebe Grüße aus Argentinien,

Sylvia Hoffmann

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