Taiwan – zweiter Bericht von Juliette

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 Zu aller erst einmal muss ich mich für einen Fehler in meinem ersten Bericht entschuldigen, denn ich habe ihn „…Quartalbericht 1/4“ genannt, was falsch war – wir müssen nur 3 schreiben 😉 Und nun zu meinem zweiten Problem…ich fand den ersten Bericht damals schon schwer, da ich nicht wusste wo ich anfangen und wo aufhören soll, weil es einfach SO viel zu erzählen gibt, aber jetzt stehe ich vor einem ganz anderen Problem: Es ist rückblickend unglaublich schwer sich zu erinnern was eigentlich alles passiert ist, wo man das letzte Mal stand. Alles ist irgendwie ein und doch irgendwie auch nicht… Ich bin es nicht mehr gewöhnt zurück zu blicken, sondern schaue nach vorne. Ginge es hier um meine Pläne für die nächsten drei Monate, wäre das Dokument wahrscheinlich schneller fertig 😉

 

 

Fangen wir doch einfach mal mit etwas scheinbar ganz normalem an: Weihnachten. Hier ist Weihnachten aber leider nicht normal, nein, es ist ganz anders. Der Grund dafür ist, dass das Christentum hier einfach weniger verbreitet ist und daher die christlichen Feste eher unbekannt sind bzw „materiell aufgefasst“ werden. So ist es schon so, dass man hier im Dezember überall Plastik(!!)weihnachtsbäume stehen sieht und alles geschmückt ist, aber das Gefühl fehlt…die Seele des Festes. Auch wenn bei uns im Westen mittlerweile sehr viel Kritik am materialisierten Weihnachtsfest, dessen eigentliche Bedeutung mehr und mehr verloren geht, geübt wird, so scheint es im Vergleich zu dem hier in Taiwan doch voller Liebe und Leben. Auch hatten wir Austauschschüler an Weihnachten Schule, was ich aber letztenendes nicht so schlimm fand, denn es war ja keine Familie zuhause mit der ich ein Weihnachtsfest hätte feiern können. Ähnlich deprimierend war Silvester. Abends Kino, danach 10 Minuten Feuerwerk (und das nicht mal auf die Minuten zur richtigen Zeit..) und dann nach Hause zum Schlafen… Heimweh hatte ich nicht um diese Zeit herum, aber besonders gut ging es mir auch nicht.

 

Anfang des Jahres habe ich dann auch meine Gastfamilie gewechselt. Bzgl des Wechselns hatte ich anfangs ein bisschen Bedenken und habe mich innerlich auch ein wenig gesträubt, denn meine zweite Familie erschien mir sehr konservativ, ihr vorheriger Austauschschüler (Michel) war mit ihnen nicht sonderlich gut auseinander gegangen und mein neues Gastpapa war auch noch Vize Chairman und somit direkt in der Rotary Distriktverwaltung (mit der ich kurz davor Probleme hatte..). Kurze Zeit nach dem Wechsel stellte sich allerdings heraus, dass meine Sorgen vollkommen, aber wirklich vollkommen, unbegründet waren! Meine Familie ist unglaublich lieb und ich habe sie genauso lieb wie meine erste Gastfamilie. Ich rede sehr viel mit meinen Eltern, v.a. mit meinem Gastpapa. Sie kennen mich mittlerweile auch sehr gut und wissen genau was ich mag und was nicht. So fahren wir an den Wochenenden gerne in kleinere Städte, aufs Land oder in Kunstviertel. Hinzu kommt, dass mein Gastpapa ein super Koch ist!!

 

Auch den Strand in Kenting habe ich nachgeholt (habe ich doch gesagt 😉 ) Kenting ist wirklich wunderschön! Weiße Strände, türkisblaues Wasser… (allerdings nicht ganz so traumhaft schön wie die Inseln 😉 )

 

Außerdem war ich endlich in Taipei und habe dort eine sehr gute deutsche Freundin und Austauschschülerin besucht! Taipei fand ich persönlich sehr cool. Aufgrund der hohen Zahl an Ausländern, fällt man als dieser weder auf noch wird man groß angeschaut, außerdem gibt es unglaublich viele Möglichkeiten international zu essen und einzukaufen. Meine Freundin hat mir anstelle der normalen Hotspots allerdings mehr „ihr Taipei“ gezeigt, was ich wirklich super fand, denn auch Taipei ist nicht nur überfüllte Großstadt!! Auch nach Taitung ging es ein zweites Mal. Wieder mit Rotary, aber dieses Mal als Distrikt mit den ganzen Austauschschülern bzw ein Taipei Distrikt war auch dabei. Dieser Trip war sogar erst vor kurzem, denn im Moment ist das Laternenfest und anlässlich dieses Festes sind wir eben dorthin gefahren. Dort hatte ich dann aber gleichzeitig auch das für mich persönlich im Bezug auf die taiwanische Kultur schockierenste Erlebnis bis jetzt. Das sog Handan Fest… dabei steht ein Mann, der nur im Gesicht und Lenden bereich geschützt ist auf einer Art Trage und wird während er mit einem Bündel Blätter wedelt von anderen Männern mit Feuerwerk beworfen… Traditionell sind diese Männer auf der Trage Männer, die irgendeine Tat bereuen und sich „reinigen“ wollen. Durch die Hitze des Feuerwerks soll der Feuergott in den Körper des Mannes kommen und ihn reinigen. Tja… ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich davon nichts, aber auch gar nichts halte, es unnötig und dumm finde, aber derartige Konfrontationen gehören zu einem Kulturaustausch denke ich dazu. Fast am schlimmsten fand ich allerdings wie viele Taiwaner sich das gerne anschauen und gut finden… Ich war ehrlich gesagt schockiert über das Volk zwischen dem ich seit Monaten lebe. Nicht zuletzt auch deshalb ging es mir in letzter Zeit nicht besonders gut. Ich habe angefangen meinen Freund immer mehr zu vermissen, wollte wieder meine richtige Familie sehen, mit meinen deutschen Freunden lachen und auch Deutschland an sich wieder sehen. Gleichzeitig passierten hier sehr viele unschöne Dinge, die mich direkt betrafen und nicht unbedingt glücklicher gemacht haben. Über zwei Wochen spielte ich mit dem Gedanken der früheren Rückreise nach Deutschland, aber habe mich dann entschlossen zu bleiben und dafür zu kämpfen noch schöne drei Monate zu haben!

 

Im Februar hatten wir dann auch endlich, zum ersten und gleichzeitig letzten Mal in meiner Zeit hier, Ferien. Viele Austauschschüler fallen während ihrer Ferien regelrecht in ein Loch, weil der Alltag auf einmal wegfällt und es nichts mehr zu tun gibt. Zumal die taiwanischen Schüler auch während ihrer Ferien in die Schule gehen (zumindest die Hälfte der Ferien..). Ja, die Definition von Ferien ist hier entweder anders oder nie angekommen, ich hab keine Ahnung.. Fakt ist aber, dass meine Ferien super waren! Wenn ich nicht gerade mit anderen Austauschschülern unterwegs war, habe ich mir Zeit für mich genommen bzw in der Neujahrs Woche (es war die Zeit um Chinesisch Neujahr) war ich fast jeden Tag mit meiner Familie unterwegs. Sprich: alles andere als langweilig!! Chinesisch Neujahr war interessant, allerdings hatte ich es mir größer vorgestellt. Dafür, dass es in den Kalendern der Taiwaner so ein wichtiges Datum markiert, erschien es mir dann doch recht unspektakulär. Im Grund ist es wie eine Mischung aus Neujahr (der Feuerwerk und „Das neue Jahr beginnt“-Teil) und Weihnachten (der Geschenk- (man bekommt traditionell von den älteren die sog hongbao’s (zu Deutsch: rote Umschläge) in denen Geld ist) und Familien-Teil) Die „Kern-Neujahrstage“ waren meine ersten Tage hier in Taiwan in denen ich erlebt habe, dass hier auch mal nichts los sein kann – gruselig war das xD

 

In der Schule hat sich nichts groß verändert seit dem letzten Jahr. Der Unterricht ist eben Unterricht (und meiner Meinung nach nach wie vor zu lang..) und meine Mitschüler sind gleich geblieben, da ich meine ursprünglichen Klassen auch zum zweiten Semester behalten habe. Allerdings habe ich meine Klassen auf zwei pro Woche reduziert (Donnerstag Morgen kochen, Freitag Nachmittag backen), um an den restlichen Tagen Chinesisch lernen zu können. (Es steht Anfang Mai ein großer internationaler Test, TOCFL, an).

 

Abschließend kann ich nur sagen, dass ich Taiwan nach wie vor liebe, aber mich mittlerweile auch sehr freue Ende Juni zurück gehen zu können. Ich habe Europa und nicht zuletzt auch die Europäer sehr in Herz geschlossen und möchte sie nicht mehr missen 😉 Ich finde Asien immer noch sehr interessant, aber das „Herz-Heimatgefühl lebt irgendwie in Europa“…

 

Ganz liebe Grüße aus Taiwan, Juliette

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