USA – 3. Bericht von Leonard

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Alle Erfahrungen, die ich in diesem Jahr sammelte, waren verschieden, haben mich auf ihre ganz eigene Art geprägt und hatten unterschiedlichen Einfluss auf mich. Glücklicherweise sind es gute Erinnerungen, auf die ich gerne zurückblicke.

Vergleicht man Amerikaner und Deutsche von ihrem Lebensstil, fallen große Unterschiede auf. Vermutlich hängt das stark von der jeweiligen Region ab, aber auch von Einflüssen, die diese Umgebung geschichtlich prägten. Mein Leben und meine Eindrücke als Austauschschüler des Bundesstaates Washington können daher stark von dem eines Schülers in Texas variieren, so dass ich keine allgemeingültigen Aussagen für die gesamte USA treffen kann. 

Die ersten positiven Erfahrungen machte ich schon kurz nach meiner Ankunft in den USA. Die Amerikaner im Bundesstaat Washington sind unglaublich aufgeschlossen und sehr locker in vielen Dingen. Sie lernen einfach sehr gerne fremde Personen kennen und reden entspannt mit Unbekannten auf der Straße, im Bus oder im Restaurant. Eine Angewohnheit, die ich von Deutschland her bisher nicht kenne. Zwar ist man im eigenen Land kein Fremder, aber eine gewisse deutsche Reserviertheit kann ich für Deutschland nicht leugnen. Für mich jedenfalls war es niemals schwer Freunde zu finden, Gespräche zu beginnen oder in Unterhaltungen verwickelt zu werden. Jeder wollte mich kennenlernen und mit mir reden.  

Eine der größten Differenzen zu Deutschland ist der sogenannte „School Spirit“. Beginnend mit der Grundschule werden amerikanische Kinder zu einer Art Schul-Patriotismus erzogen und zu einer besonderen Loyalität zur eigenen Einrichtung geleitet. Insbesondere an der High School und später auch am College ist diese Ergebenheit deutlich spürbar. In der High School zelebrieren alle Schüler die wöchentlichen Football Spiele, indem sich einige Schüler komplett in den Farben ihrer High School kleiden und mit einem Höllenlärm ihre Mannschaft anfeuern, so wie man das von einem Fußballländerspiel aus Deutschland kennt. In der Schule ist Sport sehr wichtig und täglich werden zweistündige Trainingseinheiten in drei Sportarten angeboten. Die beliebtesten Schüler sind meist gute bis sehr gute Sportler. Einen besonderen Status haben die Footballspieler, mit denen quasi jeder befreundet sein möchte. Manchmal beschlich mich das Gefühl, dass es keine aufrechten Freundesbekundungen sind, sie nicht vom Herzen herkommen, sondern aufgrund einer gesellschaftlichen Rolle entstehen. Die sehr talentierten Sportler haben sogar bessere Chancen in einem guten College aufgenommen zu werden. Dort können sie dann in der Collegemannschaft trainieren und sind vom Zahlen des Schulgeldes befreit. Das ist nicht ganz unerheblich, da das College mehrere Zehntausend Euro pro Jahr kostet. Was für ein Privileg hier in Deutschland über ein kostenfreies Bildungssystem zu verfügen und sogar ohne Gebühr studieren zu können. Dafür ist das College in Amerika eine spannende Zeit und eine Art „Religion“. Jeder verfolgt seine Träume, die Schüler identifizieren sich mit ihrer Schule, kaufen Souvenirs und kämpfen und jubeln mit ihrem Team beim Footballspiel. Ähnlich läuft es auch in der High School. Einige Amerikaner blättern viele tausende Dollar pro Jahr für eine Mitgliedschaft im College hin. Diese Art Lifestyle im Zusammenhang mit Schule war für mich neu und überraschend. 

Selbst der Patriotismus für das Land und die USA sind überwältigend. Die Kinder sprechen jeden Morgen vor der Schule den „Pledge Of Allegiance“, mit dem man seine Achtung und seine Treue gegenüber der Nation und der Flagge der Vereinigten Staaten, gelobt. Dieser Nationalstolz findet auch an den zahlreich gehissten Flaggen an Gebäuden seinen Ausdruck, sowie im Singen der Nationalhymne zu jedem Anlass und vielen Gelegenheiten. Wir Deutsche empfinden beim Zeigen von Nationalstolz oft Beklemmung, zu tief liegen die Wunden und der Scham aus der schrecklichen Zeit des Nationalsozialismus. Nationalstolz wird oft dem Rechtsextremismus nahezu gleichgesetzt. Hier in Amerika wird der Stolz auf sein Land offen gezeigt, ohne dass eine politisch motivierte Wertung oder ein Urteil vollzogen wird. Das gilt natürlich auch für mich als Austauschschüler. Manchmal ergaben sich bei mir Gedanken, stolz auf meine Nation und Deutschland zu sein. Wir leisten so viel Gutes in der Welt, leben in Demokratie und etablierten einen Sozialstaat. Es wird über Waffenlieferungen, Umweltschutz, Klimawandel, gesünderes Essen, Tierschutz und vieles mehr diskutiert. Unsere Kanzler sind nicht gleich Multimillionäre und vieles ist einfach genial geregelt. Das fängt bei der Krankenversicherung für alle an und hört bei den öffentlichen Verkehrsmitteln, sowie Radwegen auf. Insbesondere letztere waren der krasseste Einschnitt und das größte Dilemma für mich. Ich, der es gewohnt war, unabhängig mit Rad durch den Alltag zu surfen, musste mich für jede „Pubsstrecke“ in ein Blechkästchen von Auto klemmen und rumgekutscht werden. Meine Ideale musste ich quasi für die Zeit über Bord werfen und in eine wirklich andere Welt eintreten. 

Die mir wichtigste Erfahrung war aber das Leben in unterschiedlichen Familien. Mein großes Glück war, auf eine Familie zu treffen, die einen völlig anderen Lebensstil verfolgte, als meine Familie in Deutschland. Diese Familie verbrachte lieber den Tag zu Hause, als etwas zu unternehmen. Nie hätte ich gedacht, dass ich die ewigen Wanderungen im Regen vermissen würde. Aber das Dilemma hat sich so zugespitzt, dass ich es kaum mehr in meinem Zimmer ausgehalten habe, mir buchstäblich die Decke auf den Kopf gefallen ist und voller Tatendrang, müde vom ewigen Rumhocken in der Bude, die Sache selbst in die Hand genommen habe. Die Inaktivität meiner Gastfamilie, förderte meine eigene Kreativität und ich begann mich besser zu organisieren. So traf ich mehr Verabredungen mit Freunden und begann mit ihnen etwas zu unternehmen.  

Auf einmal konnte ichmeine eigene Familie aus einer anderen Perspektive betrachten und begann die vielen gemeinsamen Unternehmungen und meine beiden Geschwister zu vermissen. Trotzdem habe ich mich gut angepasst, meinen Weg gefunden mich dennoch wohlzufühlen und hatte eine wundervolle Zeit. 

Völlig überraschende und neue Erfahrungen brachte das Corona Virus. Zunächst unterhielten sich die Schüler über das mysteriöse Virus in China und ich dachte, dass diese Infos wieder ein sinnloser Medienhype wären und beschäftigte zunächst nicht intensiv mit dieser Thematik. Ein bis zwei Monate später veränderte sich die Lage dramatisch und ich sollte eines Besseren belehrt werden. Der erste Erkranke in den USA veränderte schlagartig meine Pläne und Corona war plötzlich in vielen Lebensbereichen der Mittelpunkt und Gesprächsthema Nummer Eins in der Schule. Seit Monaten hatte ich darum gerungen in die Fußballmannschaft der Schule aufgenommen zu werden. Normalerweise habe ich mit Fußball absolut nichts am Hut, hatte höchstens mal im Kindergarten ein paar unbedarfte Bälle gekickt. Nun war es anders. Ich wollte ins Team. Ich wollte mich mit meiner Schule und meinen Klassenkameraden noch verbundener fühlen. Einfach richtig dazugehören. Mein erstes Fußballtraining war zugleich mein letztes. Corona machte meinen Traum zu Nichte. Die Schulen wurden geschlossen, Seattle abgeriegelt, einige Geschäfte machten dicht und die Coronafälle stiegen beständig. Die verhängte Sperre, Treffen mit Freunde zu minimieren war schmerzlich und ich mied Außenkontakte. Ein riesiger Zufall und Glücksumstand wollte es, dass ich geplant nach der ersten „Coronawoche“ meine Gastfamilie wechselte. In dieser habe ich einen gleichaltrigen Gastbruder, mit dem ich mich ausgezeichnet verstehe und gerne Zeit verbringe. Nach der einwöchigen Kontaktsperre hatte ich endlich wieder einen guten Gesprächspartner und Freund zurück, da wir uns schon von der Schule her kannten. Kaum war der Wechsel vollzogen, erreichte mich eine Mail vom Distrikt Gouverneur, dass es ab sofort strikt verboten wäre, andere Personen, als die Mitglieder der eigene Gastfamilie zu treffen. Fast hätte ich keine dritte Gastfamilie gehabt und meine jetzige Familie, die wirklich phantastisch ist, nicht kennengelernt. Langeweile plagt mich kaum, mein Gastbruder und ich füllen die Zeit gut und ich komme unkompliziert mit dieser Ausnahmesituation zurecht. Corona zog natürlich auch ein paar engmaschigere Telefonate mit meiner Familie in Deutschland nach sich. Die Situation ist für alle schwierig greifbar und eine gewisse Unsicherheit machte sich, selbst bei meinen sonst recht entspannten Eltern, breit. Sie bombardierten mich mit Infomaterial, Links und ersten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Corona. Mahnten mich zu besonders peinlicher Hygiene. Mich nervte das maßlos und ich wollte die Realität ausblenden. Plötzlich stand im Raum, dass ich den Austausch abbrechen könnte, was mich völlig überforderte. In mir widersetzte sich alles, lasse aber vorsichtig den Gedanken und die Auseinandersetzung mit dem Thema zu. Sorgen bereitet mir der Umstand, dass es besonders schwerwiegend alte Menschen treffen könnte und ich denke in letzter Zeit öfter an meine Großeltern in Deutschland. Da ich grundsätzlich sehr optimistisch bin, werde ich mich der Situation stellen und das Beste daraus machen. Möglicherweise ist irgendwann wieder etwas mehr Freiheit drin. Wer weiß.

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